Libellen in Osttirol: Schillernde Akrobaten der Lüfte

Ein Projekt der Naturkundlichen Arbeitsgemeinschaft Osttirol (NAGO) beschäftigt sich seit 2021 mit den im Bezirk Lienz vorkommenden Libellenarten.

Libellen zählen erdgeschichtlich zu den ältesten Insektengruppen, deren Vorfahren bereits aus dem oberen Karbon, also vor rund 350 Mio. Jahren, bekannt sind. Aufgrund ihres ausgeprägten Flugapparates können sie im Flug bis zu 50 km/h erreichen, wohingegen die Frequenz des Flügelschlages mit etwa 30 Schlägen pro Sekunde relativ langsam ist. Auffällig am Körperbau sind zudem die beiden großen Facettenaugen, die bei einigen Arten aus bis zu 30.000 Einzelaugen bestehen können.

 

01 Glänzende Smaragdlibelle (Somatochlora metallica)

 

Libellen sind an das Wasser gebundene Organsimen und nur jagend abseits von Gewässern anzutreffen. Etliche Arten sind ökologisch anspruchsvoll und kommen nur in sauberen Gewässern mit spezieller Ufer-Struktur vor. Wie auch andere geflügelte Insekten sind sie zudem ausgesprochene Sonnentiere, die bei bewölkter Witterung oder Regen kaum zu beobachten sind. Viele Arten zeigen ein ausgesprochenes Revierverhalten, die ungewünschte Eindringlinge und Artgenossen bekämpfen. Wir Menschen brauchen uns allerdings vor Libellen nicht zu fürchten: Alle Arten sind entgegen manch landläufiger Meinung und ihrer früheren skurrilen Bezeichnungen („Augenstecher“ oder „Teufelsnadeln“) für den Menschen völlig harmlos – weder stechen sie, noch sind sie giftig!

 

02 Federlibelle (Platycnemis pennipes)

 

Wie alle Insektenarten besitzen auch Libellen einen mehrstufigen Lebenszyklus, der von der Eiablage über mehrere aquatische Larvenstadien bis zum fertigen flugfähigen Insekt – der „Libelle“ im eigentlichen Sinn – reicht. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Lebensdauer der adulten, fliegenden Tiere bei den allermeisten Arten nur rund vier bis sechs Monate beträgt, während die Lebensspanne der Libellenlarve im Wasser bis zu fünf Jahren dauern kann.

 

03 Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo)

 

Libellen sind aber auch eine Tiergruppe, die sehr dynamisch auf Veränderungen in unserer Umwelt reagiert. Werden etwa Gewässer neu angelegt, so zählen einige Arten aufgrund ihres ausgesprochenen Pionierverhaltens mitunter zu den ersten Besiedlern. Auch können Libellen aufgrund ihrer guten Flugfähigkeiten relativ rasch neue Gebiete besiedeln, was vor allem unter dem Aspekt des Klimawandels und höherer Temperaturen eine Rolle spielt. Andererseits können sie ebenso schnell, wie sie gekommen sind, wieder verschwinden, wenn ihre Habitate beeinträchtigt oder zerstört werden.  Libellen gelten damit als gute Indikatororganismen, die Veränderungen unserer Umwelt rasch anzeigen. Umso nachvollziehbarer ist also auch, dass alle Libellenarten in Tirol per Gesetz vollkommen geschützt sind.

 

04 Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca)

 

Nicht zuletzt aus diesen Gründen hat die Naturkundliche Arbeitsgemeinschaft Osttirol (NAGO) im letzten Jahr ein Projekt zur Erforschung der bis dato rund 40 bekannten Libellenarten Osttirols gestartet. Aufbauend auf einem Verbreitungsatlas der Libellen Osttirols aus dem Jahr 2017, der auf der Homepage der NAGO abrufbar ist, wurden im Jahr 2021 Kartierungen im Bezirk Lienz durchgeführt, die 2022 fortgesetzt werden. Über diese  Freilanderhebungen soll ein aktuelles Bild der Verbreitung der Libellenarten in Osttirol gewonnen werden. Während die Kenntnis über die Libellenfauna der Tallagen bereits als gut eingeschätzt werden kann, bestehen bei den Arten der Hochlagen, vor allem im Almbereich, noch einige Wissensdefizite. Aus diesem Grund bittet die NAGO Interessierte darum, Libellensichtungen aus Osttirol zu melden. Gerne können hierzu auch Fotos gesendet oder Bestimmungsanfragen gestellt werden (Kontakt: info@nago-osttirol.at). In weiterer Folge ist geplant, die Ergebnisse dieses Projektes in Buchform zu publizieren, wobei neben aktualisierten Verbreitungskarten und kurzen Artensteckbriefen auch die Erstellung einer sogenannten „Roten Liste“ der Libellenarten Osttirols geplant ist, um auf die Gefährdung einzelner Arten und auf ihre Schutzwürdigkeit hinzuweisen.

 

05 Gebänderte Heidelibelle (Sympetrum pedemontanum)

 

Im Rahmen dieses Projektes werden von der NAGO heuer übrigens zwei öffentlich zugängliche Veranstaltungen angeboten: In einem Vortrag mit dem Titel „Libellen in Osttirol – ein neues (Buch-)Projekt der NAGO“ wird nach einer kurzen Einführung zum Stand der Libellenforschung in Osttirol das Projekt und dessen Ziele im Detail dargestellt. Der Vortrag findet am 1. Juni 2022 um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Lienz statt. Im Sommer folgt eine halbtägige Libellenexkursion zu ausgewählten Libellengewässern im Lienzer Becken, im Zuge derer auch Erkennungsmerkmale sowie interessante ökologische und biologische Aspekte zu den gesichteten Libellen besprochen werden. Diese Exkursion ist für den 30. Juli 2022 geplant. Sie findet nur bei passender Witterung statt, da ansonsten mit keiner Libellenaktivität zu rechnen ist. Alle Information zu diesen beiden Veranstaltungen finden sich auf der Homepage der NAGO unter www.nago-osttirol.at

Wer sich früher mit dieser interessanten Tiergruppe beschäftigen  möchte, der kann bereits jetzt im Frühling Libellen aufspüren, sei es im eigenen Gartenteich oder an geeigneten, tiefergelegenen Stillgewässern, die ausreichend Wasserpflanzen- und Ufervegetation zeigen und höchstens einen geringen Fischbesatz aufweisen. Eine sehr früh im Jahr fliegende Art ist etwa die Gewöhnliche Winterlibelle, die dank eines körpereigenen Frostschutzes bei uns als Adulttier überwintert und bei wärmeren Temperaturen im Frühjahr fliegt. Aber auch etliche weitere Kleinlibellen wie die Federlibelle, die Hufeisen-Azurjungfer oder die Frühe Adonislibelle können schon ab Mai gesichtet werden, ebenso wie die zu den Großlibellen gehörenden Arten Gemeine Smaragdlibelle, Plattbauch, Vierfleck oder die Frühe Heidelibelle.

 

Mag. Dr. Oliver Stöhr ist Sprecher der Naturkundlichen Arbeitsgemeinschaft Osttirol (NAGO) und arbeitet als Geschäftsführer für Biologie bei der Firma REVITAL Integrative Naturraumplanung GmbH in Nußdorf-Debant. Neben der intensiven Erforschung der Pflanzenwelt Osttirols beschäftigt er sich auch mit einigen Tiergruppen, insbesondere Heuschrecken und Libellen.

 

Text und Fotos: Oliver Stöhr

25. April 2022 um