„Habe mir meinen Kindheitsglauben bewahrt!“

„Habe mir meinen Kindheitsglauben bewahrt!“ Sepp Forcher ist durch seine Fernsehsendung „Klingendes Österreich“ weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt.

Kein anderer bringt den Menschen Landschaften, Brauchtum, Volkslied und Musik aus Österreich so authentisch und unverfälscht nahe wie er. Folgt man seinen Berichten und Erzählungen, dann hört man oft heraus, dass er schon seit vielen Jahren in Salzburg lebt. Nicht viele wissen, dass seine Wurzeln in Tirol liegen, genauer gesagt im Südtiroler Ort Sexten, wo er seine ersten Lebensjahre verbracht hat. Das Journal führte mit dem 81-jährigen ORF-Star, der auch eine enge Beziehung zum Bezirk Lienz, seinen Menschen und Bergen hat, ein langes Gespräch und erlebte einen sympathischen, unkomplizierten Menschen, der auf ein bewegtes, tief mit der Natur verbundenes Leben zurückblicken kann. Ein Beitrag des Osttirol Journals.

Herr Forcher, Sie leben seit 1940 in Salzburg, sind aber Südtiroler Abstammung. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer früheren Heimat?
Sepp Forcher: Eine beeindruckende Bergwelt wie jene der Sextner Dolomiten prägt sich einem Kind natürlich schon sehr ein. Das Spiel von Licht und Schatten, die Gewalten der Natur im Jahresverlauf und die tiefe familiäre Verbundenheit mit den Bergen – mein Vater war Bergführer in Sexten – vergisst man sein ganzes Leben nicht.

Die Berge haben Sie auch auf Ihrem weiteren Lebensweg nicht los gelassen. Sie unterstützten ihre Eltern bei deren Tätigkeit als Hüttenwirte und arbeiteten später selbst als Träger, Führer und Mineraliensucher. Würden Sie den Begriff „Kind der Berge“ für sich selbst in Anspruch nehmen?
Sepp Forcher: Auch wenn dieser Begriff ein „Allgemeinplatz“ ist, kann ich mir ein Leben ohne Berge nicht vorstellen! Vielleicht müsste man es einmal ausprobieren, aber eigentlich möchte ich nirgends länger bleiben, wo es keine Berge gibt. Ich war mit 22 Jahren zum ersten Mal auf dem Matterhorn und habe ca. 60 bis 70 Viertausender bestiegen. Natürlich relativiert sich im Rückblick vieles und in der Realität stellen sich manche Träume anders dar als man es erwartet hätte. Trotzdem – ich glaube, dass mein Bergsteigerleben insgesamt sehr positiv verlaufen ist, nicht zuletzt da ich noch lebe!

Gibt es einen Platz oder Ort, dem Sie sich besonders verbunden fühlen?
Sepp Forcher: Ich könnte unzählig viele Orte aufzählen, an die ich gerne wieder zurückkehren würde. Eine besondere Faszination übt aber bis heute der Großglockner auf mich aus. Das ist mein Berg!

Stimmt es, dass Sie früher als Bergführer im Großglocknermassiv gearbeitet haben?
Sepp Forcher: Ich war eigentlich nicht direkt als Führer, sondern als Träger auf der Oberwalder Hütte tätig. Ich habe Wein- und Bierfässer, die der Wirt in Lienz gekauft hat, auf dem Rücken zur Hütte befördert, etwas, das man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Wenn aber Zeit blieb, führte ich mit dem Einverständnis der Heiligenbluter Bergführer immer wieder Leute auf den Glockner und habe dies sehr gerne getan.

Welche Beziehung haben Sie zum Bezirk Lienz?
Sepp Forcher: Ich hatte und habe viele Freunde in Osttirol und schätze den Menschenschlag sehr. Ein lieber Freund war z. B. der Matreier Peter Schneeberger, auch dem Bildhauer Michael Fuetsch aus dem Virgental fühlte ich mich sehr verbunden. Man hat früher immer gesagt, dass die Osttiroler die besten, fleißigsten Arbeitskräfte für Höhenbaustellen und sehr gute Steinsucher“ (Mineraliensammler) seien und so habe ich sie auch kennen gelernt.

Sie machen den Eindruck eines Menschen, der in sich ruht und zufrieden ist. Ist das so?
Sepp Forcher: Und wie! Ich hätte mir als junger Bursch nie vorstellen können, dass ich so alt werde und dann auch noch gesund bin. Dies alleine ist Grund genug, zufrieden zu sein. Außerdem habe ich nicht damit gerechnet, einmal mehr Geld in der Tasche zu haben, als ich unbedingt zum Leben brauche. Vor allem aber schenkt mir meine Familie innere Ruhe und Zufriedenheit.

Wie definieren Sie für sich selbst Glück?
Sepp Forcher: Glück – ja, das ist so ein eigenartiger Stoff, eine flüchtige Erscheinung – wie ein Sonnenuntergang. Ich glaube, man muss die Fähigkeit entwickeln, genau diese Momente genießen zu können, im Wissen, dass sie kein Dauerzustand sind. Glück ist vergänglich, aber wenn man es zulässt, immer wiederkehrend.

Lernt man aus schweren Zeiten mehr als aus Erfolg?
Sepp Forcher: Ich denke ja! Unsere, meine Lebenskatastrophe war der Tod unseres Sohnes, der bei einem Unfall tödlich verunglückte. Wir haben das aber gemeinsam bewältigt und das macht einen schon sehr stark!

Woher schöpfen Sie Kraft? Spielt der Glaube eine Rolle?
Sepp Forcher: Ja! Ich habe mir immer den großen „Kindheitsglauben“ bewahrt. Ich denke, dass man im Laufe seines Lebens auch in Glaubensfragen viele Phasen durchlebt. Letztendlich wird man mit immer weiter wachsender Erkenntnis der Dinge zur Einfachheit des Glaubens aus Kindheitstagen zurückgeführt. Und das ist dann ein sehr schöner Zustand!

Sind Sie ein positiv denkender Mensch?
Sepp Forcher: Ich würde mich auf alle Fälle selbst so bezeichnen und versuche diese Lebenshaltung auch meiner Umgebung zu vermitteln. Ich bin absolut davon überzeugt, dass es ein Leben verändern kann, wenn man positiv denkt und auch so durch die Welt „geht“.

Bedeutet es Ihnen etwas, als bekannt und berühmt zu gelten?
Sepp Forcher: Das sind Äußerlichkeiten, die nimmt man in Kauf. Ich bin ja nicht von heute auf morgen berühmt geworden, sondern hatte viel Zeit, in diese Rolle hinein zu wachsen. Schon mit 15 Jahren war ich den Zeitungen eine Meldung wert – damals als tollkühner Skifahrer. Mein Vater, der als Bergführer einer gewissen Bekanntheit und Öffentlichkeit einen nicht unbeträchtlichen Stellenwert zumaß, hat immer zu mir gesagt: „Bua, du muasch bekannt wean!“ Als junger, stolzer Mann habe ich mich dann überschätzt, bis ich mich die Realität einholte. Daraus habe ich gelernt und kann behaupten, bis heute immer sprichwörtlich „am Boden geblieben zu sein“. Bevor ich zum Fernsehen kam, hatte ich bereits Erfahrungen beim Rundfunk gesammelt und galt in Salzburg als bekannte Persönlichkeit, weshalb der Schritt hin zum sogenannten „Publikumsliebling“ nicht mehr ein so großer war. Heute meide ich öffentliche Auftritte, außer sie dienen einem guten Zweck!

Wie erleben Sie ganz persönlich den Advent? Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Sepp Forcher: In Hinsicht auf den Advent ist man in Salzburg, wie soll ich es ausdrücken, angesichts der zahlreichen Veranstaltungen und des Christkindlmarktes doch sehr „überfüttert“. Zu dieser Jahreszeit meide ich die Stadt, wo ich nur kann. Dort, wo ich zuhause bin, am Stadtrand in Liefering, genügt uns ein Adventkranz! Außerdem fahren wir in diesen Wochen immer in Urlaub, früher zum Skifahren, heute zum „Schneestapfen“. Weihnachten selbst, die Geburt Christi, feiern meine Frau und ich sehr einfach. Wir stellen einen kleinen Christbaum auf und lassen den Herrgott einen guten Mann und den Vater seines Sohnes sein!

Vielen Dank für dieses Gespräch!
Text: Osttirol Journal, Foto: A. Wieser

05. Dezember 2011 um