„Osttiroler auswärts”: Siegfried Dichtl – ein „umtriebiger“ Virger in München
Im Rahmen unserer Serie „Osttiroler auswärts“ stellen wir diesmal den gebürtigen Virger Siegfried Dichtl vor, der seit vielen Jahren die Gastro-Szene in München aufmischt.
Siegfried Dichtl, den eigentlich alle „Sigi“ nennen, wuchs bei seinem Onkel Josef auf dem Sonnberghof hoch über Virgen auf. „Ich durfte auf dem fast 1.500 Meter hoch gelegenen Bergbauernhof eine behütete und vor allem niemals langweilige Kindheit erleben. Die Bergbegeisterung meines Onkels war ausschlaggebend dafür, dass ich schon früh begann, die Berge des Virgentales zu besteigen. Im Alter von sieben Jahren stand ich auf meinem ersten Dreitausender, dem 3.007 Meter hohen Kristallkopf, auch Ochsenbug genannt. Später folgten selbstverständlich Großvenediger und Großglockner“, blickt der heute 53-Jährige auf seine unbeschwerte Kindheit in Virgen zurück.
Sigi auf dem Großglockner mit Josef Dichtl (links) und Bernd Raffler (Mitte)
Nach der Pflichtschule absolvierte Sigi eine Lehre als Einzelhandelskaufmann im Lebensmittelgeschäft Obwexer in Matrei. „Auch die Jahre der Lehre waren für mich eine außerordentlich schöne Zeit, doch dann wollte ich raus aus Osttirol. Ich arbeitete zunächst einen Sommer lang im Strandcafé Weissensee, dann in der Diskothek Rustica am Millstättersee. Es folgten Wintersaisonen in den Gerloser Top-Häusern Gaspingerhof und Alpina.“ Anschließend verschlug es Sigi in die bayerische Landeshauptstadt. Warum gerade München, fragen wir ihn. „Daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber es wird wohl die Liebe gewesen sein“, antwortet er mit einem Augenzwinkern.
Schon in jungen Jahren verschlug es Siegfried Dichtl in die bayerische Landeshauptstadt München. Foto: AdobeStock/f11photo
Mit seiner österreichischen Gastro-Vergangenheit fiel es dem jungen Virger nicht schwer, in München Fuß zu fassen. Zunächst arbeitete Sigi als Barmann im damaligen Café Voila. „Als im Partnerbetrieb, dem Café D’Accord im Herzen Schwabings, die Stelle des Betriebsleiters frei wurde, wechselte ich dorthin und übernahm die Aufgabe. 1994 war ein besonders spannendes Jahr für mich: Ich wurde Betriebsleiter des Cafés Haidhausen und im gleichen Jahr Vater. Heute lebt mein Sohn Michael in Wien“, erzählt er.
Trotz buntem Nachtleben und viel Arbeit in der bayerischen Großstadt hat Sigi die Begeisterung für das Bergsteigen bis heute nicht losgelassen. 2005 unternahm er, als Ausgleich zum stressigen Partyleben in München, eine Expedition nach Südamerika. Mit Freunden bestieg er fünf Wochen lang 5.000er- und 6.000er-Gipfel in den Anden. Vom höchsten Gipfel, dem 6.438 Meter hohen Illimani in Bolivien, sandte er Geburtstagsgrüße in Form eines großen Transparents an seine Mama Rosa.
Nach einigen Jahren im „Haidhausen“ eröffnete Sigi mit Partnern die Diskothek „Keller“ im damaligen Kunstpark, der später umgebaut und teilweise abgerissen wurde. „2003 entschlossen wir uns dann, am benachbarten Optimolgelände einen neuen Club, das ,Keller EG‘, zu eröffnen.“ Da auf diesem Gelände auch regelmäßig Konzerte und Feiern des FC Bayern stattfanden, kam der junge Osttiroler auch in Kontakt mit so manchem prominenten Besucher. Heute kann er aus dieser Zeit viele Anekdoten erzählen. „Eines Abends schaute Lemmy, der Sänger von Motörhead, vorbei. Er wurde jedoch von einem aufdringlichen Fan so belagert, dass er bald wieder ging. Dies kam bei anderen Gästen nicht gut an. Eine Prügelei drohte, und wir mussten eingreifen“, nennt er ein Beispiel.
Sigi mit Fußball-Legende Franz Beckenbauer …
Gut in Erinnerung ist ihm auch der frühere FC Bayern-Spieler Mehmet Scholl geblieben. „Er hat in unserem Club des Öfteren das DJ-Pult übernommen und stundenlang aufgelegt.“ Nur noch „dunkel“ kann sich Sigi, wie er schmunzelnd meint, an eine feuchtfröhliche Partynacht mit Sänger Sasha erinnern. An nur einem Abend traf Sigi später auch auf den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und auf Fußball-Legende Franz Beckenbauer. „Es ging um zwei Limousinen, die unseren Notausgang verstellten. Edmund Stoiber entschuldigte sich persönlich bei mir, und Franz Beckenbauer warf einen Blick in unseren Club.“
… mit Schauspieler Elmar Wepper
Den guten Kontakten zu Konzertveranstaltern und Bandbetreuern hat Sigi sein persönliches „Promi-Highlight“ zu verdanken: „Nach einem Bon Jovi-Konzert wurde ich zu einer After-Show-Party in ein Münchner Nobelhotel eingeladen. Man kann sich vorstellen, was es für einen Fan der ersten Stunde bedeutet, seinem Idol die Hand zu schütteln und mit ihm ein Bier zu trinken.“
… mit Sänger Sasha
Als 2007 ein weltweiter Poker-Boom einsetzte, gründete Sigi eine Poker-Veranstaltungsfirma und organisierte mit Partnern zahlreiche Pokerturniere in München und weit darüber hinaus – auch in Österreich, in Tschechien und in der Schweiz. „An unseren Pokertischen saßen viele Prominente, wie Sänger Howard Carpendale, Politiker Rudolf Sharping, Fußballer Thomas Brdaric oder Skispringer Dieter Thoma.“ Neben seinen Jobs als Betriebsleiter mehrerer Gastro-Betriebe organisierte Sigi auch zahlreiche Keller-Revival-Parties in bekannten Münchner Locations, die großen Anklang fanden. Den einen oder anderen TV-Auftritt nahm er so nebenbei mit – unter anderem durfte er in der letzten Folge von SOKO München einen Poker-Dealer spielen.
… mit Fernsehkoch Frank Rosin
Vor zwei Jahren wurde dem umtriebigen Osttiroler die Betriebsleitung des „Segafredo“ im Herzen der Münchner City übertragen. „Das Café liegt am Rindermarkt, nur einige hundert Meter vom belebten Marienplatz entfernt. Hier kann man mitten in der Weltstadt München seinen Kaffee oder seinen Aperol genießen. Besonders beliebt ist unsere Außenfläche mit etwa 100 Sitzplätzen. Das Stadtleben pulsiert hier am Rindermarkt, aber es ist nicht so stressig wie um den Marienplatz. Deswegen schätzen auch Prominente diese eher ruhige Lage im Herzen von München.“
Seit zwei Jahren leitet Sigi das „Segafredo“ am Rindermarkt in der Münchner City.
Sigi hat es jedenfalls nie bereut, dass er der Gastronomie treu geblieben ist. „Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch. In der Gastronomie ist man oft auch Gesprächspartner, Anlaufstelle, Unterhalter und manchmal sogar Psychiater. Als Ausgleich zum Berufsalltag gehe ich auch hier in Bayern gerne in die Berge und bin sehr froh, dass meine Freundin Miriam diese Leidenschaft mit mir teilt. Wir sind beide auch sehr musikbegeistert und besuchen gerne Konzerte. Und ich freue mich immer, wenn ich in meine alte Heimat Virgen zurückkehre. Drei bis vier Mal im Jahr kann ich mir die Zeit dafür nehmen. Dann treffe ich mich mit alten Bekannten und meinen Geschwistern. Vor allem freue ich mich aber immer sehr darauf, meine Mama Rosa zu sehen.“
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Privat, AdobeStock/f11photo