Wetterbeobachter Norbert Niederegger: Mit geschultem Blick gen Himmel

Seit Mai 1964 steht Norbert Niederegger aus Sillian im Dienste der Hydrographie. Im Rahmen der 125-Jahrfeier des Hydrographischen Dienstes in Tirol wurde er ausgezeichnet.

Die Tradition, als freiwillige Wetterbeobachter zu arbeiten, reicht in der Oberländer Familie weit zurück. Bereits im Jahre 1900 übte sich Norberts Großvater Franz in der Wetterbeobachtung in Sillian. Im Dienst der Hydrographie standen später u.a. auch sein Papa Alfons und seine Cousine Anna Kienast. „Im Mai 1964 habe ich diese Aufgabe übernommen. Früher, als es noch eine Funkstation gab, musste ich die Werte sechs Mal am Tag aufzeichnen. Heute trage ich die Daten einmal täglich um 8.00 Uhr früh in mein Heft ein. Ende des Monats übermittle ich dann einen Monatsbericht an den Hydrographischen Dienst nach Innsbruck”, erzählt Norbert Niederegger, Seniorchef der „Pension Adelheid“, die inzwischen in dritter Generation von Tochter Angelika geführt wird.

 

 

Im Garten des Hauses steht auch die Wetterstation. „Hier habe ich heute in der Früh +6,3 Grad Temperatur und 1,7 mm Niederschlag gemessen. Für die pünktliche Datenablesung jeweils um 8.00 Uhr kommt mir meine innere Uhr zugute”, schmunzelt der gelernte Koch, der heute noch gerne in der Küche mit Rat zur Seite steht. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie blättert Norbert Niederegger für uns in alten Fotoalben und in den Wetteraufzeichnungen aus früheren Zeiten. Den Niederschlag von je 24 Stunden, Art und Dauer des Niederschlags, Schneehöhe, Neuschneehöhe, Lufttemperatur – das sind die Werte, die er täglich in sein Wetterbüchlein einträgt. Hinzu kommen Symbole für Niederschlagsformen wie Nieseln, Graupeln, Reif, Schauer oder ein Regen-Schnee-Gemisch.

 

 

„Schwalben abgeflogen” hat Norbert am 16. September 1998 notiert. „Manchmal fügen wir private Bemerkungen hinzu, wenn ein Umstand ungewöhnlich ist. Damals im Jahr 1998 sind die Schwalben spät in den Süden geflogen”, zeigt sich seine Gattin Annemarie für alles, was mit dem Wetter zu tun hat, interessiert. Den Begriff „Tropentage”, der heute gerne verwendet wird, habe es, so die beiden Sillianer, früher nicht gegeben. „Wenn die Temperatur auf über 30 Grad steigt, spricht man von einem Tropentag. Im Jahr 2017 verzeichneten wir fünf dieser überdurchnittlich heißen Tage, im Vorjahr ist die Temperatur bei uns an keinem einzigen Tag auf über 30 Grad gestiegen. Den höchsten Wert habe ich am 1. August mit 29,6 Grad notiert”, liest Norbert aus seinen Aufzeichnungen heraus.

 

 

Für den 29. April 2019 zeigen die Unterlagen übrigens eine Schneehöhe von 18 cm. „Eigentlich nichts Außergewöhnliches, wenn man sich schon Jahrzehnte mit dem Wetter beschäftigt”, ist Norberts  Kommentar zum relativ starken Schneefall Ende April. Klare Erinnerungen hat der Sillianer an das Hochwasser, das seine Heimatgemeinde im Oktober 1966 heimgesucht hat. „Damals fiel der Strom in ganz Sillian aus. Es war alles überschwemmt“, erzählt er und zeigt auf die Hochwassermarke an der Wand in seiner Stube. 103,5 Millimeter Niederschlag innerhalb von 24 Stunden – diesen Wert hat der Osttiroler im Vorjahr, am 29.10., in seinem Büchlein vermerkt. „Die Niederschläge im vergangenen Herbst waren enorm. Eine direkte Gefahr drohte dieses Mal aber nicht.”

 

 

Gemeinsam mit seiner Frau zeigt sich Norbert Niederegger zum Abschluss unseres Besuches zu Recht stolz darüber, dass die Wetterbeobachtung in Sillian, mit nur kurzen Unterbrechungen, bereits seit dem Jahre 1900 von seiner Familie ausgeübt wird. „Das Wetter muss bei uns wohl in den Genen liegen”, schmunzelt Norbert abschließend.

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger

10. Mai 2019 um