Wie Erwin Holzer das Matreier Klaubauf-Brauchtum lebendig hält

Mit seiner beeindruckenden Sammlung und mit seinem Buch „Mottinga Lorvn“ erzählt Erwin von der Vielfalt der Masken, der Geschichte seiner Familie und von der tiefen Bedeutung, die das „Klaubaufgiehn“ für die Identität der Tauerngemeinde hat.

Im Kuroten-Haus in Matrei in Osttirol wurde schon immer geschnitzt. Hier kam Erwin Holzer im Jänner 1963 zur Welt – und hier begann auch seine lebenslange Verbindung mit dem Klaubauf-Brauchtum. Der erste Maskenschnitzer der Familie war Tobias Trost (1899–1975), Erwins Urgroßonkel, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts kunstvolle „Lorvn“ fertigte. Sein Stil war geprägt von feiner Ausarbeitung und Ausdruckskraft. Erwins Großvater Willy, ein Urgestein der lokalen Schnitzkunst, arbeitete später eher schlicht.

 

 

„Unser Opa hat meinen Bruder Harald und mich in den Sommerferien oft aus dem Schwimmbad geholt, wo wir eigentlich lieber geblieben wären“, erinnert sich Erwin schmunzelnd zurück. „Dann haben wir ihm beim Schleifen und Grundieren geholfen – einfache Hilfsarbeiten, für ein paar Schillinge.“ So kam Erwin schon als kleiner Bub mit dem Schnitzen und dem Klaubauf-Brauchtum in Berührung – eine Faszination, die ihn nie losließ.

 

 

Nach der Tischlerlehre zog Erwin in den 1980er-Jahren mit seiner Frau Silvia nach Wien. Doch die Verbindung zur Heimat blieb stark: „Auch in diesen Jahren war es uns stets wichtig, zu den Klaubauftagen nach Hause zu kommen. Dafür haben wir uns immer auch extra Urlaub genommen.“ Anfang der 90er-Jahre kehrte die Familie endgültig nach Matrei zurück.

 

 

Erwins Onkel Helmut Trost, der über Jahre hinweg die Organisation der Matreier Klaubauftage geleitet hatte, verstarb 1992 plötzlich. „Er war es, der mich motiviert hat, selbst mit dem Schnitzen von Lorvn anzufangen“, erzählt Erwin. Nach Helmuts Tod übernahm er dessen Amt als „Klaubauf-Chef“ – eine Aufgabe, die Organisationstalent und viel Herzblut verlangt. „Hausbesuche und Helfer koordinieren, Nikolaus, Engel, Lotterleit und Spielmann organisieren: Früher war es eine noch größere Herausforderung als heute, alle Rollen zu besetzen.“

Zum Abschluss dieser Tätigkeit organisierte Erwin 1999 gemeinsam mit engagierten Helfern die erste große „Original Matreier-Klaubauf-Ausstellung“ im Kesslerstadel in Matrei – ein Meilenstein für das Brauchtum im Bezirk. Begleitend dazu entstand ein kleines Buch, das die Eigenheit und Einmaligkeit der Matreier „Lorvn“ hervorhob.

 

 

Die Freude am Brauchtum hat Erwin inzwischen längst an die nächste Generation weitergegeben: Sohn Marcel und Tochter Chiara sind seit ihrer Kindheit mit Begeisterung dabei. In der Werkstatt im Keller seines Wohnhauses fertigt Erwin auch originalgetreue Miniaturen – kleine „Lorvn“ und komplette Klaubauf-Figuren mit allem, was dazugehört. Unterstützt wird er von seiner Frau Silvia und Tochter Chiara, die mit viel Geschick den Pelz, die Hose und die „Pfotschen“ nähen sowie die Kraxe aus Leder herstellen. Bis auf die kleinen Glocken, die zugekauft werden, entsteht jedes Detail in liebevoller Handarbeit.

 

 

In Erwins heimeligen Werkstatt finden sich auch über 90 „Lorvn“ aus der Hand von mehr als 20 Schnitzern aus Matrei und dem Lienzer Talboden. Die Atmosphäre ist warm und persönlich – ein Ort, an dem man sich gern aufhält, staunt und ins Gespräch kommt. Hier sind unter anderem auch Klaubauflorvn seines Opas Willy, seines Urgroßonkels Tobias und seiner Onkel zu sehen – nicht bloß verwahrt, sondern mit Gespür und Respekt präsentiert. Jede Maske ein Unikat, jede mit ihrer eigenen Geschichte. „Alles ist handgemacht. Viele der Lorvn wurden und werden auch heute noch bei den Klaubauftagen getragen. Für mich haben sie einen großen emotionalen Wert“, so Erwin.

 

 

Ein besonderer Blickfang in seiner Werkstatt ist ein alter Tisch, der früher beim „Tischzoichn“ im Kuroten-Haus verwendet wurde – ein stiller Zeitzeuge, den Erwin bewusst vor dem Entsorgen bewahrt hat. „Der alte Holztisch erinnert mich an unsere Vorfahren und daran, wie wichtig Zusammenhalt in der Familie und in der Heimatgemeinde ist.“

Erwin schnitzt vor allem aus Zirbenholz, das er aus dem Defereggental holt. Aber auch die Hölzer von Apfelbaum Birke und Linde kommen zum Einsatz. Die Masken zeigen verschiedene Gesichter. Manche erinnern an Tiere wie Gorillas, andere sind vermenschlicht oder nach realen Personen gestaltet. „Die Stile unterliegen gesellschaftlichen Veränderungen und das sieht man den Lorvn auch an.“

 

 

Mit seinem Buch „Mottinga Lorvn“, das 2017 erschien, wollte Erwin nicht nur seine Sammlung dokumentieren, sondern auch die Entwicklung der Schnitzstile über die Jahrzehnte sichtbar machen – und der nächsten Generation das Brauchtum näherbringen. Der Bildband zeigt einen Querschnitt durch die Vielfalt der Matreier Masken und erzählt zugleich von der Geschichte der Kuroten-Familie, von Anekdoten rund ums Klaubaufgehen und von der Leidenschaft, die hinter jeder Maske steckt. Das Buch wurde für Erwin zu einem echten Herzensprojekt.

 

 

Erwin freut sich heute besonders darüber, dass auch die junge Generation das alte Brauchtum des „Klaubaufgiehns“ mit Begeisterung lebt. Alljährlich Anfang Dezember, wenn die Klaubäufe durch die Gassen und Fraktionen der Tauerngemeinde ziehen, wird sichtbar, wie tief dieses Ritual in Matrei verwurzelt und wie lebendig es geblieben ist. „Brauchtum verändert sich über die Jahrzehnte“, sagt der Matreier. „Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass wir das Ursprüngliche bewahren. Die Klaubauflorvn, die unsere Vorfahren geschaffen haben und die Schnitzer heute mit viel Liebe zum Detail anfertigen, sind Ausdruck von gelebter Tradition und tief verwurzeltem Brauchtum. Es sind Werte, die es verdienen, erhalten und weitergetragen zu werden!“

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger

28. November 2025 um