Parkour: Schwerelos durch die Stadt Lienz

Sie hechten über Zäune, klettern über Mauern, fliegen über Dächer. Was die durchtrainierten Mitglieder von StyleFly tun, nennt sich „Le Parkour“. Mit Video!

Aus Kinofilmen wie „The Fast and the Furious“ ist die Bewegungskunst, die man immer wieder auch in Musikvideos und Werbung sieht, bereits bestens bekannt. „Bei Parkour geht es vor allem um Effizienz“, erklärt der 17-jährige Lienzer Manuel Engl, der sich seit seiner Hauptschulzeit mit der Bewegungskunst beschäftigt und sich die verschiedenen Techniken mit Hilfe unzähliger Videos und in jahrelangem, hartem Training selbst und mit Freunden beigebracht hat. Parkour-Läufer wie Manuel sehen die Welt mit anderen Augen. Jede Hecke wird zur Hürde, jede Hauswand zu einer Herausforderung. Bei „Parkour“ geht es in erster Linie nicht um waghalsige Aktionen, sondern vor allem um flüssige, kontrollierte und effiziente Bewegungen, im Gegensatz zum Freerunning. Hier der kurze Unterschied: Beim Parkour will man so schnell wie möglich von A nach B gelangen, ohne harte Landungen, alles schön „smooth“ und mit der gewissen Leichtigkeit. Beim Freerun hingegen geht es darum, so kreativ wie möglich von A nach B zu kommen. Saltos, Drehungen und Bodenakrobatik finden hier ihren Platz.

Bekannt wurde Parkour jedoch vor allem durch den Werbefilm „Rush Hour“ der britischen Rundfunkanstalt BBC aus dem Jahr 2002. Darin springt David Belle über die Dächer Londons, um pünktlich zu seiner Lieblings-TV-Sendung zu Hause zu sein. Über Dächer springt der junge „StyleFlyer“ Manuel gerade nicht, als wir ihn zum Lokalaugenschein in Lienz treffen, aber was wir hier zu sehen bekommen, ist schon ziemlich beeindruckend. Bis zu vier Mal pro Woche trainiert der junge Lienzer mit Freunden an verschiedensten Plätzen seiner Heimatstadt. Dabei ist in ländlichen Gegenden wie Osttirol durchaus mehr Kreativität als etwa in Großstädten gefragt, wenn es um das Finden neuer Herausforderungen geht. Manuel ist meist im Lienzer Dolomitenstadion, bei Unterführungen, bei der HTL oder der VS Nord anzutreffen, wo er alles überwindet, was ihm an Hindernissen ins Auge springt: Er hechtet über Bänke, klettert über Stiegengeländer, Mauern oder Garagen. „Du machst nicht einfach einen waghalsigen Sprung, damit es cool aussieht. Du überwindest Hindernisse, weil es Spaß macht, deine Umgebung einmal anders zu nutzen“, erzählt der Bewegungskünstler, der sein Wissen im Rahmen des Vereins „StyleFly“ auch an Interessierte aus der Region weitergibt.

Etwa ein Dutzend Grundbewegungen zählen zum Standard-Repertoire der ungewöhnlichen Bewegungskunst. Darunter sind Sprungtechniken, aber auch Lauf- und Klettermethoden, mit denen man beispielsweise drei Meter breite Spalten oder vier Meter hohe Wände überwinden kann. Zu jedem Move gibt es unendlich viele Variationen – weil Parkbank nicht gleich Parkbank und Parkhaus nicht gleich Parkhaus ist. „Entscheidend ist, dass die Bewegung flüssig abläuft, der sogenannte Flow-Faktor“, hebt der Lienzer hervor und meint weiter, dass jeder Absprung, jede Drehung und jede Landung so sanft, geschmeidig und präzise wie möglich ausgeführt werden sollten.

Das Allerwichtigste, was viele Leute aber vergessen, ist der Respekt vor der Natur und der Umgebung. Deswegen wird sehr darauf geachtet, nichts zu beschädigen, zu zerkratzen oder abzunützen. „Parkour muss in der Gesellschaft erst akzeptiert werden, zumindest hier in Osttirol, weil viele Leute glauben, dass die Traceure (Parkour-Sportler) nur willkürlich und ohne Rücksicht auf den Dächern herumirren. Da kommt es schon vor, dass wir mit Rowdies oder Ähnlichem beschimpft werden. Also schönes Osttirol, nicht erschrecken, wenn jemand über eure Dächer spaziert oder Wände hinaufläuft“, hofft Manuel auf Verständnis. Manuel übt Parkour nun seit drei Jahren aus und nahm heuer erstmals auch bei der Freerun-EM teil. Ihm ist aber sehr wichtig, dass es bei diesem Sport keinen Leistungsdruck gibt. „Im Prinzip misst sich jeder mit sich selbst, ist stolz auf seine eigene, durch Training immer besser werdende Leistung. Das Erreichen von Zielen und das Überwinden eigener Grenzen sind Ansporn genug!“ Der Traum des Osttirolers ist es, nach Abschluss seiner Schulzeit durch die Welt zu reisen, um andere Parkour-Sportler zu treffen und von ihnen lernen zu können.

Auf die Gefährlichkeit seines Hobbys angesprochen, erklärt Manuel abschließend: „Parkour ist so gefährlich, wie man es sich selbst macht. Wenn man sehr viel und intensiv trainiert, kann man seine eigene Körperbeherrschung natürlich massiv steigern und die Gefährlichkeit von Sprüngen etc. erheblich reduzieren. Ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich, aber das ist auch bei anderen Sportarten vorhanden. Bei Parkour sind Verletzungen größtenteils selbst verschuldet.“ Wer sich für die Bewegungskunst interessiert oder sie auch erlernen will, schaut am besten beim Verein StyleFly vorbei – www.stylefly.at

Text: E. Hilgartner, Fotos: Journal/Sulzenbacher, Video: Karl Steiner

05. September 2012 um