Wie sehen Osttiroler BürgermeisterInnen die Zukunft ihrer Gemeinden nach Corona?

Auch Osttirols Kommunen haben durch die Coronakrise mit erheblichen Einnahmeneinbußen zu kämpfen. Zudem hat die Pandemie auf das gesellschaftliche Leben große Auswirkungen.

Die Coronakrise stellt auch die Gemeinden des Bezirkes Lienz vor außergewöhnliche und in dieser Form noch nie dagewesene Herausforderungen. Der Lockdown führt zu erheblichen finanziellen Einbußen, insbesondere was die Kommunalsteuer und die Abgabenertragsanteile betrifft. Viele Gemeinden in Osttirol waren und sind auch stark von der frühzeitigen Beendigung der Wintersaison und den mit den Reisebeschränkungen einher gehenden Unsicherheiten, wie sich die Sommersaison und der Rest des Jahres touristisch entwickeln, stark betroffen. Und auch auf das gesellschaftliche Leben in den Gemeinden hat die Covid-19-Pandemie massive Auswirkungen.

Bund und Land Tirol haben Finanzpakete geschnürt, um den Kommunen finanziell unter die Arme zu greifen:

Bund

Der Bund stellt den österreichischen Gemeinden rund 1 Milliarde Euro in Form von Zweckzuschüssen zur Verfügung. Investitionen auf kommunaler Ebene werden mit bis zu 50 % Förderquote unterstützt.

Land Tirol

Von der Tiroler Landesregierung wurde ein Gemeinde-Finanzpaket in Höhe von 70 Millionen Euro beschlossen.
40 Millionen Euro stehen für kommunale Investitionen, insbesondere zur Realisierung von Bauvorhaben, zur Verfügung.
30 Millionen Euro dienen der Abfederung sinkender Abgabenertragsanteile und der Stärkung der Liquidität.

 

St. Jakob in Defereggen

St. Jakob im Defereggental

 

Ingo Hafele ist Bürgermeister von St. Jakob in Defereggen, einer der stärksten Tourismusgemeinden im Bezirk Lienz. „Die Nächtigungszahlen haben sich im vergangenen Winter sehr erfreulich entwickelt, auch Ostern war gut gebucht. Durch die vorzeitige Schließung der Skigebiete und Beherbergungsbetriebe Mitte März fehlen uns jetzt Einnahmen von etwa vier Wochen und das gesamte Ostergeschäft. Das wirkt sich natürlich auch auf die Gemeinde aus – die Kommunalsteuer hängt in St. Jakob stark mit dem Tourismus zusammen“, so Ingo Hafele.

Aus dem Bundespaket erhält die Deferegger Talschlussgemeinde voraussichtlich 87.000 Euro. „Diese werden wir wahrscheinlich für Projekte im Jahr 2021 verwenden. Aus dem Landespaket zur Abfederung sinkender Abgabenertragsanteile und Stärkung der Liquidität sind uns ca. 32.000 Euro in Aussicht gestellt worden“, so Hafele. Zur bevorstehenden Sommersaison und zum Rest des Jahres sagt der St. Jakober Bürgermeister: „Die Hotels sperren größtenteils erst mit Ende Juni auf, und man weiß auch noch nicht, wie sich die Reisetätigkeit nach den Grenzöffnungen entwickelt. Fix ist, dass es sicher kein Rekordsommer werden wird. Wir werden aber bestimmt mit einem blauen Auge davonkommen. Für den Winter 2020/21 hoffen wir sehr stark, dass sich die Lage am Tourismusmarkt wieder normalisiert“, so Hafele abschließend.

 

Außervillgraten

Außervillgraten

 

Die Gemeinde Außervillgarten erhält voraussichtlich rund 80.000 Euro aus dem Bundes-Gemeindepaket und etwa 25.000 Euro aus dem 30 Millionen-Landespaket. „Wie viel wir aus dem Landespaket für kommunale Investitionen bekommen, wissen wir noch nicht. Wir haben für die Verwendung der Fördermittel den  Breitband-Ausbau, die Sanierung von Gemeinde- und Güterwegen sowie die ländliche Verkehrserschließung vorgesehen“, so Bgm. Josef Mair.

Auf den Hauptsegmenten Kleingewerbe und Tourismus baut die Wirtschaft in Außervillgraten auf. „Die Abgabenertragsanteile sind einer der größten Einnahmeposten jeder Gemeinde. Man rechnet aufgrund von Corona mit Einnahmeausfällen bei diesen Ertragsanteilen von 5 bis 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Kommunalsteuer beläuft sich in unserer Gemeinde auf knapp 100.000 Euro. Ich schätze, dass wir 2020 rund 10 Prozent weniger an Kommunalsteuer einnehmen werden“, so Mair.

Ideale Voraussetzungen für eine lange Wintersaison und eine gute Buchungslage nennt der Bürgermeister von Außervillgraten als Rahmenbedingungen im Tourismus vor Ausbruch der Pandemie. „Das frühe Ende der Wintersaison und der Lockdown waren schwere Schläge für den Tourismus – und durch die Mindereinnahmen an Steuern auch für die Gemeinden. Die weitere Entwicklung im Tourismus wird stark davon abhängen, wie die Öffnung der Grenzen – vor allem auch zu Italien – vonstatten geht. Ich sehe für uns den Vorteil, dass wir über einen kleinräumigen, überschaubaren Tourismus mit hoher Qualität verfügen. Almhütten, Ferienwohnungen oder ,Urlaub am Bauernhof‘ – genau diese kleinräumigen Strukturen werden die Gäste im heurigen Sommer und hoffentlich auch darüber hinaus schätzen. Und ich sehe auch einen Vorteil in unserer großteils unberührten und weitläufigen Naturlandschaft“, betont Josef Mair abschließend.

 

Kals am Großglockner

Kals am Großglockner

 

Erika Rogl ist Bürgermeisterin in der schon seit drei Jahren nächtigungsstärksten Osttiroler Gemeinde. „Aus dem Bundes-Gemeindepaket erhalten wir voraussichtlich rund 100.000 Euro. Wir werden dieses Geld genauso wie Fördermittel vom Land Tirol für die Dorfplatzgestaltung in Großdorf, für den Breitband-Ausbau und weitere Projekte verwenden. Wir sind immer noch mit der Aufarbeitung der Windwurf- und Schneedruck-Schäden beschäftigt und können Fördermittel auch dafür gut gebrauchen“, so die Bürgermeisterin des Glocknerdorfes.

Natürlich sei Kals sehr vom Tourismus abhängig. Erika Rogl zeigt sich aber für die kommende Sommersaison und darüber hinaus optimistisch. „Touristisch sind wir mit unserer ausgezeichneten Hotellerie und Gastronomie sowie mit den Privatvermietern, Schutzhütten und den Kalser Bergführern äußerst gut aufgestellt. Wir haben in den letzten Jahren viel Geld und innovative Energie in den Qualitätstourismus und in die Infrastruktur investiert. Man denke nur an die zahlreichen Single-Trails. Es wird natürlich durch Corona Einbußen geben. Aber ich denke, dass wir am Ende des Jahres im Tourismus und auch in der Gemeinde vernünftige Zahlen schreiben werden. Wandern, Bewegung und Outdoor-Aktivitäten liegen im Trend, und ich bin überzeugt, dass uns heuer auch zusätzliche Gäste aus Österreich in Kals besuchen werden.“

 

Nußdorf-Debant

Nußdorf-Debant

 

Nußdorf-Debant ist eine starke Gewerbe- und Industriegemeinde mit zahlreichen Betrieben im Lienzer Talboden. Auch der Handel ist mit dem Fachmarktzentrum inklusive Interspar ein wichtiges Segment. Mit rund 1 Mio. Euro trägt die Kommunalsteuer mehr als 10 Prozent zu den Einnahmen bei. „Ich schätze, dass wir durch die Coronakrise heuer 150.000 bis 200.000 weniger an Kommunalsteuer einnehmen. Es könnte aber auch sein, dass die Einbußen nicht so stark sind“, meint Bgm. Andreas Pfurner.

Bei den Abgabenertragsanteilen verzeichnete die Marktgemeinde im Juni 2020 einen Rückgang von etwa 30 % gegenüber dem Juni des Vorjahres. „128.000 Euro wurden uns aus dem Landespaket für Mindereinnahmen zugesagt. Aus dem Bundes-Gemeindepaket erhalten wir voraussichtlich rund 351.000 Euro. Wie wir diese Mittel einsetzen, werden wir im Gemeinderat diskutieren. Angedacht ist, einen Teil des Geldes für die Sanierung des Sportplatzes zu verwenden“, so Pfurner.

 

Prägraten am Großvenediger

Prägraten am Großvenediger

 

Die Iseltaler Gemeinde Prägraten am Großvenediger erhält laut Bürgermeister Anton Steiner aus dem Bundes-Gemeindepaket voraussichtlich rund 117.000 Euro und aus dem 30 Millionen-Landespaket etwa 43.000 Euro. „Die Mittel werden wir größtenteils für den Breitband-Ausbau, den Kindergarten und die Modernisierung des Nahwärmenetzes in kommunalen Gebäuden verwenden“, berichtet der Bürgermeister. Er betont, dass „in dieser schwierigen Situation alle Gemeinden gefordert sind, im Rahmen ihrer Möglichkeiten das wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Leben zu fördern“.

„Wir Gemeinden sind abhängig von finanziellen Unterstützungen durch Bund und Land. So wie es derzeit ausschaut, schaffen es die Gebietskörperschaften in enger Zusammenarbeit mit dem Gemeindebund, dem Städtebund, der Landeshauptleute-Konferenz, der Bundesregierung und allen demokratischen Ebenen, aus dieser Krise mit neuen Perspektiven hervorzugehen.“ Einen Vorteil sieht der Prägratner Bürgermeister darin, dass Osttirols Wirtschaft mit Industrie, Handel, Gewerbe und Tourismus sehr diversifiziert aufgestellt ist. „Der Tourismus ist natürlich eine besonders wichtige Sparte, und viele Handwerks-, Handels-, Dienstleistungs- und auch Landwirtschafts-Betriebe hängen direkt, indirekt oder induziert mit dem Tourismus zusammen“, so Steiner.

Zur weiteren Entwicklung im Tourismus meint Anton Steiner: „Wir werden die Einnahmenausfälle (frühzeitiger Schluss im Winter, Ausfälle am Pfingstwochenende sowie rund um die Feiertage Christi Himmelfahrt und Fronleichnam) sicher nicht mehr aufholen können. Wir hoffen aber, dass die Österreicher heuer verstärkt im eigenen Land Urlaub machen. Viele werden auch anstatt mit dem Flugzeug heuer mit Auto oder Zug anreisen. Vielleicht ergibt sich durch die Corona-Krise auch ein nachhaltigeres Konsumverhalten. Das würde zu Osttirol mit Natur, Bergen sowie gemütlichen Gasthöfen und Hotels sehr gut passen. Wir bieten hochwertige Beherbergungsbetriebe, und da zähle ich auch die Privatvermieter und ,Urlaub am Bauernhof‘ dazu“, meint der Prägratner Bürgermeister abschließend.

 

Sillian

Sillian

 

213.547 Euro – Hermann Mitteregger, der Bürgermeister der Marktgemeinde Sillian, hat die Summe, die seine Gemeinde aus dem Bundes-Finanzpaket voraussichtlich erhalten wird, genau im Kopf. „Wir werden dieses Geld größtenteils für die ÖBB-Infrastruktur, den Ausbau des Breitband-Ortsnetzes, den Hochwasserschutz und Projekte der Wildbach- und Lawinenverbauung verwenden. Vom Land Tirol erhalten wir rund 77.000 Euro“, so Mitteregger.

„Bei den Abgabenertragsanteilen fehlen uns im heurigen Juni etwa 40 Prozent gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres. Natürlich werden wir auch bei der Kommunalsteuer ziemlich große Mindereinnahmen verschmerzen müssen. Touristisch sind wir natürlich stark vom italienischen Gast abhängig. Hier müssen wir abwarten, wie es mit der Grenzöffnung weitergeht“, so Mitteregger, der auch eine große Herausforderung darin sieht, wie in Zukunft Veranstaltungen abgewickelt und Feste gefeiert werden können.

„Die bei Einheimischen wie Gästen sehr beliebten Sommerfestl’n am Gemeindehaus-Vorplatz sind aufgrund der Corona-Vorschriften fraglich. Wir sind gerade dabei zu klären, wie wir trotzdem ein geeignetes Konzept für die Durchführung dieser Veranstaltung auf die Beine stellen können. Das von der Schützenkompanie Sillian schon seit vielen Jahren am 15. August durchgeführte Kirchtagsfest ist derzeit noch nicht abgesagt“, so der Sillianer Bürgermeister. Alle sportlichen Veranstaltungen seien heuer höchstwahrscheinlich nicht durchführbar – außer dem Hochpustertal-Run.

„Die Großveranstaltung Sillian550 im Vorjahr war auch ein wirtschaftlicher Erfolg, und so verfügen zahlreiche Vereine noch über einen gewissen finanziellen Polster. Ich hoffe, dass Vereinsveranstaltungen bald wieder durchgeführt werden können. Aber gesundheitliche Fragen und die Ansteckungs-Prävention stehen natürlich auch für mich absolut im Vordergrund“, so Mitteregger abschließend.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol heute

09. Juni 2020 um