Bald wird in Prägraten wieder „graues Gold“ gesät

Ilse Mair baut auf den Feldern des „Obarroanahofes“ wieder Mohn an. Kreszentia Weiskopf blickt etwas wehmütig auf den Mohnanbau in früherer Zeit zurück.

mohnh_c_brunnerWir sitzen in der gemütlichen alten Stube des „Oberroanahofs“ in Prägraten – es gibt Mohnkuchen und Kaffee. Ich unterhalte mich mit Bäuerin Ilse Mair, Kreszentia Weiskopf und ihrer Schwiegertochter Ursula über den Mohnanbau im Großvenedigerdorf. Ilses Sohn Paul und ich lauschen gespannt den Erzählungen der drei Frauen. „Früher hat fast jeder Bauer hier bei uns im Tal Mohn angebaut. Fleisch war bekanntlich knapp und Mohn galt als sättigendes und kraftvolles Lebensmittel, mit dem die Bauersleute gerne ihren Speiseplan aufbesserten“, berichtet Kreszentia Weiskopf und weist darauf hin, dass der Mohn auf einer Höhenlage von 1.300 Metern und auf sandigen, durchlässigen Böden gut gedeihe. Auch am „Hansenhof“, wo sie geboren und aufgewachsen ist, war der Mohnanbau üblich. Einst war Mohn in den alpinen Hochtälern eine weit verbreitete Kulturpflanze – in Osttirol wurde etwa neben Prägraten auch in Kartitsch, Innervillgraten und Kals das „graue Gold“ angebaut.

Vor rund 15 Jahren führte ein Praktikum Ilse Mair, damals Studentin der BOKU/Wien, nach Prägraten, wo sie inzwischen ihre neue Heimat gefunden hat. „Ich bin in Wien aufgewachsen und wollte immer schon am Land und auf einem Bauernhof leben“, erzählt sie in perfektem Prägratner Dialekt. Gemeinsam mit ihrem Mann Andrä bewirtschaftet sie den „Oberroanahof“, baut Kartoffeln, Fisolen, Erbsen, Rotkraut, Zwiebeln, Lauch, Zucchini und vieles mehr an und – mit großer Begeisterung – auch Mohn. „Als wir an einem Informationsblatt über unseren Hof und über das Dorf tüftelten, erwähnte mein Mann in einem Nebensatz den Mohnanbau früherer Zeiten. Ich war einigermaßen überrascht, schließlich hätte ich diesen eher mit dem Waldviertel in Verbindung gebracht. Ich entschloss, mich intensiver mit der Materie zu beschäftigen“, blickt die Bäuerin zurück.

 

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Ab Mitte April wird sie wieder Mohn aussäen. „Die Samen werden mit Sand gemischt und zeilenweise oberflächlich auf den Boden aufgebracht. Man sagt, dass Mohn besonders gut gedeiht, wenn noch ausreichend Schneewasser – also Winterfeuchte – vorhanden ist“, erzählt sie. Kreszentia wirft ein, dass es früher üblich war, die Samen „mit den Füßen in den Boden zu treten“. 2015 hat Ilse Mair exakt am 24. April mit der Aussaat begonnen. Dies weiß sie deshalb so genau, weil sie über die wichtigsten Termine auf einem Kalender „Buch“ führt. Im Juli sollte ihr Mohnfeld auch heuer wieder in den verschiedenen Farben leuchten. „Ich schätze diese Pflanze alleine schon aufgrund der Farben ihrer wunderschönen Blüten. Meine Lieblingssorte ist Blaumohn, der weiß-violett blüht. Es gibt viele verschiedene Sorten, die in einem breiten Spektrum an Rot-, Weiß-, Blau- und Violett-Tönen blühen – eine Augenweide“, schwärmt sie von der Pracht der in Blüte stehenden Mohnfelder.

 

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Die Reifezeit dauert auf dieser Höhenlage etwas länger. „Zuerst sind die Kapseln grün, weich und feucht. Mit der Zeit nehmen sie eine braune Farbe an. Geerntet wird im Oktober. Ich reiße die ganzen Pflanzen inklusive Wurzel aus dem Boden. Wenn sie trocken genug sind, kommen sie in den Stadel. Ist dies nicht der Fall, lege ich den frisch geernteten Mohn noch auf den Solder (Balkon)“, erklärt Ilse Mair den weiteren Ernteprozess. Wenn sie im Laufe des Winters Mohn benötigt, um Speisen zuzubereiten, bricht sie die Kapseln vom Stengel ab und schüttelt die Samen heraus. „Leider reicht unser eigener Mohn nie für das ganze Jahr, ich muss auch zukaufen“, informiert sie.

 

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Kreszentia Weiskopf, die Altbäuerin vom „Weiferhof“, weiß viel über Speisen und Gebäck zu erzählen, die traditionell mit Mohn zubereitet werden. „Neben den ,Ingsanten Nigelen‘ ist in der Region vor allem der ,Blattlstock‘ bekannt, der traditionell zu Weihnachten auf den Tisch kommt. Zwischen die einzelnen Germteigfladen wird eine dicke Schicht aus Mohn, Schmalz und Zucker gestrichen. Zu Neujahr gab es früher für die Patenkinder auch die so genannten ,Noijalen‘. Diese erinnern in ihrer Form an Schlipfkrapfen, wurden aber aus Germteig hergestellt und mit Mohn und süßem Topfen gefüllt. Zudem gab es viele weitere süße Köstlichkeiten – wie Kuchen, Strudel oder Schnecken, die man mit Mohn zubereitete bzw. verfeinerte.“

 

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Dass die besondere Nutzpflanze inzwischen – mit wenigen Ausnahmen – von den Prägratner Feldern verschwunden ist, lässt Kreszentia Weiskopf etwas wehmütig werden. „Ende der 1980er-Jahre setzte der Niedergang im Anbau ein. Umso mehr freue ich mich, dass sich Bäuerinnen wie Ilse Mair wieder mit so großer Begeisterung dem Mohnanbau widmen.“

 

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Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Brunner Images, Ilse Mair

27. März 2016 um