WK-Präsident Christoph Walser: „Covid-19 ist keine Wirtschaftspandemie“

Vertreter der WK Tirol haben sich heute klar gegen einen Lockdown ausgesprochen und eine Online-Petition gegen Reisewarnungen gestartet. Kritik kommt von den NEOS.

Angesichts der Verschärfungen in Nachbarstaaten ist auch in Österreich ein Nachjustieren der Corona-Maßnahmen zu erwarten. Darauf wurde am 29.10. auch im Rahmen einer Pressekonferenz von Wirtschaftsvertretern in Innsbruck Bezug genommen. Tirols WK-Präsident Christoph Walser erklärte, dass die Wirtschaft – wie bisher – bereit sei, im Sinne der Gesundheit ihren Beitrag zu leisten, warnte aber vor einem neuerlichen Lockdown wie im Frühjahr: „Das wäre für die Betriebe und die Arbeitsplätze eine Katastrophe. Wir haben inzwischen gelernt, mit dem Virus differenziert umzugehen und brauchen treffsichere Maßnahmen.“ Diese müssten für Walser so gestaltet sein, dass das wirtschaftliche Leben mit den entsprechenden Corona-Sicherheitsmaßnahmen im Wesentlichen aufrechterhalten wird. Für den WK-Präsidenten ist die Einbeziehung des privaten Bereichs unausweichlich. Inzwischen zeige sich, so Walser, klar, dass der Großteil der Infektionen aus privaten Zusammenkünften kommt. Daher sei es in der jetzigen Lage notwendig, zeitlich beschränkt auch die Ansteckungsketten im Privatbereich einzudämmen. „Es nützt uns nichts, wenn wir die Wirtschaft auf ein Minimum einbremsen, aber den Privatbereich unbeachtet lassen. Covid-19 ist schließlich keine Wirtschaftspandemie, sondern betrifft die gesamte Bevölkerung. Ich kann mir beispielsweise eine befristete Ausgangssperre von 22.30 Uhr bis 6.00 Uhr vorstellen, um die Corona-Zahlen in den Griff zu bekommen.“ Darüber hinaus forderte der WK-Präsident auch ein Offenhalten der Schulen und die massive Aufstockung der Beförderungskapazitäten im öffentlichen Personennahverkehr. Der Spartenobmann für Tourismus und Freizeitwirtschaft, Mario Gerber, unterstrich diese Forderungen: „Wie eine aktuelle Studie belegt, ist die Gastronomie nur für zwei Prozent der Infektionen ursächlich, der gesamte Tourismus für 3,4 Prozent. Das zeigt, dass die Sicherheitskonzepte, die Sperrstunde und die Registrierungen greifen.“ Gerber sieht dringenden Handlungsbedarf bei privaten Partys nach der Sperrstunde, die zu Spreader-Events werden. Er hofft, dass mit ganzheitlich angesetzten Maßnahmen die Fallzahlen gesenkt werden können und die Wintersaison zu Weihnachten anlaufen kann. „Sonst sieht es in vielen Tälern düster aus“, so Gerber. „Wenn der Tourismus ausfällt, wackeln auch zahlreiche Arbeitsplätze bei Zulieferern aus dem Gewerbe, dem Handel und in vielen anderen Branchen.“

 

Forderten eine Einbeziehung des privaten Bereichs bei den Corona-Maßnahmen und das Aus von Reisewarnungen und Beschränkungen im Grenzverkehr: Seilbahnen-Fachgruppenobmann Franz Hörl, Tourismus-Spartenobmann Mario Gerber und WK-Präsident Christoph Walser (v.l.) am 29.10.2020 in Innsbruck.

 

Petition gegen Reisewarnungen und Beschränkungen im Grenzverkehr

Große Sorgen bereiten den Wirtschaftsvertretern die unabgestimmten und teilweise nicht nachvollziehbaren gegenseitigen Reisewarnungen der europäischen Staaten. „Hier ist die EU gefragt, dem Fleckerlteppich endlich ein Ende zu machen und dem grassierenden Nationalismus einen Riegel vorzuschieben“, erklärte Christoph Walser. Reisewarnungen würden den Binnenmarkt untergraben und seien nicht nur für den Tourismus, sondern auch für grenzüberschreitende Dienstleistungen und den Export schädlich – und zwar für alle Staaten. Auch für den Obmann der Fachgruppe Seilbahnen, Franz Hörl, braucht es ein Umdenken auf europäischer Ebene. „Wir arbeiten derzeit daran, in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut besondere Sicherheitskonzepte zu erstellen, die geeignet sind, Rückkehrern nach Deutschland die Fünf-Tages-Quarantäne zu ersparen“, erklärte er und verwies, ebenso wie Christoph Walser, auf die Online-Petition der Wirtschaftskammer Tirol unter www.stoppt-reisewarnungen.at

Kritik der NEOS

Schockiert über die WK-Forderungen zeigte sich NEOS-Klubobmann Dominik Oberhofer. „Ausgangssperren erinnern an Diktaturen und Kriege – wir sind aber nicht in Nord Korea! Derartige Forderungen haben im Jahr 2020 in Tirol keinen Platz“, so Oberhofer. Für die NEOS sei klar: „Maßnahmen sind nur dann zu setzen, wenn deren Sinnhaftigkeit empirisch belegbar ist und man sie der Bevölkerung schlüssig erklären kann, damit sie von allen mitgetragen werden. Ausgangssperren wie sie Walser & Co. heute forderten, bedeuten de facto, dass die Menschen abends etwa ihre Hunde nicht mal mehr Gassi führen können“.

Es würde in Tirol nur noch Angst- und Panikmache in der Politik vorherrschen, so die Meinung der NEOS. „Es geht nicht darum, die Menschen unter Kontrolle zu bringen, sondern das Virus. Wir müssen in erster Linie die Risikogruppen schützen, keinesfalls aber Menschen wegsperren!“ Der pinke Klubchef fordert abschließend mehr Sachlichkeit und eine Politik der Zuversicht ein: „Diese Maßnahmen tragen wir NEOS nicht mit und kündigen massiven Widerstand an!“

 

Text: Politikredaktion, Fotos: © WKT/Die Fotografen

29. Oktober 2020 um