Kals a.Gr.: Wo Frauen in der Bergrettung längst dazugehören

In Kals am Großglockner war manches selbstverständlich, lange bevor es offiziell erlaubt war. Mit Evi Gratz stand hier bereits in den späten 1990er-Jahren die erste Bergretterin Osttirols im Einsatz.

„Bei uns war eine Frau als Bergretterin eigentlich nie ein großes Thema“, erinnert sich Hans zurück. Evi lächelt und nickt. „Ich habe einfach gefragt, ob ich mitgehen darf.“ Was heute selbstverständlich klingt, war es damals nicht. Ende der 1990er-Jahre waren Frauen in der Tiroler Bergrettung offiziell noch nicht erlaubt. Im Osttiroler Glocknerdorf entschied man sich für einen anderen Weg, einen pragmatischen, bodenständigen und vor allem menschlichen.

 

 

Hans Gratz engagiert sich seit 1968 bei der Bergrettung Kals. Viele Jahre war er Einsatzleiter, von 1995 bis 2010 leitete er die Ortsstelle als Obmann. Die Bergrettung hat sein Leben geprägt – und das seiner Familie. „Wenn wir zum Einsatz gerufen wurden, dann musste halt alles andere warten“, blickt der heute 75-Jährige zurück. Am Bergerhof, wo auch die Einsatzzentrale untergebracht war, half die ganze Familie zusammen – im Stall ebenso wie auf dem Feld und bei der Gästevermietung.

 

 

Frauen spielten in der Kalser Bergrettung schon früh eine wichtige Rolle, wenngleich zunächst vor allem im Hintergrund. Bereits in den 1970er-Jahren betreute Mene Schnell, die Frau des damaligen Ortsstellenleiters Rudolf Schnell, die Zentrale, später übernahm Hans‘ Frau Bernadette diese Aufgabe. Funk, Organisation und Koordination liefen lange Zeit direkt aus der Küche. „Frauen haben bei uns immer ganz selbstverständlich mitgeholfen“, erzählt Hans. Dass mit Evi Gratz eine Frau auch aktives Mitglied der Bergrettung wurde, war daher weniger ein Bruch als vielmehr eine logische Entwicklung.

 

 

Evi kam über ihre eigene Begeisterung für die Berge zur Einsatzorganisation. Sie war viel unterwegs, kletterte und tauschte sich mit Bergführern und Bergrettern aus. „Das hat mich einfach fasziniert – vor allem auch die Einsätze mit dem Hubschrauber“, erzählt sie. Schließlich sprach sie Bergführer Franz Holzer an: „Mich würde das interessieren. Ich will Bergretterin werden.“ Was folgte, war typisch für das Osttiroler Glocknerdorf: kein großes Aufheben, sondern einfach ausprobieren. Evi wurde zu Übungen mitgenommen – und war von Anfang an ein Teil der Mannschaft.

 

 

Offiziell war die Aufnahme von Frauen damals in der Tiroler Bergrettung nicht vorgesehen. Die Landesleitung stand der Mitgliedschaft von Frauen ablehnend gegenüber. Doch in Kals entschied man sich dafür, eigene Wege zu gehen. „Wir haben nicht auf die offizielle Linie geachtet“, so Hans. „Für uns hat das einfach gepasst.“ Evi wurde aufgenommen, die Ortsstelle übernahm ihre Versicherung und leitete ihre Ausbildung in die Wege. Für Hans Gratz stand ohnehin immer außer Frage, dass Frauen sehr wohl ihren Platz in der Bergrettung haben. „1982 habe ich einen Lawinenhundekurs in Kärnten absolviert– und schon damals war eine Frau dabei. Für mich war das nie ein Thema.“

 

 

Dass Evi von offizieller Seite Steine in den Weg gelegt wurden, sprach sich herum. Angebote aus anderen Bundesländern folgten, und auch medial geriet das Thema zunehmend in den Fokus. Erst 2001 wurde die Aufnahme von Frauen in der Tiroler Bergrettung offiziell erlaubt. Evi absolvierte 2003 den Sommerkurs auf der Karlsbader Hütte und 2004 den Winterkurs im Jamtal – und wurde damit zur ersten Bergretterin Osttirols. Heute sind Frauen in der Bergrettung längst selbstverständlich. In der Kalser Bergrettung sind neben Evi aktuell zwei Frauen aktiv.

 

 

Bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Bergretterin steht für Evi immer der Mensch im Mittelpunkt – und die Möglichkeit, in schwierigen Situationen helfen zu können. Seit 1999 ist die Kalserin auch als freiwillige Sanitäterin beim Roten Kreuz und als First Responderin tätig. Sie weiß, wie schwierig Einsätze oft sein können – gerade am Großglockner oder bei schlechtem Wetter. „In der Zentrale halte ich den Kontakt zwischen Tal, Mannschaft und Hubschrauber aufrecht und versuche, bestmöglich zu unterstützen. Man ist gedanklich immer bei den Kameraden draußen im Einsatz.“

 

 

Die Herausforderungen haben sich über die Jahre verändert – und sind nicht kleiner geworden. Wetter und Dunkelheit zählen nach wie vor zu den entscheidenden Faktoren. „Früher hatten wir oft nur eine einfache Stirnlampe dabei“, berichtet Hans Gratz. „Heute ist die Ausrüstung viel besser geworden. Auch die Möglichkeiten der Navigation und der Kommunikation haben sich stark weiterentwickelt.“ Geblieben ist die Leidenschaft für die Berge – und für das Helfen.

 

 

Hans war nicht nur als Einsatz-und Ortsstellenleiter aktiv, sondern auch als Flugretter und Lawinenhundeführer. Bewegung ist für ihn bis heute sehr wichtig. 2018 stand er zuletzt am Großglockner – zur Vorbereitung auf eine besondere Tour. Seine Kameraden hatten ihm zum 50-jährigen Jubiläum bei der Bergrettung eine Besteigung des Mont Blanc über den Bionnassay-Grat geschenkt. „Das war die Tour meines Lebens“, blickt er begeistert zurück.

 

 

Auch für Evi sind die Berge bis heute Leidenschaft, Herausforderung und Rückzugsraum zugleich. „Wichtig ist, dass man hilft, egal wem. Ob Bergrettung, Rotes Kreuz oder andere Einsatzorganisationen: Wir ziehen alle am gleichen Strang. Und genau dieses Miteinander macht es aus.“ Es ist diese Haltung, die die Bergrettung in Kals prägt, damals wie heute. Frauen sind einfach Teil der Mannschaft – so wie es hier eigentlich schon immer war.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger

02. April 2026 um