Landesgeologe: „Keine Panik wegen Schneeschmelze!“
Ob die anstehende Schneeschmelze zu gröberen Bewegungen in Hängen und im Fels führen, hängt laut Dr. Gunther Heißel vor allem vom Wetter in nächster Zeit ab.
Die massiven Schneefälle in Osttirol im heurigen Winter und die jetzt anstehende Schneeschmelze lassen viele befürchten, dass es auch zu erhöhten Aktivitäten im Gelände, in den Hängen und in den Felsen kommt. Dr. Gunther Heißel, Leiter der Tiroler Landesgeologie betont, dass es vor allem von den Wetterverhältnissen in nächster Zeit abhängt, ob es zu vermehrtem Steinschlag, Hangrutschungen oder Felsstürzen kommt. „Wenn es warm wird und wir mit trockener Luft konfrontiert werden, rechne ich mit nicht allzu großen Auswirkungen, weil der Schnee verdunstet und damit nicht in größerem Ausmaß in den Boden gelangt“, erklärt Heißel. Wenn die Luft hingegen warm und feucht ist und es vielleicht zusätzlich noch regnet, könnte zusätzlich zum Schnee noch weiteres Wasser in den Untergrund gelangen. Im schneereichen Winter 2008/2009 hatten wir dieses Szenario, und es ist zur Zeit der Schneeschmelze viel Wasser in den Boden gelangt. Hangrutschungen, murenartige Prozesse, Steinschlag und Blocksturz waren die Folge“, erinnert sich der Landesgeologe.
Bei Frost-Tauwechsel würde außerdem vermehrt Wasser in Felsspalten eindringen. „Dann kann es zu Abplatzungen von Felsen kommen, wie wir es zu Beginn der Woche in Südtirol gesehen haben.“ Gunther Heißel weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass es auch noch Monate später zu Folgen von schneereichen Wintern kommen kann. „Die Großschuttgleitung bei Leisach war so ein Beispiel. Das unterirdische Schmelzwasser aus den Lienzer Dolomiten ist knapp ein Jahr nach den starken Niederschlägen plötzlich in der Hangflanke knapp oberhalb der Talsohle ausgetreten und hat die Schuttgleitung ausgelöst“, so Heißel.
Im Vorjahr kam es in Osttirol zu zahlreichen Hangrutsch- und Felssturzereignissen. Der Felssturz auf die Felbertauernstraße am 14. Mai war das folgenschwerste.
In Osttirol sei es derzeit im Gelände eher ruhig, weil es kälter als etwa in Kärnten und in Südtirol war. „Prinzipiell ist im Gebirge immer alles möglich. Aber ob etwas passiert, ist eben stark vom Wetter abhängig. Es hat keinen Sinn in Panik zu verfallen. Die Bevölkerung ist auch aufgrund der positiven Berichterstattung sensibilisiert und weiß im eigenen Bereich ziemlich gut Bescheid“, betont der Geologe. In Bezug auf Felsstürze im Hochgebirge und der Problematik des auftauenden Permafrostes meint er: „Das ist weniger ein Problem des Winters und der Schneeschmelze. Egal, ob viel Schnee gefallen ist oder wenig, die Permafrost-Schicht ist durch Erde und Fels geschützt. Erst im Hochsommer – also erfahrungsgemäß im Juli und August bis in den September hinein – kann es durch die Sonneneinstrahlung zu Auflockerungen und Tauprozessen und in weiterer Folge zu Felsstürzen kommen.“
Egal welche Verhältnisse gerade herrschen, das aus fünf Geologen bestehende Team der Landesgeologie ist jederzeit einsatzbereit. „Beim Felssturz am Felbertauern im Mai 2013 wurden wir in der Nacht alarmiert und sind sofort ausgerückt. In den Morgenstunden wurde der betreffende Hang bereits abgeflogen, und wir haben mit dem Straßenerhalter die weiteren Maßnahmen besprochen. Es muss schon grob fehlen, dass ein Landesgeologe nicht innerhalb von zwei Stunden vor Ort sein kann – egal wo in Tirol“, so Heißel, „nach Alarmierung durch die Landeswarnzentrale steht uns üblicherweise der Polizeihubschrauber Libelle zur Verfügung, im Katastrophenfall auch das Bundesheer.“
Jedenfalls sehen die Geologen der weiteren Entwicklung in Osttirol mit Ruhe entgegen. Man sei vorbereitet und im Ereignisfall rasch vor Ort. „Im Einsatzfall geht es darum, die Gefahr einzuschätzen – vor allem was Siedlungen und Straßen betrifft. Dann klären wir, ob Sperren bzw. Evakuierungen notwendig sind und sorgen dafür, dass bei Bedarf Rettungsorganisationen zum Unglücksort kommen. Und wir stehen den Einsatzleitungen und Behörden beratend zur Seite“, sagt Dr. Gunther Heißel abschließend.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Brunner Images

