Mystikerin, Ganzheitsmedizinerin, Frauenrechtlerin – und Visionärin
Was macht eine mittelalterliche Benediktinerin in der heutigen Zeit so interessant? Dieser und anderen Fragen geht eine gebürtige Osttirolerin in einem neuen Buch nach.
Mit Hildegard von Bingen hat sich Ursula Klammer über viele Jahre intensiv beschäftigt. Die Arbeit an ihrem neuesten Buch fiel, wie die 1965 in Strassen im Osttiroler Pustertal geborene Autorin schreibt, „in die Zeit der SARS-CoV-Pandemie, die – auf den ersten Blick – wie aus heiterem Himmel über die Menschheit hereingebrochen ist.“ In dieser Belastungsprobe würden sich, so die studierte Anglizistin und Theologin, viele nicht selten auch existentielle Fragen stellen, wird der Mensch doch angesichts von Krankheit und Leid in einem besonderen Maß mit den eigenen Grenzen konfrontiert. „Und gerade in einer derartigen Situation interessieren sich viele für Vorbilder, für Biographien beeindruckender Frauen sowie Männer und für deren Lebensmodelle. Hildegard von Bingen ist ohne Zweifel eine von diesen bemerkenswerten Persönlichkeiten“, betont Klammer, die in ihrem Buch „Hildegard von Bingen. Prophetin für unsere Zeit“ das Leben der rheinischen Benediktineräbtissin detailliert nachzeichnet.
Im Bild eine Bronzeskulptur der Hl. Hildegard in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim/Eibingen. „Die Äbtissin wurde vom Künstler als Frau mit einer schmalen, zerbrechlichen Gestalt und mit hagerem Gesicht dargestellt. Ihre geschlossenen Augen könnten innere Sammlung, konzentriertes Nachdenken oder kontemplatives Betrachten ausdrücken“, so Autorin Ursula Klammer.
Hildegard von Bingen (1089-1179) wurde als zehntes Kind einer adeligen Familie in eine bewegte Zeit hineingeboren. Als sie das Licht der Welt erblickte, lag die Spaltung der Christenheit in eine römische Westkirche und eine Ostkirche gerade einmal 40 Jahre zurück. Vieles war im Umbruch, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen waren einem großen Wandel unterzogen. Schon früh wurde das Mädchen für ein Leben in klösterlicher Abgeschiedenheit bestimmt und vermutlich im Alter von acht Jahren der Obhut einer Verwandten übergeben. 1112 zog Hildegard, gemeinsam mit Jutta von Sponheim, auf den Disibodenberg im Nahetal, wo sich ein benediktinisches Mönchskloster mit einer angeschlossenen Frauenklause befand. Hier erhielt sie eine umfassende Ausbildung und hier legte sie auch ihr Ordensgelübde ab – die endgültige Entscheidung für ein klösterliches Leben nach der Regel des Hl. Benedikt. Nach dem Tod ihrer Vorgängerin Jutta wurde Hildegard zur geistlichen Mutter des sich in der Entwicklung befindenden Frauenklosters gewählt. Das Amt der Klostervorsteherin sollte sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1179 ausüben, also insgesamt 43 Jahre lang. Ursula Klammer: „Dies ist umso erstaunlicher, als Hildegard von Geburt an immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte.“
1141, als die Äbtissin 43 Jahre alt war, begann sie damit, Visionen, die sie seit ihrer frühen Kindheit hatte, niederzuschreiben. Dies stellte den Beginn eines Schriftwerkes dar, welches beispiellos in der europäischen Geschichte des Mittelalters ist. Denn selbst von keinem ihrer männlichen Zeitgenossen ist ein so umfangreiches Textwerk überliefert. Ihr erstes Werk trug den Titel „Scivias“, was übersetzt so viel wie „Wisse die Wege“ heißt. Im Vorfeld der päpstlichen Synode von Trier in den Jahren 1147/1148 prüfte eine von Papst Eugen III. eingesetzte Kommission die Sehergabe der Klosterfrau – und bestätigte diese. Als Konsequenz wurde ihre visionäre Begabung offiziell anerkannt und die inzwischen 50-jährige Magistra zu einer über die heimatlichen Grenzen hinaus wirkenden Künderin des Wortes Gottes. Nachdem immer mehr Mädchen aus adeligem Hause um Aufnahme in die klösterliche Gemeinschaft baten, gründete Hildegard, dem Widerstand ihrer Mitbrüder zum Trotz, das Kloster Rupertsberg bei Bingen. Die Gemeinschaft – im 1158 erstmals urkundlich bezeugten Kloster – wuchs kontinuierlich an. 1165 erwarb sie ein verwaistes Klostergebäude in Eibingen bei Rüdesheim. Im Gegensatz zu Hildegards Erstgründung wurden hier vermutlich auch Mädchen bürgerlicher Herkunft aufgenommen.
In ihren Klostergründungen waren der Benediktinerin wirtschaftliche und geistliche Unabhängigkeit wichtig. Es ist bekannt, dass sie einen umfangreichen Briefwechsel mit bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik und Kirche unterhielt. Sie korrespondierte mit Königen und Päpsten, Gelehrten, Erzbischöfen und Äbtissinnen. Doch auch einfache Menschen wandten sich an sie, um von ihr Rat und Hilfe zu erbitten. Ihre Briefe an das Volk und an wichtige Persönlichkeiten festigten ihren Ruf als Botschafterin Gottes.
Jenseits aller Anerkennung prägten persönliche Erfahrungen im Umgang mit Krisen, äußeren und inneren Widerständen, mit Leiden, Krankheit und Scheitern Hildegard von Bingens Leben. Vielleicht resultierte auch daraus ihr besonderes Verständnis und Bemühen um Kranke und Hilfsbedürftige. Zwischen 1151 und 1158 arbeitete sie an den Werken „Physica“ (Heilkraft der Natur) sowie „Causae et Curae“ (Ursachen und Behandlungen der Krankheiten). Aufbauend auf ihrem Heilwissen versuchte sie gemeinsam mit ihren Mitschwestern, Menschen zu helfen. Sowohl auf dem Disibodenberg als auch im Kloster Rupertsberg wurden Kranke gepflegt und betreut. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten auf den Gebieten der Heil- und Naturkunde erhielt Hildegard später auch den Ehrentitel der „ersten deutschen Naturforscherin und Ärztin“.
Eine reiche visionäre Perspektive lässt sich auch aus Hildegards Liedern erkennen. Unter ihrem Namen sind insgesamt 77 geistliche Lieder und ein Singspiel überliefert, die vermutlich zwischen 1150 und 1160 entstanden. Ihre Offenheit Neuem und Unkonventionellem gegenüber spiegelt sich auch in ihren philosophisch-theologischen Betrachtungen wider. „Manche ihrer Aussagen zu Themenkreisen wie Partnerschaft, Sexualität oder Muttersein könnten“, wie die Autorin meint, „durchaus der Feder einer Psychologin, Philosophin oder Theologin unserer Zeit entstammen.“
Mehrmals machte sich die Benediktinerin auf den Weg quer durch Deutschland, um auf öffentlichen Plätzen und in Kathedralen zu predigen. Fünf Jahre beschäftigte sie sich mit „Liber Vitae Meritorum“, dem „Buch der Lebensverdienste“, 1163 begann sie mit der Niederschrift ihres letzten großen Werkes mit dem Titel „Liber Divinorum Operum“ (Das Buch der göttlichen Werke). Noch in hohem Alter führte sie eine vierte Missions-und Predigtreise nach Schwaben, bevor sie, 1179, im Alter von 81 Jahren im Kloster auf dem Rupertsberg starb.
Ausschnitt aus einer Miniatur im Buch „De Operatione Dei“, Lucca-Kodex, 13. Jahrhundert
„Hildegard von Bingens Ansatz war“, wie Ursula Klammer herausstreicht, „ … ein ganzheitlicher. Gesund lebt, wer Körper, Geist und Seele eint und heiligt. Die Bedürfnisse des Körpers wollen genauso beachtet werden wie die seelischen, geistigen und spirituellen Grundbedürfnisse. Ausgewogenheit in all diesen Lebensbereichen führt zu innerer Harmonie, Lebendigkeit, Freude und Wohlbefinden. Mit den Worten ,Pflege das Leben, wo du es triffst‘ erinnert sie uns heute daran, unser Leben im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten zu gestalten, dabei aber auf die Solidarität mit anderen bzw. mit der ganzen Schöpfung nicht zu vergessen.“
Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Die Fotografen