Nußdorf-Debant: Eine Wahl-Osttirolerin lebt ihre Kreativität

Auf einer Geschäftsreise hat die gebürtige Chinesin Ying Li vor Jahren ihren Mann kennengelernt und ist mit ihm und der gemeinsamen Tochter Dorothy 2014 nach Osttirol übersiedelt.

Tausende Kilometer von Osttirol entfernt – im fernen Nordosten Chinas – liegt am südlichen Ende der Liaodong-Halbinsel die Küstenstadt Dalian. Die Sieben-Millionen-Metropole ist die Geburtsstadt von Ying Li. Hier ist die heute 46-Jährige aufgewachsen, und hier hat sie als Kind auch ihre Liebe zur bildnerischen Kunst entdeckt. „Schon damals galt meine Leidenschaft dem Malen und Zeichnen. Ich habe mir immer das Geld für die Schuljause aufgespart, um damit Malstifte kaufen zu können“, erinnert sie sich zurück. Im Laufe der Jahre verfeinerte sie Können und Maltechniken. Wenig verwunderlich, dass ihr Talent nicht lange unentdeckt blieb und bei einem Modewettbewerb erstmals mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Eines führte zum anderen – und so erhielt Ying Li ein Stipendium für das Modedesign-Studium an der berühmten Donghua-Universität in Shanghai. Mit sechs jungen Frauen teilte sie sich dort ein Zimmer. „Heute sind wir in alle Welt verstreut, die Verbindung aus Studentenzeiten aber ist geblieben“, erzählt sie von regelmäßigen Kontakten und gegenseitigen Besuchen unter den früheren Studienkolleginnen. Zurückgekehrt nach Dalian, eröffnete sie einen Kleidershop mit schlussendlich fünf Filialen, der fünf Jahre lang sehr erfolgreich lief. „Mein Arbeitstag begann früh morgens und endete spätabends“, meint Ying Li im Rückblick und sagt, dass sie damals so etwas wie Freizeit nicht gekannt habe.

 

 

Damit nicht genug, fand die Absolventin der Modedesign-Uni für sich eine neue Herausforderung und begann, in Shanghai Industrie Design zu studieren. Neben dem Studium jobbte die vielseitig Begabte in einem Shopping Center, war für Zeitungen und für TV-Sender als Modeausstatterin tätig und verdiente sich ihr Geld mit der Illustration von Kinderbüchern. Erneut führte sie ihr Lebensweg zurück nach Dalian. Von 1997-2003 arbeitete Ying Li für regionale TV-Stationen und stieg bis zum Chief Producer mit ca. 100 TV-Spots pro Jahr auf. Die von ihr illustrierte Bildnovelle „such : as fish“ erreichte 2003 Platz sieben der Bertelsmann Bücher-Bestenliste für China. Bis heute ist die Liste der Publikationen mit Ying Li`s Illustrationen im Auftrag führender chinesischer Zeitungen und Magazine auf mehr als 2.000 angewachsen. 2009 schloss die junge Chinesin ihr zweites Studium mit dem „Master Degree for Industrial Design“ ab. Die berufliche Karriereleiter kontinuierlich hinaufkletternd, leitete sie von 2003 bis 2015 als Chefredakteurin die Abteilung für Illustrationen und Comics einer großen Tageszeitung mit einer Auflage von 350.000 Stück/Tag und unterrichtete daneben von 2008 bis 2013 auch als Gastprofessorin an der Fakultät für Industrie Design der Lu Xun University in Dalian.

Dass sie die Liebe einmal nach Europa führen würde, hätte Ying Li damals wohl kaum für möglich gehalten. Doch das Schicksal wollte es wohl so: Unterwegs auf einer Geschäftsreise, sprach sie am Bahnhof von Shenyang ein Fremder an, der den Bahnsteig für seinen Zug suchte. Ying Li konnte dem für den BMW-Konzern tätigen Österreicher den richtigen Weg weisen. Die beiden tauschten ihre Visitenkarten aus und bald darauf erhielt sie ein digitales Dankeschön. „Wir begannen, uns per E-Mail zu schreiben. Sechs Monate später besuchte mich Franz in Dalian – und unsere gemeinsame Geschichte nahm ihren Anfang.“

 

 

Die Übersiedelung nach Österreich, in das Heimatland ihres Mannes, im Jahr 2014 war für Ying Li, wie sie heute lachend erzählt, zunächst einmal ein großer Kulturschock. „Die ersten Jahre in Osttirol waren nicht einfach!“ Heute hat sie sich aber, wie sie festhält, gut eingelebt. Tochter Dorothy ist als 13-Jährige begeisterte Schülerin am BG/BRG Lienz und liebt es, ihre Freizeit mit Sport und Freunden zu verbringen.

 

 

Die Frage, was ihr selbst an Osttirol besonders gefällt, beantwortet Ying Li mit dem Hinweis auf die Schönheit der Natur, die Qualität der Lebensmittel und die Freundlichkeit der Bevölkerung: „Hier ist alles so sauber, das Wasser klar und die Bergwelt vielfach noch unberührt. Die Menschen sind gemütlicher und deutlich weniger gestresst als in China. Der Druck in Schule und Arbeitswelt lässt sich kaum vergleichen.“ Im familieneigenen Wohnhaus in Nußdorf-Debant hat sich die 46-Jährige ein kleines Atelier eingerichtet. Hier lässt sie ihrer Kreativität freien Lauf, hier entstehen Aquarelle, Tuschezeichnungen und Acrylbilder. Als Vorlage dafür dienen ihr Motive aus ihrer neuen Heimat – aus Lienz und dem Lienzer Talboden. „Ich möchte Land und Leute näher kennenlernen und Geschichten erzählen“, meint sie, die eine Auswahl ihrer Arbeiten in einem Kalender für das Jahr 2019 zusammengefasst hat.

 

 

Im Vorjahr hat Ying Li auch ihre eigene Werbe- und Bildagentur „bild4dich“ (www.bild4dich) gegründet, ist die digitale Grafik doch bis heute ihre bevorzugte Ausdrucks- und Kunstform. Interessierte Firmen, Vereine und Institutionen aus der Region können sich an sie auf der Suche nach einer hochwertigen, grafischen Gestaltung von Logos, Werbeaktionen, Jahresberichten, Prospekten etc. wenden. Für den Kalender auf der Liebburg im kommenden Advent wird die Wahlosttirolerin eines ihrer Werke zur Verfügung stellen. Außerdem arbeitet sie aktuell an der Illustration des Kinderbuches „Die rote Bohne“, das im Sommer 2019 in Europa und China erscheinen wird. Nach China führte wenige Tage nach dem Besuch in der journal-Redaktion auch die Reise, die Ying Li mit Mann und Tochter jedes Jahr aus Anlass des chinesischen Neujahrsfestes unternimmt. „Diesem Fest kommt eine enorme Bedeutung zu. Hunderte Millionen sind im ganzen Land unterwegs, um gemeinsam mit ihren Familien zu feiern“, freute sie sich zum Abschluss unseres Gespräches auf ihre „alte“ Heimat.

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: Martin Lugger

31. Januar 2019 um