Peter Ortner: Neue Wege und der „Traum vom Fliegen”

Aus Anlass der Veröffentlichung seines Buches erzählte uns „Luner” von seinem Werdegang und von seiner neuen großen Leidenschaft „Climb & Fly”.

„Luner” heißt der Bauernhof in Obernußdorf, auf dem der 35-Jährige aufgewachsen ist – und so nennen viele Bergsteiger-Kollegen Peter Ortner auch einfach „Luner”. „Als Hirtenhelfer im Debanttal bin ich als damals 12-Jähriger zu meinen ersten Bergtouren aufgebrochen. Ich eroberte für mich die Dreitausender der Schobergruppe, wie den Glödis oder den Gößnitzkopf – und dies obwohl mir das mein Onkel verboten hatte”, blickt er schmunzelnd auf seine ersten Bergerfahrungen zurück. Mit 17 Jahren entdeckte Peter die heimischen Klettergärten für sich. Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, wurde bald zu seinem großen Ziel. 2009 schloss er die Ausbildung zum Berg- und Skiführer ab. Im selben Jahr stand Peter bei den Internationalen Österreichischen Meisterschaften im Eisklettern erstmals ganz oben am Stockerl.

 

 

Am Cerro Torre in Argentinien lernte er 2009 auch den Kletterer David Lama kennen. „David wollte eine Begehung der Kompressorroute an der Südostflanke des Cerro Torre ohne technische Hilfsmittel durchführen. Das Unternehmen scheiterte. Drei Jahre später, 2011, sollte uns beiden dann gemeinsam der Aufstieg über die Kompressorroute mit technischen Hilfsmitteln gelingen, und im Jänner 2012 bewältigten wir die Route schließlich als erste Menschen im Freikletterstil.“ Aus dem Filmmaterial dieser historischen Begehung entstand der Dokumentarfilm „Cerro Torre – Nicht der Hauch einer  Chance”. Regisseur Thomas Dirnhofer gelang ein authentischer Blick auf das Innenleben der jungen Alpinisten, die sich auch dann nicht beirren ließen, als ihr großer Traum zwei Mal an den Tücken des Wetters scheiterte.

 

 

In Pakistan gelang Peter später, gemeinsam mit David Lama, auch die Besteigung des Trango Tower über die schwierige Route „Eternal Flame“. Zudem schafften die beiden 2012 auch den Gipfelsieg auf der Chogolisa (7.668 m), wobei es sich hierbei um die erste erfolgreiche Begehung seit 1986 handelte. Die Erstbegehung der Nordostwand des Masherbrum (7.821 m) gemeinsam mit David Lama und Hansjörg Auer misslang. Akute Lawinengefahr verhinderte das Gelingen des Vorhabens. Weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt geworden ist Peter Ortner auch mit dem „Free Solo Masters”. Seine Idee war es, dem Publikum ein spannendes Event zu bieten, bei dem die Kletterer eine 16 Meter hohe Wand „frei“ – also ohne Seil und Haken – bezwingen. Wer nicht mehr weiter kann, lässt sich in einen großen Airbag fallen. Die Kletterwand hat Peter selbst entwickelt und gebaut. Die Free Solo Masters am Lienzer Hauptplatz waren von Beginn an als spannendes und kurzweiliges Event beim Publikum überaus beliebt, und auch in der Wiener Innenstadt war Osttirol bereits mit dieser spektakulären Kletterwand präsent.

 

Peter Ortner ist Ideengeber und Mastermind für das „Free Solo Masters”. Die 16 Meter hohe Kletterwand hat er selbst gebaut. Foto: Expa Pictures

 

Die neueste Leidenschaft des Osttiroler Ausnahme-Alpinisten ist „Climb & Fly”. „Vor zehn Jahren habe ich am Arlberg mit Speedgliding angefangen. Es handelt sich dabei um eine Kombination von Skifahren und Paragleiten. Mit kleinen Gleitschirmen kommt man spielerisch und fliegend den Berg wieder hinunter, den man zuvor mit den Skiern erklommen hat“, erklärt Peter und betont, dass ihm dieser  kräfteschonende Abschluss anspruchsvoller Bergtouren besonders gut gefällt. Um auch ohne Skier fliegend wieder den Talboden zu erreichen, ist der 35-Jährige irgendwann auf das „hike and fly“ gestoßen. „Bei dieser Form des Paragleitens werden Ultraleicht-Schirme, die man ohne Weiteres in einen Bergsteiger-Rucksack packen kann, verwendet. Eine Spezialkonstruktion ermöglicht es, rasch an Geschwindigkeit zu gewinnen. Es ist unglaublich interessant und spannend, mit dem Wind zu spielen. Ein langer Abstieg fällt weg. Ich kann den ganzen Tag klettern und abends zu Tal fliegen. Das sind für mich wunderschöne neue Erfahrungen – auch in mir vertrauten Berggegenden.“

 

 

Trotz seiner zahlreichen außergewöhnlichen Leistungen und Entwicklungen ist der Osttiroler sprichwörtlich „am Boden geblieben“. Bescheiden berichtet er uns von einem Zwischenfall, bei dem er am 29. Juni 2018 vier Menschen das Leben retten konnte. „An diesem Tag war ich damit beschäftigt, am Karnischen Kamm den ,Weg der 26er‘, einen Klettersteig auf der Hohen Warte, zu erneuern und zu sanieren. Das Bundesheer unterstützte mich bei diesen Arbeiten mit einer Alouette III. Bei einem Materialtransport im Bereich der Wolayerseehütte geriet der Hubschrauber jedoch beim Landeanflug plötzlich in Turbulenzen. Die Maschine setzte hart auf und fiel um. Feuer brach aus. Ich hielt mich zu diesem Zeitpunkt in einer Entfernung von etwa 20 Metern auf und versuchte mich hinter meinem Auto vor den herumfliegenden Teilen zu schützen. Sobald es möglich war, lief ich zum Hubschrauber und konnte die vier Insassen aus dem brennenden Wrack ziehen.” Die gesamte Besatzung – drei Kärntner und ein Salzburger – überlebten den Unfall unverletzt. Für seinen Mut und sein selbstloses Handeln wurde Peter Ortner im Vorjahr von Verteidigungsminister Mario Kunasek ausgezeichnet.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger, Expa Pictures, privat

26. Januar 2019 um