Ausklang des Almsommers: Almabtrieb von den Jagdhausalmen im Defereggental
Als kulturhistorische Besonderheit gelten die Jagdhausalmen im hintersten Defereggental. Bewirtschaftet werden sie von Bauern aus dem Tauferer Ahrntal bzw. Reintal in Südtirol.
Die Jagdhausalmen auf 2.009 Metern Seehöhe gehören zu den ältesten Almen Österreichs. Besitzer und Bewirtschafter ist eine Agrargemeinschaft mit 15 Mitgliedern – allesamt Bauern aus dem Tauferer Ahrntal bzw. Reintal in Südtirol. Obmann Andreas Eppacher hat uns im Zuge des Almabtriebes am 18. September viel Interessantes über die oft auch „Klein-Tibet“ genannten Almen erzählt. „349 Jungrinder, 60 Schafe und 40 Ziegen haben, betreut von vier Hirten, heuer den Sommer hier auf der Jagdhausalm verbracht. Die Milch der drei Melkkühe wurde zu Käse, Butter und Joghurt verarbeitet, die Anton Mittermair in Form von allerlei Köstlichkeiten unseren Besuchern aufgetischt hat. Neben Wanderern kommen zunehmend auch E-Biker zur Jagdhausalm und genießen hier die Ruhe und die ganz besondere Atmosphäre“, berichtet Andreas Eppacher.
Die Jagdhausalmen bestehen aus 16 Steinhütten und einer Kapelle und werden deshalb oft als „Klein-Tibet“ bezeichnet. Seit 2008 ist die Alm durch ein kleines Elektrowerk mit Strom versorgt. Das erleichtert das Almleben um ein Vielfaches. Die Häuser der Almsiedlung selbst dienen als Ställe, Vorratslager und Behausung der Senner.
Der Bauer vom Niederunterer Hof in Rein in Taufers kennt die Geschichte der Jagdhausalmen genau. „Es handelt sich um eine der ältesten, urkundlich belegten Almen Österreichs“, sagt er. „Erstmals erwähnt wurde die Alm in einer Urkunde des Bischofs Konrad von Brixen aus dem Jahre 1212. Damals befanden sich hier auf über 2.000 Metern Seehöhe sechs Schwaighöfe, die das ganze Jahr über bewohnt waren. In der Urkunde steht auch, dass die Höfe eine jährliche Zinslast von 10 Mark Friesacher Münze an das Hochstift Gurk zu leisten hatten. Das Hochstift hatte jedoch anscheinend keine große Freude mit den Schwaigen. Der Besitz ging an die Herren von Taufers über, die ihn im Jahre 1315 wiederum an den Tiroler Landesfürsten abtraten. Im Gesamturbar von 1406 werden ,Alben‘ anstatt Schwaighöfen genannt. Seit damals werden die Steinhütten nur mehr im Sommer genutzt.“

Heute befindet sich die Alm mit einer Gesamtfläche von 1.745 Hektar im Besitz einer 1970 gegründeten Agrargemeinschaft, die 15 Südtiroler Bauern als Mitglieder zählt. Die Bauern sind Inhaber der so genannten „Kasten“. „Der Begriff geht wohl auf die mit Trockenmauern umrahmten Wiesen der einstigen Schwaighöfe zurück“, vermutet der Agrargemeinschafts-Obmann. Zum Almdorf gehören 16 Steinhäuser, die alle unter Denkmalschutz stehen, und eine Kapelle. Hierher treiben Jahr für Jahr 15 Bauern ihr Vieh auf. Der Weg der Tiere führt über das Klammljoch, einen Alpenübergang zwischen der Rieserfernergruppe im Süden und der Venedigergruppe im Norden, auf 2.288 Metern Seehöhe. Das Klammljoch verbindet Sand in Taufers durch das Reintal und das Knuttental in Südtirol mit St. Jakob in Defereggen in Osttirol. Die Bedeutung des Alpenüberganges schon in sehr frühen Zeiten belegen übrigens Funde aus dem 7. Jahrtausend v. Chr., die auf die Existenz von Lagerplätzen frühsteinzeitlicher Jäger hinweisen.
Andreas Eppacher: „Grundeigentum und Weiderecht liegen im Besitz von 15 Bauern aus Südtirol, die hierher ihr Vieh auftreiben. Durchschnittlich drei bis fünf Senner kümmern sich im Sommer um die Tiere, die im August auf bis zu 2.500 Metern Seehöhe weiden.“
Der Almauftrieb der Südtiroler Bauern geht meist gegen Ende Juni über die Bühne. Der Termin ist aber, ebenso wie jener des Almabtriebes, immer auch von den vorherrschenden Schnee- und Wetterverhältnissen abhängig. „Im heurigen Jahr konnten wir aufgrund der großen Schneehöhe erst später auftreiben“, so der Südtiroler. Er bewirtschaftet, gemeinsam mit seiner Frau und drei Kindern, den Niederunterer Hof auf 1.550 Metern Seehöhe in Rein in Taufers. Die Jagdhausalmen erreicht man vom Hof, auf dem in Appartments auch Feriengäste urlauben können, in einer Gehzeit von rund 2,5 Stunden. „Unsere Milchkühe bleiben auch im Sommer im Tal. Auf die Alm kommen nur jene Tiere, die im Herbst kälbern. Sie finden auf den Almwiesen besonders gesundes Futter mit einem hohen Anteil an Bergkräutern vor, was sich auch in der Qualität der Milch niederschlägt.“

Zu den Jagdhausalmen gehört, wie Andreas Eppacher abschließend betont, auch eine Eigenjagd. „Die Mitglieder unserer Agrargemeinschaft üben das Jagdrecht aus, gepachtet hat die Jagd bis zum Jahr 2024 der Nationalpark Hohe Tauern.“ Für den begeisterten Landwirt und Jäger schließt die Bewirtschaftung der Jagdhausalmen sowohl wirtschaftliche als auch traditionelle Aspekte ein. „Almwirtschaft und Kulturpflege haben in Tirol einen hohen Stellenwert. Wir Bauern pflegen diese Traditionen hier auf den Jagdhausalmen Sommer für Sommer mit großer Leidenschaft – und dies soll auch so bleiben. Zu unserer Freude zeigen heute wieder viele junge Leute Interesse an der Almwirtschaft, so wie sie die Südtiroler Bauern hier im hintersten Defereggental seit Jahrhunderten betreiben!“
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Andreas Eppacher, Osttirol heute/Mühlburger





