Spannendes Bergabenteuer in den Hohen Tauern

Simon Gietl, Vittorio Messini und Isidor Poppeller haben Ende Oktober die technisch extrem schwierige Nordostwand der Kristallwand (3.310 Meter) durchstiegen.

Die Kristallwand ist vielen Bergsteigern als markanter Gipfel hoch über dem Innergschlöß, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Großvenediger, Rainerhorn, Schwarzer Wand und Schlatenkees gelegen, bekannt. Wer die Route über den Gletscherweg zum Löbbentörl wählt, hat lange Zeit den strahlend blauen Gletscherbruch vor sich – und oft ein markantes Krachen im Ohr. „Der Gletscherbruch an der Kristallwand gilt im weiten Umkreis als einer der aktivsten, vergleichbar etwa nur mit dem Teischnitz- oder dem Laperwitzkees in der Glocknergruppe“, sagt Vittorio Messini. Wie so viele andere Alpinisten hat der Dreitausender auch ihn und seine Kollegen in seinen Bann gezogen. Aus dieser Faszination heraus entstand auch das Projekt, die als extrem schwierig geltende Nordostwand der Kristallwand zu bezwingen.

Über die grün eingezeichnete Route erreichten am 9. August 1933 Albert Santner und Willi Trost den Gipfel der Kristallwand. Simon Gietl, Isidor Poppeller und Vittorio Messini durchstiegen die Nordostwand am 28. Oktober 2016 über die rot markierte Route erfolgreich.

Über die grün eingezeichnete Route erreichten am 9. August 1933 Albert Santner und Willi Trost den Gipfel der Kristallwand. Simon Gietl, Isidor Poppeller und Vittorio Messini durchstiegen die Nordostwand am 28. Oktober 2016 über die rot markierte Route erfolgreich.

Wie im Alpenvereinsführer über die Venedigergruppe nachzulesen ist, liegt der erste Durchstieg dieser Wand bereits über 80 Jahre zurück. „Den Alpinisten Albert Santner und Willi Trost gelang es, die Nordostwand am 9. August 1933 erstmals zu bezwingen. Alle späteren Versuche scheiterten, vor allem aufgrund der hohen Steinschlaggefahr in der Wand“, weiß der 28-jährige Kalser Bergführer. Gemeinsam mit seinem Bergführer-Kollegen Isidor Poppeller (43) hat Messini in den vergangenen Jahren wiederholt die Gegebenheiten in der Wand erkundet. „Wir haben unsere Versuche immer nur bei herbstlich-winterlichen Bedingungen gestartet. Im Sommer würde ich diese Route nie in Angriff nehmen.“

2011 und 2012 mussten die beiden Alpinisten ihr Vorhaben abbrechen. „Beim ersten Versuch spielte der Zeitfaktor eine Rolle, und 2012 hinderten uns die äußeren Bedingungen daran, die Durchsteigung der Wand erfolgreich abschließen zu können.“ Beim dritten Anlauf Ende Oktober 2016 waren die Voraussetzungen dann aber nahezu ideal. Vittorio Messini: „Wir fanden richtig guten Trittschnee und so genanntes Styropor-Eis vor. Gemeinsam mit dem Südtiroler Profi-Alpinisten Simon Gietl (32)
sind Isidor und ich vom Innergschlöß aus bis knapp unter das Löbbentörl aufgestiegen. Direkt an der Gletschermoräne haben wir unsere Zelte aufgeschlagen und dort die Nacht verbracht. Bei Sonnenaufgang starteten wir dann unser Unternehmen am Fuße der Nordostwand.“

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Im unteren Teil folgten die drei Alpinisten jener Linie, in der besonders viel Schneeeis lag. „Schneeeis
ist hilfreich, um schwierige Platten leichter überwinden zu können. Als wir das Schneeband erreichten, wollten wir zunächst über die Head-Wall, den steilsten Teil der Wand, hinaufklettern. Aus Zeitgründen – aufgrund der Steilheit und Ausgesetztheit dieser Route würde man einen weiteren Tag benötigen – haben wir uns aber dazu entschlossen, im linken Bereich der Head-Wall in zwei Seillängen auf den Nordostgrat auszusteigen. Rund 550 Meter hoch mussten wir klettern, bis wir gegen 18.00 Uhr das Gipfelkreuz erreichten. Zu dieser Zeit ging gerade die Sonne unter. Unsere Tour dauerte also von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang“, erinnert sich Vittorio an das einzigartige Bergerlebnis zurück.
Rein optisch, meint er, sei die Nordostwand der Kristallwand mit der Eiger-Nordwand vergleichbar, klettertechnisch aber sogar etwas schwieriger als die so genannte „Heckmair-Route“ auf den
Eiger.

Vittorio Messini auf dem Weg zum Gipfel

Vittorio Messini auf dem Weg zum Gipfel

Ihre Route auf den Gipfel der Kristallwand haben die drei Bergführer „Hobby Strahler“ genannt. Die
Namensgebung erklärt Messini so: „Das Gebiet rund um die Kristallwand gilt als Paradies für alpine Mineraliensammler, also Steinsucher. Für sie verwendet man häufig auch das Synonym ,Strahler‘, was auf die Kristalle, die in den Alpen zu finden sind, Bezug nimmt. Und wir sind eben keine Steinsucher, sondern Hobby Strahler.“

Zu Sonnenuntergang standen die drei Alpinisten beim Gipfelkreuz und nannten ihre Route „Hobby Strahler".

Zu Sonnenuntergang standen die drei Alpinisten beim Gipfelkreuz und nannten ihre Route „Hobby Strahler“.

Seine Faszination für Berge hat den Kalser schon nach Pakistan, China, Patagonien und Kanada geführt. Umso mehr schätzt er es, dass man auch in der heimischen Bergwelt immer wieder derart spannende Herausforderungen für sich entdecken kann. „Wenn man nach einer gelungenen Tour
beim Gipfelkreuz steht und – wie wir auf dem Gipfel der Kristallwand – sogar noch den Sonnenuntergang erleben kann, dann ist dies Anreiz genug, mehr zu wollen. Dieser Wunsch, diese Sucht, treibt mich an, und so wird die Bezwingung dieser Wand sicherlich nicht mein letztes spannendes Bergabenteuer gewesen sein“, hält Vittorio Messini abschließend fest.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Privat