Wenn „Tyrannenkinder“ erwachsen werden
In ihrem neuesten Buch berichtet Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger von übergewichtigen Kindern, die chillbewusst, tyrannisch und voll Widerstand sind.
Martina Leibovici-Mühlberger ist Mutter von vier Kindern, praktische Ärztin, Gynäkologin, Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin. Soeben hat sie das Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können“ veröffentlicht. Am Freitag, 2. Juni 2017, hält die Buchautorin im Kultursaal Anras ab 19.00 Uhr einen Vortrag zum Thema. Raimund Mühlburger bat die Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin schon im Vorfeld ihres Osttirol-Termines zum Interview.

Frau Dr. Leibovici-Mühlberger, warum haben Sie den Begriff „Tyrannenkinder“ für den Titel Ihres neuesten Buches gewählt?
Martina Leibovici-Mühlberger: Ich habe mich im Zuge meines Buchprojektes mit Kindern beschäftigt, die sich auffällig verhalten und auch laut werden. Sie sind in ihrem Verhalten extrem oppositionell und unangepasst. Es geht um eine Art Erziehungsverweigerung der Gesellschaft und der Eltern und darum, dass diese Kinder leiden.
Sie sprechen immer wieder den Widerstand der Kinder an. Protestieren Heranwachsende heutzutage mehr als in früherer Zeit?
Ja, ich denke schon. Den Grund dafür sehe ich darin, dass die Gesellschaft und die Eltern – ich sag es jetzt ganz salopp – den Mädchen und Buben ein „artgerechtes Aufwachsen“ verweigern. Sie lassen die Zügel einer notwendigen Führungsverantwortung häufig extrem schleifen. Viele Verhaltensauffälligkeiten und Störungen, die bei Kindern auftreten, sind so in Wirklichkeit ein Ruf nach Erziehung. Die Kinder wollen damit sagen: Zeigt uns, wo es lang geht! Bereitet uns vor auf das Erwachsenwerden! Gebt uns die Werkzeuge, damit wir später „fit for life“ sind!
Sie meinen, dass es vielen Eltern heute also an Führungs- und Orientierungskompetenz fehlt und dass Kinder deshalb oft nicht mehr einfach nur Kinder sein können. Ist dieser Zusammenhang stimmig?
Ja, das ist das, was ich bemerke. Kinder können nicht mehr Kinder sein, weil Eltern nicht mehr Eltern sein wollen. In unserer Gesellschaft werden Kinder sehr früh als Erwachsene angesprochen und behandelt. Ihnen wird viel zu früh ein hoher Status an Selbstständigkeit & Eigenständigkeit zugestanden, damit sie gleichzeitig sehr früh auch als Konsumenten agieren können.
Sie stellen auch soziale Entwicklungsverzögerungen bei Kindern fest?
Kinder werden heute entsprechend den Dogmen der „großen Freiheiten und der Potenzialentwicklung“ behandelt. Es wird ihnen quasi alles erlaubt. Sie sollen sich ganz frei fühlen und alles ausprobieren. Was sie aber dabei nicht lernen, ist Durchhaltevermögen, Selbststrukturierung, eine adäquate, altersgemäße Bedürfnisverschiebung und vor allem die soziale Integration in der Gemeinschaft. Es geht vielfach nur mehr um einen narzisstischen Individualismus. Daraus resultiert, dass die Kinder später als junge Erwachsene kaum fähig sind, sich selbst zu organisieren und strukturieren. Wen wunderts, dass wir immer mehr junge Menschen erleben, die nicht in das Arbeitsleben integrierbar sind. Dies wird natürlich auch volkswirtschaftlich zusehends zum Problem.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie es in Ihrer Praxis immer wieder mit „großgewachsenen Dreijährigen“ zu tun haben, die die Tragweite ihres Handelns nicht begreifen. Was ist damit konkret gemeint?
Viele junge Menschen leben heutzutage in einer Art Reifungsverzögerung. Sie wollen jetzt leben, jetzt chillen. Sie machen nach der Matura einmal ein Sabbatical. Dann brauchen sie zwei Jahre, um Orientierung zu finden. Dann kommt noch die Haltung dazu, dass sie jetzt konsumieren wollen, weil sie jetzt jung sind. Das sind nur einige Beispiele, die ich immer wieder in meinem Praxisalltag erlebe.
Freiheit bedeutet doch aber auch Verantwortung zu tragen?
Ja, natürlich. Es mag zunächst natürlich phantastisch klingen, eine große Wahlfreiheit zu haben. Nur muss man sich immer im Klaren sein: Wer frei wählen kann, trägt auch die Wahlverantwortung. Viele junge Menschen wollen in Wahrheit aber nicht wählen, sondern nur ausprobieren. Sie wollen keine Entscheidungen treffen und diese dann konsequent durchziehen. Narzissten haben heute nicht nur in der Erziehungskultur Hochkonjunktur. Die Sucht nach Anerkennung ist groß – bei Erwachsenen, bei Jugendlichen und bei Kindern.
Wie wirkt sich dies bei Kindern aus?
Das ist natürlich dramatisch. Sie sprechen mit dieser Sucht nach Anerkennung eine fast schon pathologische Elterngruppe an, wobei es mir wichtig ist, dass dies kein Pauschalurteil für alle ist. Es ist aber klar, dass sich dieses Elternbild im Aufschwung befindet. Daneben gibt es nach wie vor unwahrscheinlich tolle Eltern, die sich sehr bemühen. Die Elternschaft steht heute insgesamt unter enormem Druck. Unsere Gesellschaft gibt unglaublich viele Benchmarks vor. Das eigene Kind wird so praktisch zum Objekt, das optimiert werden muss. Manche Eltern wollen aus dem Kind ein „Vorzeigeobjekt“ machen und sich dadurch selbst erhöhen.Nicht selten wird auch suggeriert, dass eine Eltern-Kind-Beziehung doch auch von einer lockeren Leichtigkeit geprägt sein sollte.
Es wird von Begleitung und nicht mehr von Erziehung gesprochen. Fehlt den Kindern dadurch die Führung?
Ja. Vielfach wird die Haltung vermittelt: Wir Eltern sind mit unseren Kindern befreundet, und wir sind eine ganz gechillte Familie. Die Realität ist jedoch eine andere. Dieser Outlook der lockeren Familie heißt vielfach, dass ich mich als Vater oder Mutter ganz früh aus der Erziehungsverantwortung entlasse. Wenn Kinder aber keine führenden Erwachsenen mehr haben, werden sie in Wahrheit sehr einsam. Führung bedeutet für mich nichts Autoritäres. Es geht nicht um den Rückschritt in eine autoritäre Erziehungskultur. Es geht darum, dass wir Erwachsenen einen Erfahrungsvorsprung in dieser Welt haben. Es ist unsere Aufgabe, darauf aufbauend, den Raum für unsere Kinder zu strukturieren.
Sie attestieren unserer Gesellschaft auch eine fehlende Kommunikation zwischen Eltern und Kindern.
Hier sprechen Sie einen besonders wunden Punkt an. Wir leben in einer Hochgeschwindigkeitszeit, wir sind reizüberflutet durch moderne Medien. Gemeinsame Kommunikationsräume haben wir vielfach aufgegeben, wie z.B. das gemeinsame Kochen und das gemeinsame Essen. Es gibt heute auch kaum noch ein gemeinsames Frühstück. Am Wochenende ist dann Freizeitstress angesagt. Vielfach dreht sich dabei aber wieder auch alles um Aktivitäten, bei denen man nicht miteinander kommuniziert.
In Zeiten von Handy und Internet nehmen viele Kinder und Jugendliche die Schule als Wissensvermittler nicht mehr ernst.
Ich gebe in diesem Zusammenhang zu bedenken, ob es wirklich wesentlich ist, reine Datensätze zu generieren? Wichtig sind doch die Prozesse, wie ich zum Generieren von Wissen komme. Diese lernen unsere Kinder heute aber nicht mehr. Sie finden bei Dr. Google mehr, als ich Ihnen als Ärztin zu unterschiedlichen Erkrankungen sagen kann. Wichtig ist aber die Wissensvermittlung auf einer integrativen Ebene. Die Pädagogen sind Schlüsselfiguren für diese Aufgaben, und ich finde es sehr problematisch, dass sie heute vielfach und zunehmend „abgewertet“ werden.
Sie sagen, der Point of no return ist längst überschritten. Gibt es noch einen Ausweg?
Ich glaube, dass die Gesellschaft und jeder einzelne von uns hier gefordert ist. Wir erleben aktuell eine weichenstellende historische Periode, ähnlich wie zur Zeit der Neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren. Es hängt von uns ab, ob wir uns zu einem sozialen Menschen entwickeln, oder im narzisstischen Individualismus verharren und dann zu einem „Homo sapiens bestialis“ werden. Ich glaube, dass noch nicht entschieden ist, wie die Sache ausgeht. Unsere Zukunft ist das Kind von heute. Wir müssen den Kindern diese Ummantelung in den frühen Jahren geben, damit sie sich überhaupt richtig entwickeln können.Es ist fundamental, Werte, Haltungen und Verantwortlichkeiten zu vermitteln. Ich bereite derzeit ein großes Projekt in der Toskana vor. Wir wollen Kindern und Jugendlichen dort bei der Restrukturierung, Selbstorganisation und Zielfindung helfen. Ich engagiere mich deshalb auch so stark, weil ich die Zukunft auch mit den heutigen jungen Menschen positiv sehe. Es geht darum, ob wir die Bereitschaft aufbringen, auch uns selbst hin zu einem sozial verantwortlichen Menschen weiterzuentwickeln. Und ich glaube, wir können das schaffen!

Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Fotolia.com/georgerudy, Privat, Fotolia.com/Monkey Business