Toni und Christian Hölzl: Zwei Generationen im Banne des Großvenedigers
Toni Hölzl (76) aus Königsleiten in Wald im Pinzgau war über 50 Jahre Berg- und Skiführer. Die Leidenschaft für die Berge hat er an seinen Enkel Christian (20) weitergegeben.
Sein Bergführerbuch erzählt viele Geschichten. Ein halbes Jahrhundert lang führte Toni Hölzl Gäste, die ihm oft über Jahrzehnte treu blieben, in die heimische Bergwelt der Hohen Tauern, aber auch auf unzählige Gipfel in den West-, Ost- und Südalpen. „Bis 2009 waren es über 4.000 geführte Touren im gesamten Alpenraum. Etwa 550 Mal stand ich mit meinen Gästen auf unserem Hausberg, dem Großvenediger, und etwa gleich oft auf dem Stubacher Sonnblick”, erzählt uns der 76-jährige Pinzgauer
bei unserem Besuch in Königsleiten, wo Familie Hölzl seit 1970 ein Sportgeschäft betreibt.
Gemeinsam mit seinem 20-jährigen Enkel Christian blättert Toni mit funkelnden Augen in den alten Fotoalben und Aufzeichnungen. Dass die Begeisterung für die Fels- und Eisgiganten der Alpen auch auf Christian übergesprungen ist, merkt man am lebhaften Zwiegespräch, das die beiden führen. „Seit ich denken kann, hat mich mein Opa in die Berge mitgenommen. Als ich sieben Jahre alt war, bin ich das erste Mal in eine Gletscherspalte gefallen – das war am Großvenediger. Gott sei Dank ist alles gut ausgegangen”, erinnert sich der gelernte Seilbahntechniker, der im Rahmen seiner Arbeit für die Gerloser Bergbahnen auch als Pistenretter im Einsatz stand, zurück. „In meinen vier Wintersaisonen im Skigebiet haben wir rund 2.800 verletzte Personen geborgen”, erzählt der 20-Jährige, der inzwischen im Winter im familieneigenen Sportgeschäft, das seine Mutter Barbara führt, mitarbeitet.
Bereits mit 16 Jahren schloss Christian seine Ausbildung bei der Bergrettung Gerlos ab, derzeit absolviert er die 3-jährige Ausbildung zum staatl. geprüften Berg- und Skiführer. „Mit 13 bestieg ich mit Opa meinen ersten Viertausender – das Allalinhorn in den Walliser Alpen. Sicherheit ist am Berg das Allerwichtigste – und auch in dieser Beziehung haben mir die Erfahrungen von Opa und die Geschichten von seinen Führungen sehr geholfen“, sagt er. Sein Großvater Toni machte einst als 20-Jähriger seine Leidenschaft für die Berge zum Beruf und führte ab 1962 als Berg- und Skiführer Alpintouristen in die heimische Bergwelt, unter anderem auf den winterlichen Gerlospass, zum Ursprung des Salzachtales oder ins Großarltal.
Die Erfahrungen und Fähigkeiten, die sich Toni bei seinen Hochgebirgstouren erwarb, machten sich bald auch die Betreiber der Großglockner Hochalpenstraße zunutze. Für die Straßengesellschaft leistete der Walder den schwierigen Dienst als Fachmann für Lawinenkunde und Hangrutschungen. „Ab 1965 war ich als Berg- und Skiführer für den Alpenverein tätig, und 1969 gründete ich mit Bergführer Peter Herzog und Tourismus-Direktor Franz Germann die Bergsteigerschule Club Alpin 3000”, erzählt der 76-Jährige. Von 1970 bis 1996 leitete er die Bergsteigerschule. Ihm gelang es, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen die „Weltalte Majestät”, wie er den Großvenediger respektvoll nennt, ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. 1974 organisierte er für Venedigerfreunde einen Hubschrauberflug zum Gipfel, an dem sich rund tausend Bergliebhaber beteiligen wollten. „Das war ein völlig unerwarteter Ansturm, der das genehmigte Kontingent von 300 Personen um mehr als das Dreifache sprengte”, blickt der Oberpinzgauer auf das populäre Projekt zurück.
Sein Enkel Christian will den „Club Alpin 3000” wieder aktivieren. „Wenn ich mit meiner Ausbildung fertig bin, möchte ich als Berg- und Skiführer in die Fußstapfen meines Großvaters treten. Den Gästen unvergessliche Erlebnisse in den Alpen zu ermöglichen, ist die schönste Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann”, hält der junge Pinzgauer fest. Und noch etwas haben die beiden bergbegeisterten Salzburger gemeinsam, nämlich das Interesse für das Wetter. „Früher konnte man auf den Schutzhütten auf keinen Wetterbericht zurückgreifen. Es gab kein Fernsehen, keinen Lawinenlagebericht, kein Telefon, kein GPS. Mit der Bergrettung im Tal war kein Kontakt möglich. Wenn man vor die Hütte trat, war deshalb der prüfende Blick des Bergführers gen Himmel und die Fragen ,Was machen die Wolken?‘, ,Woher kommt der Wind?‘ das Allerwichtigste. Man musste die Zeichen der Natur erkennen und entsprechend interpretieren, um die richtige Entscheidung zu treffen. Und für mich ist das selbstverständlich auch heute noch so”, unterstreicht Toni Hölzl die Bedeutung seiner langjährigen Erfahrung.
„Opa hat bei unseren Touren immer schon gerne über das Wetter erzählt und praktische Tipps gegeben. Trotz aller technischen Hilfsmittel ist für mich der prüfende Blick zum Himmel deshalb auch heute das Entscheidende, wenn es um die Einschätzung der Wetterverhältnisse geht”, stößt Christian ins selbe Horn. Zum Abschluss unseres Gespräches ist es Toni noch ein großes Anliegen, auf die traditionell gute Verbindung zu den Bergführern südlich des Großvenedigers in Osttirol hinzuweisen. „Vor allem mit den Matreier und Prägratner Bergführern pflegten wir immer schon gutnachbarschaftliche Beziehungen. So haben sich aus den gemeinsamen Führungen und Bergerlebnissen viele Freundschaften entwickelt”, gibt er uns mit auf den Heimweg.
Der Tausch (Kürsingerhütte – Neue Prager Hütte 1979)
Ein Bericht über Toni Hölzls Tour mit dem Matreier Bergführer Walter Oblasser, dem langjährigen Wirt der Neuen Prager Hütte, im Jahre 1979.
„Hochbetrieb auf dem Untersulzbachkees. Toni Hölzls Bergsteigerschule war mit 40 Leuten und fünf Bergführern auf den Großvenediger unterwegs. Am Gipfel war noch mehr los. Aus allen Himmelsrichtungen zogen die Seilschaften zum Gipfelkreuz, um das sich schon an die 200 Bergsteiger scharten. Plötzlich kamen ein Gewitter und ein Schneesturm auf und beendeten die einträchtige Gipfelrast jäh. Alle brachen auf, und Toni Hölzl war der letzte Bergführer, der seine Zehnergruppe zum Abstieg bereit machte – darum nahm er auch gleich alle mit. Es verging eine ganze Weile, bis einem Gast sein Bergführer beim Abstieg zur Kürsingerhütte wie verwandelt vorkam. ,Ich frage mich, wieso bist du der Toni? Beim Aufstieg warst du noch der Walter!‘ Bei dem ganzen Tumult war Tonis Gast mit Walter Oblasser zur neuen Prager Hütte und Walters Gast mit Bergführer Toni zur Kürsingerhütte abgestiegen. Hauptsache, die beiden Gäste sind gut angekommen – wo, das wollten wir dieses eine Mal nicht so genau nehmen!“
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Michael Huber (14), Kürsinger Hütte (1)















