Borkenkäfer: Dramatische Situation in den Osttiroler Wäldern

Die Waldbesitzer werden umfassend unterstützt. Mit 7,2 Mio. Euro fließen 2022 mehr als die Hälfte aller forstlichen Fördermittel Tirols in den Bezirk Lienz.

Die extremen Waldschäden der letzten Jahre mit Naturkatastrophen wie dem Sturmereignis VAIA 2018 und den zwei extremen Wintern 2019/20 und 2020/21 in Kombination mit vergleichsweise geringen Niederschlägen und wärmeren Temperaturen im Jahr 2022 boten den Waldschädlingen ideale Bedingungen für eine besonders starke Vermehrung. Bei einem Lokalaugenschein in St. Veit in Defereggen gaben LH-Stv. Josef Geisler, Forstdirektor Josef Fuchs, Bgm. Vitus Monitzer, Bezirkshauptfrau Olga Reisner, Bezirksforstinspektor Erich Gollmitzer und Vertreter der Wildbach- und Lawinenverbauung einen Überblick über den Zustand des Waldes und die Maßnahmen zur Borkenkäfer-Bekämpfung.

„Durch die Naturereignisse der letzten Jahre mit Sturm, Windwurf und Schneedruck und durch den Klimawandel mit höheren Temperaturen ergibt sich für den Wald in Osttirol eine nahezu dramatische Situation. Die größte Herausforderung ist derzeit der Kampf gegen den Borkenkäfer. Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um den Schutzwald zu erhalten bzw. wiederherzustellen“, betonte Agrarlandesrat Josef Geisler.

 

v.l.n.r.: Bezirksforstinspektor Erich Gollmitzer, Ivo Schreiner (Leiter-Stv. der Wildbach- und Lawinenverbauung Sektion Tirol), Bezirkshauptfrau Olga Reisner, LH-Stv. Josef Geisler, Bgm. Vitus Monitzer, Landesforstdirektor Josef Fuchs.

 

Beim Lokalaugenschein in Osttirol wurden auch weitere Schritte für den Erhalt und die Wiederherstellung des Schutzwaldes besprochen. Künftig soll es eine klare Konzentration der forstlichen und technischen Maßnahmen auf Wälder mit direkter Objektschutzwirkung – also etwa den Schutz von Gebäuden – geben, jeweils in enger Abstimmung mit der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV). „Dort, wo der Wald Wohnobjekte geschützt hat und nun vom Borkenkäfer befallen ist, werden prioritär Maßnahmen gesetzt – zum Teil auch Bauwerke der Wildbach- und Lawinenverbauung errichtet. Wir arbeiten derzeit intensiv an einem Maßnahmenkatalog mit Priorisierung von technischen Möglichkeiten zur Kompensation des Verlustes der Waldwirkung für den Siedlungsbereich“, so Ivo Schreiner, Leiter-Stellvertreter der Wildbach- und Lawinenverbauung Sektion Tirol.

 

Bezirksforstinspektor Erich Gollmitzer: „Unsere Strategie zur Borkenkäfer-Bekämpfung war auf 30. Juni 2022 ausgerichtet. Durch die erhöhten Temperaturen und den geringen Niederschlag hat sich alles nicht so entwickelt, wie gewünscht. Nun liegt der Fokus auf der konsequenten Wiederbewaldung der Schadflächen mit klimafitten Baumarten sowie der Optimierung der Transportlogistik und der Holzvermarktung.“

 

Das Hauptaugenmerk beim Forstschutz liegt darauf, Holznutzungen auf „frischen“ Stehendbefall zu konzentrieren. Es wird keine Förderungen für Nutzungen von Totholz geben. Eingebautes Holz (hohe Stöcke, quergefällte Bäume) werden finanziell abgegolten. Es besteht auch die Absicht, mit dem Bund an einer Lösung im Sinne einer Holz-Gas-Strategie zu arbeiten, um für minderwertiges Holz eine möglichst hohe Wertschöpfung erzielen zu können. Im Rahmen der forstlichen Förderung fließen in diesem Jahr insgesamt rund 7,2 Mio. Euro in den Bezirk Lienz. Das ist etwas mehr als die Hälfte aller Fördermittel für ganz Tirol, die Osttirol zugutekommen.

 

Bgm. Vitus Monitzer: „Mit 160.000 Kubikmeter Schadholz in Folge von Windwurf und Schneebruch ist das Defereggental eine der hauptbetroffenen Regionen Osttirols. Rund 80 Prozent der rund 2.000 Hektar Waldfläche in unserer Gemeinde sind Schutzwald. Nun gilt es, den Schaden so gering wie möglich zu halten und Kahlflächen rasch wieder aufzuforsten.“

 

Durch Windwurf und Schneebruch entstanden in den Jahren 2018 bis 2020 rund 2,2 Millionen Kubikmeter Schadholz in Osttirol. Zu den Schadereignissen kamen heuer weitere Faktoren hinzu: Eine ungünstige Witterung mit nur zwei Drittel der durchschnittlichen Niederschlagsmenge, um drei bis vier Grad wärmere Temperaturen als im langjährigen Durchschnitt und eine um 20 Prozent höhere Sonnenscheindauer. „Diese Umstände haben die Wälder geschwächt und die Ausbreitung des Borkenkäfers begünstigt.  Ab Mitte Mai 2022 kam es auch aufgrund der beschriebenen Witterungsverhältnisse zu einer explosionsartigen Ausbreitung des Borkenkäfers“, informierte Landesforstdirektor Josef Fuchs. Im Jahr 2021 wurden rund 105.000 Kubikmeter Holz vom Borkenkäfer befallen, im heurigen Jahr werden es voraussichtlich rund eine Million Kubikmeter Holz sein. „Die bisherige Schadholzmenge von 3,2 Mio. Kubikmeter entspricht rund der 15-fachen Menge der Normalnutzung eines Jahres“, so der Landesforstdirektor.

 

Durch das so genannte „Querfällen“ von Bäumen soll die Schutzfunktion des Waldes vor Lawinen, Hangrutschungen, Steinschlag usw. erhöht werden.

 

„Mit enormer Kraftanstrengung und Mithilfe aller verfügbaren Ressourcen konnten bisher rund zwei Millionen Kubikmeter Schadholz aufgearbeitet werden“, so Erich Gollmitzer, Leiter des Bezirksforstinspektion Lienz. An neuralgischen Stellen und im Objektschutzwald wurden rund 130 Käferfallen aufgestellt. Mit über 4.000 TRINET-Systemen – pyramidenförmige Dreibeingerüste, über die ein Netz mit Anti-Schädlings-Wirkstoff gespannt wird – konnten rund 220 Millionen Käfer beseitigt werden. Zudem kamen 300 Fangvorlagen zum Einsatz. „Dies alles war nur durch das Zusammenwirken der Nordtiroler und Osttiroler Kollegen möglich. So leisteten Mitarbeiter aus Nordtirol rund 7.000 Einsatzstunden von im Bezirk Lienz“, erklärte Gollmitzer.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol heute/Mühlburger

04. August 2022 um