Sternsingen im Villgratental – gelebtes Kulturerbe

Die Sternsinger bringen rund um den Jahreswechsel Glück und Segen in die Häuser. 2010 wurde das „Sternsingen im Villgratental“ von der UNESCO in das Österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Das Sternsingen im Villgratental ist mehr als ein festlicher Brauch – es ist ein Stück gelebte Kultur, das die Menschen zusammenführt. Julius Trojer, Chorleiter des Männergesangsvereins Außervillgraten und seit 1996 selbst Sternsinger, erinnert sich lebhaft: „Ich weiß noch genau, wie eine Gruppe von uns 2010 nach Salzburg gefahren ist, um das Dokument zur Aufnahme des Villgrater Sternsingens in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO voller Stolz entgegenzunehmen – mit den Originalgewändern übrigens, das war ein ganz besonderer Moment.“

 

Villgrater Sternsinger bei der UNESCO-Kulturerbe-Verleihung 2010 in Salzburg

 

Die Geschichte des Sternsingens im Villgratental geht in die Zwischenkriegszeit zurück. Laut mündlicher Überlieferung waren in Außervillgraten bereits 1935 Sternsinger unterwegs. Mitglieder des Kirchenchores, später auch der Musikkapelle bildeten den Kern der Gruppe. „Damals war das Sternsingen eine äußerst beschwerliche Angelegenheit: Große Distanzen und Höhenunterschiede mussten zu Fuß überwunden werden. Nur wenige Haushalte luden die Sternsinger auf ein Getränk oder eine kleine Stärkung in die Stube ein. Aufgrund der langen Wegzeiten blieb kaum Gelegenheit, länger einzukehren“, erzählt Julius aus der Geschichte.

 

Außervillgrater Sternsinger anno dazumal

 

Außervillgraten: Mit dem Stibich unterwegs

In Außervillgraten ziehen zwei Gruppen an zwei Tagen, einmal kurz vor und einmal kurz nach dem Jahreswechsel, durch alle Fraktionen der weitläufigen Gemeinde. „Bei uns gehen ausschließlich Erwachsene beim Sternsingen mit. Darunter sind nicht nur Sänger unseres Männerchors, sondern auch Mitglieder des Kirchenchors oder der Musikkapelle“, erzählt Julius. Eine Besonderheit in Außervillgraten ist der sogenannte Stibich – ein geschlossenes Holzgefäß, das früher zum Transport von Korn und Mehl diente.

 

 

Im Stibich sammeln die Sternsinger die Gaben, die ihnen in den Häusern als Spenden mitgegeben werden. „Einer von uns ist immer der Stibichträger. Früher waren es oft Fleisch und Würsteln, die im Stibich landeten. Heute sind es vor allem Getränke, meist Wein“, sagt der Chorleiter mit einem Schmunzeln. Im Jänner kommen dann alle Beteiligten mit ihren Partnern zum geselligen Stibich-Treffen zusammen. Am Dreikönigstag, 6. Jänner, gestalten die Sternsinger das Hochamt in der Pfarrkirche von Außervillgraten mit ihren Liedern.

 

 

„Geprobt wird vor dem Sternsingen nur wenig, das Repertoire wird höchstens aufgefrischt – und hin und wieder kommt auch ein neues Lied hinzu“, informiert Julius. Grundstock sind die überlieferten Weihnachts- und Neujahrslieder wie etwa „Winternächt’ges Schweigen“, eines der bekanntesten alpenländischen Weihnachtslieder. Die gesammelten Spendengelder kommen zur Gänze der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar zugute.

 

Frauengruppe in Innervillgraten

 

Innervillgraten: Vier Gruppen, auch Frauen dabei

In Innervillgraten organisiert der Pfarrgemeinderat das Sternsingen. „Bei uns sind vier Gruppen kurz nach Neujahr, am 2. oder 3. Jänner, unterwegs“, berichtet Pfarrgemeinderatsobmann Alois Lusser. Es gibt eine Männer-, eine Frauen-, eine Jugend- sowie eine Kindergruppe. Besonders bemerkenswert ist die Frauengruppe – ein Alleinstellungsmerkmal im Villgratental. „Jede Gruppe besucht rund 70 Haushalte – zu Fuß oder mit dem Auto, wenn die Wege zu weit sind.“

 

 

Ein lebendiger Brauch

Ob in Außervillgraten oder Innervillgraten – in beiden Dörfern gilt: Die Sternsinger bringen Glück und Segen für das neue Jahr und halten eine jahrhundertealte Tradition hoch. „Wir werden in den Häusern herzlich aufgenommen und gut verpflegt. Das Sternsingen ist in unserem Tal ein Fixpunkt zum Jahreswechsel und ein wichtiges Element der Dorfgemeinschaft“, betont Julius Trojer abschließend.

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: privat

26. Dezember 2025 um