Jose und das goldene Christuskind

Was wäre Weihnachten ohne Geschichten? Hier die Geschichte „Jose und das goldene Christuskind“ nach einer Erzählung von Francois Coppee aus dem Jahre 1903.

Vor vielen Jahren, so vielen, das niemand mehr weiß, wann genau es war, lebte in einem Dorf im Süden Brasiliens ein siebenjähriger Junge Namens Jose. Er hatte seine Eltern früh verloren und war von einer Tante aufgezogen worden, die zwar reich, aber sehr geizig war. Jose, der nie erfahren hatte, was Liebe ist, fand aber, das Leben sei nun einmal so, und störte sich nicht daran. Die Tante und Jose wohnten in einem Viertel für reiche Leute. Die Tante hatte den Schuldirektor gedrängt, ihren Neffen in die dortige Schule aufzunehmen. Sie wollte allerdings nur ein Zehntel des Monatsbeitrags zahlen und drohte, sich beim Bürgermeister zu beschweren, falls er ihrer Bitte nicht nachkam. Der Direktor gab klein bei, wies jedoch seine Lehrer an, Jose bei jeder Gelegenheit zu demütigen. Er wollte Jose so weit provozieren,  dass er auffällig würde und ihm so den Vorwand lieferte, ihn der Schule zu verweisen. Jose, der nie erfahren hatte, was Liebe ist, fand, das Leben sei nun einmal so, und störte sich nicht daran.

Dann kam der Weihnachtsabend. Auf dem Weg zur obligatorischen Christmesse unterhielten sich Joses Schulkameraden darüber, was sie am nächsten Morgen in ihren Schuhen finden würden: moderne Kleidung, Schokolade, Roller und Fahrräder. Sie waren schön angezogen, wie immer an Feiertagen, nur Jose hatte wie immer seine zerlumpten Kleider und die abgewetzten Schuhe an, die ihm längst zu klein waren. Einige Kinder fragten ihn, warum er so ärmlich angezogen herumlief, und  sagten, sie schämten sich für so einen Schulkameraden. Da Jose nie erfahren hatte, was Liebe ist, störten ihn die Fragen nicht. Als Jose die Kirche betrat, hörte er die Orgel spielen, sah die brennenden Lichter, die Leute in ihren Sonntagskleidern,  die Familien, die zusammensaßen, Eltern, die ihre Kinder im Arm hatten, und da plötzlich fühlte er sich arm und elend.

Nach der Kommunion setzte er sich, anstatt mit der Gruppe nach Hause zu gehen, auf die Schwelle der Kapelle und begann zu weinen. Auch wenn Jose die Liebe nie kennen gelernt hatte, wusste er wohl, was
es hieß, allein, hilflos, von allen verlassen zu sein. In diesem Augenblick bemerkte er einen Jungen neben sich, der barfüßig war und ebenso arm aussah wie er selber. Da er ihn noch nie gesehen hatte, nahm er an, dass er lange gegangen sein musste, um bis hierher zu kommen. Er dachte: „Dem Jungen müssen die Füße wehtun. Ich werde ihm einen meiner Schuhe geben, das wird sein Leiden halbieren.“ Jose hatte zwar die Liebe nicht kennen gelernt, aber er wusste, was Leiden ist, und wollte nicht, dass andere so litten wie er. Er gab dem Jungen einen Schuh und ging mit dem anderen nach Hause. Er trug diesen abwechselnd mal am linken, mal am rechten Fuß, um sich weniger wund zu laufen.

Als er nach Hause kam, sah seine Tante sofort, dass er einen Schuh verloren hatte, und drohte ihm, wenn er diesen nicht am nächsten Tag wiedergefunden hätte, würde er bestraft. Jose ging voller Angst ins Bett, denn er kannte die Strafen seiner Tante. Zitternd lag er da und fand keinen Schlaf. Als er endlich am Einschlafen war, hörte er plötzlich lautes Stimmengewirr aus der guten Stube. Seine Tante kam ins Zimmer gestürmt und befahl ihm, sofort ins Wohnzimmer zu kommen. Noch ganz benommen ging Jose hinüber und sah den Schuh, den er dem Jungen gegeben hatte, mitten im Zimmer liegen, und darum herum alles mögliche Spielzeug, Fahrräder, Roller, Kleider. Die Nachbarn waren ebenfalls alle
da, zeterten und schimpften, ihre Kinder seien bestohlen worden, hätten beim Aufwachen nichts in ihren Schuhen gefunden. In dem Augenblick erschien atemlos der Priester. Er hatte auf der Schwelle der Kapelle eine ganz in Gold gekleidete Statue des Christuskindes gefunden, die nur an einem Fuß einen Schuh trug. Augenblicklich wurde es ganz still, alle Anwesenden lobten Gott und seine Wunder, die Tante weinte und bat Jose um Vergebung. Und Joses Herz wurde von der Kraft und von der Liebe erfüllt, die er jetzt endlich erfahren hatte.

Text: Redaktion, Foto: tinefoto.com/Martin Steinthaler

24. Dezember 2015 um