Reinhold Messner: „Die Berge müssen wild bleiben!“
Er gilt als der berühmteste Bergsteiger der Welt und prägte den Alpinismus wie kaum ein anderer. Raimund Mühlburger traf Reinhold Messner und seine Frau Diane im neuen „Reinhold Messner Haus” am Helm in Sexten in Südtirol zum Interview.
Mit seinen sechs Messner Mountain Museen hat Reinhold Messner über Jahre hinweg Orte geschaffen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Berg aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten – von Eis und Fels über Mythos und Kultur bis hin zu den Bergvölkern der Welt. Doch am Helm im Hochpustertal beginnt ein neues Kapitel: Gemeinsam mit seiner Frau Diane hat die Bergsteiger-Legende dort ein visionäres Projekt realisiert – das „Reinhold Messner Haus“. Kein klassisches Museum, sondern ein Denkraum für Nachhaltigkeit, Verantwortung und alpine Kultur.

Wo einst Seilbahngondeln ankamen, beginnt heute ein neues Kapitel alpiner Kultur. Das „Reinhold Messner Haus“ am Helm, gelegen auf rund 2.050 Metern Seehöhe, versteht sich nicht als klassisches Museum, sondern als Ort des Nachdenkens und des Austauschs – über alpine Zukunftsfragen und das fragile Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die ehemalige Bergstation wurde nicht abgerissen, sondern in Zusammenarbeit mit der „3 Zinnen AG“ upgecycelt: Bestehendes wurde erhalten, gereinigt und neu interpretiert.

Das Gebäude vereint traditionelle Materialien wie Holz und Stein mit klarer, zeitgenössischer Architektur. Große Panoramafenster öffnen den Blick auf die Sextner Dolomiten, während im Inneren Geschichten von Grenzerfahrungen, Expeditionen und innerer Haltung erzählt werden. Bei unserem Besuch nahmen sich Reinhold Messner und seine Frau Diane persönlich Zeit, uns durch das Haus zu führen. In einem intensiven Rundgang erklärten sie Details zur Architektur, zur Auswahl der Exponate und zur Idee hinter jedem Raum.

Diane erzählte von der Entstehung des Projekts und der Vision, die sie gemeinsam mit ihrem Mann entwickelt hat. Besonders eindrücklich ist der sogenannte „Raum der Stille“, ein meditativer Bereich, der aus Holz gestaltet wurde, das nach der Erdbebenkatastrophe in Nepal geborgen wurde. Hier wird nicht nur die Vergänglichkeit thematisiert, sondern auch die Verantwortung, die mit dem Erhalt von Natur und Kultur verbunden ist.

Viele der ausgestellten Objekte stammen aus Messners persönlichem Fundus – darunter Ausrüstungsgegenstände, Erinnerungsstücke und Dokumente, die nicht nur seine Geschichte erzählen, sondern auch die Entwicklung des modernen Alpinismus. Das „Reinhold Messner Haus“ ist ein Ort der Reflexion. Es stellt Fragen, ohne einfache Antworten zu liefern. Und es zeigt, wie aus einem Ort der Technik – einer alten Bergstation – ein Raum für Kultur und Zukunft entstehen kann.
Reinhold Messner im Gespräch mit Raimund Mühlburger
Begegnung mit Reinhold Messner: „Ich fühle mich auf dieser Erde als Gast“
Im Gespräch mit Reinhold Messner wird schnell klar: Die Berge sind für ihn nicht nur Landschaft, sondern Lebensraum, Denkraum und Erfahrungsraum.
Herr Messner, wenn Sie heute dieses Haus betreten, kommen Sie an oder brechen Sie auf?
Ich komme an – und breche gleichzeitig auf. Dieses Haus markiert für mich einen Übergang: Ich habe das Leadership abgegeben, meine Frau Diane führt nun. Es ist wie beim Bergsteigen – einer geht voraus, der andere folgt ihm mit Vertrauen. Es ist ein gemeinsamer Aufbruch in eine neue Zukunft. Ich habe noch viele Ideen, die ich umsetzen möchte – und Diane gibt die Richtung vor, damit wir gemeinsam weiterkommen. Wir sind ein Team. Dieses Haus steht genau an dem Punkt, an dem mein Leben gekippt ist: vom Gestalter zum Übergeber. Und Diane ist die Übernehmerin. Es ist ein Ankommen – und ein Aufbrechen zugleich.

Fühlen Sie sich hier eher als Gastgeber oder als Gast?
Ich fühle mich generell auf der Erde als Gast. Auch hier. Diane und ich haben kaum Zeit, Gastgeber zu sein – wir reisen viel, tragen Werte weiter. Sie kennt meine Geschichte wie niemand sonst. Deshalb war es auch ihre Idee, unser gemeinsames Projekt „Reinhold Messner Haus“ zu nennen. Anfangs war ich skeptisch, ich fand es sogar etwas überheblich, aber heute finde ich: Es passt. Das Gebäude gehört uns nicht, es ist eine alte Bergstation, über 45 Jahre alt. Wir haben sie erhalten, kaum Ressourcen verbraucht – das ist gelebte Nachhaltigkeit. Es ist eine kulturelle Einrichtung, keine touristische. Wir hoffen, dass das Schule macht.

Sie sagen, das „Reinhold Messner Haus“ sei kein Museum, sondern das Gegenteil. Was genau bedeutet das, wie unterscheidet sich dieser Ort von klassischen Ausstellungen?
Ein klassisches Museum zeigt Objekte, oft losgelöst von ihrer Geschichte. Hier geht es um Erleben, um Respekt vor den Bergen, um Vergänglichkeit. Wir haben z.B. auch einen Raum der Stille geschaffen – inspiriert durch den tragischen Tod eines jungen Mannes, Matthias Meister. Aus dem Holz, das er nach der Erdbebenkatastrophe aus Nepal mitgebracht hatte, entstand ein kleiner Tempel. Das ist Nachhaltigkeit: Nicht wegwerfen, sondern höherwertig weiterverwenden. Viele Exponate stammen aus unserem persönlichen Fundus – sie erzählen Geschichten, die sonst in Vergessenheit geraten.

Welche Botschaft möchten Sie den Besucherinnen und Besuchern mitgeben, wenn sie durch dieses Haus gehen – was sollen sie mitnehmen, wenn sie wieder ins Tal fahren?
Respekt vor den Bergen – und vor der eigenen Vergänglichkeit. Die Berge sind absichtslos, wir Menschen sind zerbrechlich. Wir sind Mängelwesen. Dieses Haus spricht viel vom Tod, von Grenzerfahrungen. Wer es verlässt, trägt eine Ahnung seiner eigenen Endlichkeit mit hinaus. Das ist die Botschaft: Demut vor der Natur – und vor dem Leben selbst.

Nachhaltigkeit war ein zentrales Thema beim Umbau. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Nachhaltigkeit heißt für mich: Bestehendes erhalten, nicht verschwenden. Die alte Bergstation wurde nicht abgerissen, sondern gereinigt und neu genutzt. Der Beton hätte aufwändig entsorgt werden müssen. Auch bei anderen Materialien haben wir bewusst auf Upcycling gesetzt. Das sollte Schule machen – nicht nur in den Alpen, sondern überall.

Viele Exponate stammen aus Ihrem persönlichen Fundus. Gibt es ein Objekt hier oben, das Ihnen besonders viel bedeutet?
Ein Objekt, das mich besonders beeindruckt, ist ein alter Kletterschuh von Peter Habeler. Heute sind Kletterschuhe hochentwickelt – damals war das anders. Dieser Schuh, den mir Peter geschenkt hat, erzählt von Mut, von Können, von Alpingeschichte. Wenn junge Kletterer ihn sehen, sollen sie erkennen, was früher möglich war – mit einfachster Ausrüstung. Das ist echte Bergsteigerkultur.

Wie sehen Sie die Rolle des Helmhauses im Kontext des modernen Alpinismus – ist es ein Ort der Erinnerung oder ein Impulsgeber für die Zukunft?
Es ist ein Ort des Nachdenkens. Wir hatten hier kürzlich eine Diskussion über den Wolf – mit Bauern, Politikern, Wissenschaftlern. Es ging um Kulturlandschaft, um den Wert der Almwirtschaft. Die Medien haben daraus gemacht, ich wolle alle Wölfe töten – Unsinn! Wir wollen Konflikte sichtbar machen, um Lösungen zu finden. Das hier ist ein Ort für solche Debatten – mit Blick in die Zukunft.

Sie sprechen oft vom Prinzip „Kalipé – immer ruhigen Fußes“. Wie kann diese Haltung auch Menschen helfen, etwa im Alltag, im Beruf oder in Krisenzeiten?
Kalipé bedeutet: Nicht rennen, sondern ruhig gehen. Das stammt aus dem Tibetischen. Ich mache nie mehrere Dinge gleichzeitig – ich konzentriere mich auf eine Aufgabe. Diese Haltung kann jeder übernehmen: Fokus statt Ablenkung.

Sie haben einmal gesagt: „Nur wenn Berge wild sind, können wir vor ihnen Respekt entwickeln.“ Was bedeutet Wildheit für Sie heute?
Ich bewege mich heute nur noch am Rand der Wildnis. Das Alter setzt Grenzen. Früher war ich Grenzgänger – im Hochgebirge, in Wüsten, in Polarregionen. Heute ist vieles reguliert, erschlossen. Europa ist überbürokratisiert, unsere Kreativität leidet. Die Wildheit der Natur ist wichtig – sie lehrt uns Demut. Die Natur macht keine Fehler. Die Berge müssen wild bleiben – auch im Denken.

Wo verläuft für Sie beim Bergsteigen die Grenze zwischen Abenteuer und Inszenierung?
Echtes Bergsteigen bedeutet: Eigenverantwortung in lebensgefährlicher Umgebung. Das Ziel ist nicht der Rekord, sondern das Überleben. Heute gibt es viele Pseudo-Abenteuer – abgesicherte Routen, organisierte Trekkingtouren. Der Alpinismus war einst eine Bewegung der Aufklärung, der Eigenständigkeit. Heute spaltet er sich auf: Skifahren, Sportklettern, Höhenbergsteigen – oft inszeniert. Das echte Abenteuer bleibt: Der Weg, den man selbst geht.

Sie haben viele extreme Erfahrungen gemacht – von Todesnähe bis zur völligen Erschöpfung. Was war die wichtigste Lektion?
Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Mit der Zeit habe ich gelernt, Dinge loszulassen. Ich bin nicht mehr so geschickt wie mit 30 – das muss man akzeptieren. Aber ich habe immer neue Spielräume gefunden. Die wichtigste Lektion: Wir Menschen sind fehlerhaft, verletzlich. Der Berg ist es nicht.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihren Ängsten viel verdanken. Was haben Sie durch sie über sich selbst gelernt – und wie haben sie Ihre Entscheidungen geprägt?
Angst ist ein Warnsystem. Sie hilft mir, in der Vorbereitung genauer hinzusehen, zum Beispiel besser zu trainieren, und Fehler zu vermeiden. Ich habe viel aus der Geschichte gelernt – etwa aus Robert Scotts Expedition. Wenn man versteht, was andere falsch gemacht haben, kann man selbst klüger handeln. Angst lähmt nicht – sie schärft den Blick.

Sie leben mit Ihrer Frau Diane sehr kreativ – zwischen Kunst, Architektur und Natur. Was inspiriert Sie?
Wir machen alles gemeinsam – Diane und ich sind ein eingespieltes Team. Auch hier am Helm haben wir Hand in Hand gearbeitet: Wir entwickeln Ideen, skizzieren, verändern. Unsere Kreativität entsteht im Dialog – mit der Architektur, mit der Natur, mit unserer gemeinsamen Geschichte. Wir wollen hier Geschichten erzählen: Geschichten von unseren Reisen, von Begegnungen, von Momenten, die uns geprägt haben. Und wir möchten die Besucherinnen und Besucher einladen, Teil davon zu sein. Man darf hier alles angreifen, begreifen – das ist besonders für Kinder wichtig. Es soll ein Ort sein, der zum Nachdenken anregt: über das eigene Sein, über das, was bleibt. Vielleicht ist das unsere größte Inspiration – Dinge nicht nur zu bewahren, sondern sie weiterzuerzählen.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken – gibt es einen Moment, den Sie als Wendepunkt bezeichnen würden?
Der Tod meines Bruders Günther 1970 bei unserer gemeinsamen Expedition am Nanga Parbat war ein Wendepunkt, der mein Leben grundlegend verändert hat. Ich war 25. Viele auch aus dem engsten Familienkreis rieten mir, aufzuhören. Aber ich habe weitergemacht – auf andere Weise. Diese Tragödie hat mich verändert – und mir gezeigt, wann es Zeit ist, etwas Neues zu beginnen. Ich habe meine Richtung geändert: weg vom klassischen Klettern, hin zum Höhenbergsteigen, zu langen, einsamen Expeditionen in große Höhen und extreme Landschaften. Es war kein Bruch, sondern eine innere Verschiebung – ein Weitergehen mit anderen Mitteln. Und vielleicht auch ein Weitertragen dessen, was wir gemeinsam begonnen hatten.

Sie bezeichnen die Dolomiten immer wieder als Korallenriffe. Was macht sie für Sie zur schönsten Gebirgsgruppe der Welt – und was sollten wir tun, um sie zu bewahren?
Die Dolomiten sind rund 250 Millionen Jahre alt – einst Korallenriffe im Urmeer Tethys, heute eine der faszinierendsten Gebirgslandschaften der Welt. Jeder Berg hat sein eigenes Gesicht, seine Form, seine Lichtstimmung. Diese Vielfalt ist einzigartig. Für mich sind die Dolomiten die schönsten Berge der Welt. Aber diese Schönheit ist empfindlich – nicht die Berge selbst, die sind unzerstörbar, sondern die Landschaft, die Atmosphäre, das Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch. Wenn wir zu stark eingreifen, verändern wir etwas, das über Jahrmillionen gewachsen ist. Und dieser Platz hier am Helm – das ist einer der schönsten Orte in den Dolomiten, wenn nicht der schönste. Diane und ich haben hier sofort gespürt: Das ist ein Ort, der Geschichten erzählt, der inspiriert, der atmet.

Herr Messner, wenn ein junger Mensch heute hier oben steht und sich fragt, was es heißt, ein Bergsteiger zu sein – was würden Sie ihm mitgeben? Was ist für Sie das wahre Abenteuer?
Wenn ein junger Mensch heute hier am Helm steht – an einem Ort, wo die Welt weit wird und die Gedanken still – dann würde ich ihm sagen: Geh deinen eigenen Weg. Der Weg entsteht, indem du ihn gehst. Als Bergsteiger folgst du keinem vorgegebenen Pfad. Du bist verletzlich, weil du die Natur nicht kontrollieren kannst. Sie ist größer als wir. Das wahre Abenteuer ist: sich auszuliefern – und zu erkennen, dass die Natur einfach ist. Und wer das begreift, der begegnet ihr nicht mit Ehrgeiz, sondern mit Respekt und Demut. Denn in den Bergen sind wir nur Gäste.

Text und Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger








