SOS-Kinderdorf Osttirol: 70 Jahre an der Seite von Kindern und Familien
Sechs Jahre nach Gründung von SOS-Kinderdorf in Innsbruck wurde 1955 in Nußdorf-Debant das zweite SOS-Kinderdorf weltweit eröffnet. Mit der Neugestaltung als lebensweltnahes „Dorf im Dorf“ hat es sich zu einem Vorzeigeprojekt entwickelt.
Nach dem ersten Dorf in Imst wurde am 23. Oktober 1955 in Nußdorf-Debant das zweite SOS-Kinderdorf der Welt eröffnet. „Als ich vor 28 Jahren meine Tätigkeit als Leiter hier im Kinderdorf Osttirol aufgenommen habe, betreute ich gemeinsam mit zehn Kinderdorfmüttern die Kinder und Jugendlichen. Heute sind hier rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt“, erklärte Kinderdorf-Leiter Guido Fuß bei einem Medientermin am Donnerstag, 12. Juni – einen Tag vor der großen Jubiläumsfeier. „Im Vorjahr fanden hier 66 Kinder und Jugendliche ein neues Zuhause. 64 Kinder, Jugendliche und ihre Familien wurden im Rahmen der mobilen Familienarbeit in Osttirol regelmäßig beraten und unterstützt.“
Mit sieben Familienhäusern und einer eigenen Wohngruppe für Jugendliche blieb die Struktur des Dorfes über fünf Jahrzehnte im Wesentlichen unverändert und war für mehr als 300 Kinder und Jugendliche ein stabiles und sicheres Zuhause.
Das SOS-Kinderdorf in Nußdorf-Debant in der Zeit von 1959 bis 1965. Foto: Dina Mariner
2012 wurde das stark sanierungsbedürftige Dorf umfassend neugestaltet – architektonisch wie auch konzeptionell. Aus dem traditionellen Kinderdorf entstand ein innovatives, lebensweltnahes Vorzeigeprojekt: das „Dorf im Dorf“, in dem Kinder, Jugendliche und Gemeindebürger:innen Tür an Tür leben. „Heute entsteht Gemeinschaft ganz natürlich – vor der Haustür, am Spielplatz, beim Grillen“, erzählte Guido Fuß. „Das Zusammenleben im Alltag stärkt soziale Kompetenzen und schafft gegenseitiges Verständnis. Die Kinder und Jugendlichen profitieren enorm davon, Teil eines realen Lebensumfelds zu sein.“
Das Kinderdorf 1965 bis 1975
Auch pädagogisch hat sich vieles verändert: Weg von einem Betreuungskonzept, hin zu flexiblen, bedarfsorientierten Angeboten. „Früher war die Kinderdorf-Mutter die zentrale Bezugsperson, heute setzen wir auf vielfältige, professionelle Teams und individuell angepasste Betreuungsformen“, erklärte Fuß. In Wohngruppen werden Kinder und Jugendlichen rund um die Uhr von ausgebildeten Pädagog:innen betreut. Sie arbeiten als Team zusammen und wechseln sich im Dienst ab.
„Unser Alltag ist familiär und strukturiert – mit allem, was dazugehört: Hausaufgaben, gemeinsame Mahlzeiten, Ausflüge, Gespräche. Zudem sind wir alle feste Bezugspersonen für die Kinder. Wir stehen ihnen zuverlässig zur Seite und haben immer ein offenes Ohr. Das gibt gerade jenen Kindern Halt, die zuvor viel Unsicherheit erlebt haben“, beschrieb Sozialpädagogin Barbara Steinlechner den Alltag im Dorf.

Im Laufe der Jahre sind verschiedenste Wohnformen entstanden: Wohngruppen für Kinder und Jugendliche, Betreutes Wohnen für junge Erwachsene sowie – seit 2023 – eine kleine Wohngruppe für Kinder mit besonders hohem Unterstützungsbedarf. Dieses engmaschigere Setting ist speziell auf jene Kinder zugeschnitten, die durch schwierige Lebensumstände mehr Stabilität, Schutz und intensive Begleitung brauchen. „Unsere Erfahrung zeigt: Nur wenn wir auf die individuellen Herausforderungen der Kinder eingehen, können wir ihnen langfristig wirklich helfen. Dazu braucht es passgenaue Angebote und den Mut, neue Wege zu gehen“, betonte der Kinderdorf-Leiter.

Wenn Plätze in den Wohngruppen freiwerden, sind diese schnell wieder vergeben. Dabei soll es die Ausnahme bleiben, dass Kinder aus ihrem Familienverbund geholt werden. SOS-Kinderdorf in Osttirol setzt bereits seit vielen Jahren auf Prävention. Ziel ist es, dass Kinder, wenn möglich, bei ihren Familien aufwachsen können. „Ein Kind hat immer den Wunsch nach einer guten Beziehung zu seinen Eltern“, betontr Egon Wibmer, pädagogischer Leiter der Mobilen Familienarbeit. „Das ist für alle Kinder wichtig – egal, ob sie bei ihren leiblichen Eltern leben oder im Kinderdorf aufwachsen und dort Besuch bekommen.“
v.l.n.r.: Egon Wibmer (Leiter Mobile Familienarbeit Osttirol), Sozialpädagogin Barbara Steinlechner, Kinderdorf-Leiter Guido Fuß
Seit 2005 unterstützt die Mobile Familienarbeit besonders belastete Familien dabei, Krisen zu bewältigen und tragfähige Strukturen im Alltag aufzubauen. In den vergangenen 20 Jahren wurden dabei über 40.000 Stunden an individueller Begleitung geleistet. „Immer mehr Familien stehen unter Druck – sei es durch finanzielle Unsicherheiten, psychische Belastungen oder soziale Herausforderungen. Unsere Aufgabe ist es, Familien so zu stärken, dass Kinder in einem stabilen, förderlichen Umfeld groß werden können“, so Wibmer.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: SOS-Kinderdorf, Dina Mariner, Osttirol heute/Mühlburger