Die Isel im Fokus: Der Prozess geht 2026 weiter

Am 14.1.2026 zogen Tourismusverband Ostttirol-Obmann Franz Theurl und der Tiroler Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer in Lienz Bilanz über das „Jahr der Isel“ und präsentierten die Schwerpunkte für 2026.

Dabei wurde deutlich: Das Iseljahr war kein abgeschlossenes Projekt, sondern der Auftakt für einen langfristigen gesellschaftlich-kulturellen Prozess rund um den letzten frei fließenden Gletscherfluss der Ostalpen. Dass Tourismusverband und Umweltanwaltschaft so eng zusammenarbeiten, sei auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich, räumte Johannes Kostenzer zu Beginn ein – zumal man sich in einzelnen Verfahren durchaus auch kritisch gegenüberstehen könne. Franz Theurl unterstrich, dass gerade diese kritische Begleitung wichtig sei: Die Tätigkeiten des TVBO im sensiblen Naturraum müssten reflektiert und verantwortungsvoll gestaltet werden.

Im Zentrum des Rückblicks auf das „Jahr der Iseltal“ im Vorjahr stand die Isel als lebendiges Gewässer. Zu Beginn des Iseljahres sei viel über diesen Begriff diskutiert worden, so Kostenzer. Wer sich darunter schwer etwas vorstellen könne, dem empfehle er, sich einen toten Fluss vor Augen zu führen – dann werde umso klarer, wofür die Isel stehe. Die Beziehung der Osttirolerinnen und Osttiroler zu „ihrer“ Isel habe sich im vergangenen Jahr eindrucksvoll bestätigt: Praktisch jede und jeder habe einen persönlichen Bezug zu diesem Fluss. Dieser Bezug spiegelte sich in einer Vielzahl an Aktivitäten wider. Insgesamt sieben Ausstellungen widmeten sich 2025 der Isel, darunter eine Doppelausstellung im Nationalparkhaus Hohe Tauern mit Hannelore Nenning, die Ausstellung zur Iseltrail-Fotochallenge in Lienz und Innsbruck sowie die Trachtenausstellung des Vereins „Handwerkskunst und Trachtenkultur in Osttirol“. Gemeinsame Wandertage mit dem Nationalpark Hohe Tauern, Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen – unter anderem am BG/BRG Lienz und am MCI Innsbruck in Kooperation mit „Protect Our Winters“ – waren jeweils gut besucht und von regem Austausch geprägt. Besonders hob Kostenzer die mehr als 50 Einreichungen von Menschen „wie du und ich“ hervor, die ihre Beziehung zur Isel in Texten, Videos und Fotografien ausdrückten. Ein Highlight war auch das Iselfest im Herbst in Ainet, organisiert gemeinsam mit der Gemeinde, den lokalen Vereinen und dem TVBO. Im Rahmen dieses Festes wurde erstmals eine „Deklaration für die Isel“ vorgestellt – erarbeitet von einer Gruppe von Anrainer:innen der Isel – von Prägraten bis Lienz. Diese Erklärung bildet nun auch einen Grundstein für die Idee einer eigenen Rechtspersönlichkeit der Isel. Kostenzer bedankte sich bei all jenen, die bereits in Workshops mit der Tiroler Umweltanwaltschaft an diesem Thema mitgearbeitet haben. Die Bewegung rund um die Rechte der Natur sei eine der am schnellsten wachsenden Rechtsbewegungen dieses Jahrhunderts. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um klassischen Naturschutz,  sondern um eine ganzheitliche Beziehung zum Gewässer, um ein verändertes Mindset und um den Abbau eines Ungleichgewichts im Rechtssystem.

Ausblick auf 2026: Der Prozess geht weiter

Für 2026 wurde klar festgehalten: Das Jahr der Isel ist zwar beendet, die Isel selbst „rinnt aber weiter“. Das Themenjahr sei bewusst als Auftakt gedacht gewesen, um den Fluss in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Auch künftig soll die oft schwer greifbare, aber stark spürbare Beziehung zur Isel sichtbar gemacht werden – insbesondere durch Kunst- und Kulturformate wie u.a. den geplanten „Iselslam“, eine Art Poetry-Slam für den Fluss. Geplant ist zudem ein „Dashboard zum Wohlbefinden der Isel“, das aufzeigen soll, wie es dem Fluss und seinen „Geschwistern“, den Zuflüssen, geht. Ein weiterer Schwerpunkt bleibt die Diskussion über die Rechte der Isel. Derzeit bestehe ein Ungleichgewicht, wenn GmbHs, Stiftungen oder Vereine juristische Personen sein können, die Natur als unsere Lebensgrundlage jedoch nicht. Eine mögliche Rechtspersönlichkeit der Isel soll dabei stets unter Wahrung der Interessen der Menschen gedacht werden.

Touristische und gesellschaftliche Perspektiven

TVBO-Obmann Franz Theurl kündigte an, die eingeschlagene Strategie kontinuierlich weiterzuverfolgen. Aufgrund der großen und positiven Resonanz könne er sich eine regelmäßige Veranstaltung des Iselfestes sehr gut vorstellen – gemeinsam mit der Gemeinde und den Vereinen vor Ort. Der Tourismusverband möchte weiterhin gestalten und dazu beitragen, dass die Osttiroler:innen das „Flussjuwel Isel“ schätzen und bewahren. Der Iseltrail solle laufend weiterentwickelt werden, geplant seien u.a. ein Isel-Trail-Haus in der Pfister, eine neue Hängebrücke in Seblas/Matrei i.O. sowie eine Plattform in der Iselschlucht. In den kommenden Monaten stehe zudem die Gründung eines Vereins der „Iselfreunde“ auf dem Plan, der sich u.a. dem Schutz und Erhalt der Isel als letztem frei fließenden Gletscherfluss der Ostalpen widmet. Vorgesehen sind weiters Exkursionen sowie Kooperationen mit Universitäten und Schulen – Maßnahmen, die laut Franz Theurl der Isel zusätzliche „Lebenskraft“ verleihen sollen.

Rechte der Natur als langfristige Vision

Wie Johannes Kostenzer weiter ausführte, sei der eingeschlagene Weg rund um die Isel bewusst langfristig angelegt. Das Recht, wie wir es heute kennen, sei kein „planetares“, sondern ein vom Menschen geschaffenes System, das stark auf menschliche Interessen ausgerichtet ist. Angesichts globaler Beispiele, in denen Flüsse und Ökosysteme bereits mit eigenen Rechten ausgestattet wurden, gelte es auch in Osttirol, diesen Diskurs weiterzuführen und weiterzudenken. Es brauche mehr Respekt gegenüber allen Lebensformen, mit denen wir den Planeten teilen. Das Jahr der Isel habe wesentlich dazu beigetragen, diesen Fokus in Osttirol zu schärfen. Naturschutzrechtlich sei die Isel gut abgesichert – im Zentrum stehe hier ein respektvolles Miteinander. Franz Theurl bezeichnete eine eigene Rechtspersönlichkeit für die Isel abschließend als „die Krone für den Fluss“. Sie sollte „das gemeinsame Ziel aller Beteiligten sein“.

 

Text: Redaktion, Foto: © Osttirol heute/Aldo Ernstbrunner

15. Januar 2026 um