„Ich bin ein Abenteurer und kein Sportler!“

Aus Anlass seines Auftrittes beim Austria Skitourenfestival in Lienz baten wir den Bergsteiger, Abenteurer und Grenzgänger Reinhold Messner zum Interview.

Herr Messner, Ihr neuestes Buch trägt den durchaus doppeldeutig gemeinten Titel „ÜberLeben“. Worum geht es darin?

Bei meinen Expeditionen und Abenteuern habe ich sehr vieles über unser Menschsein erfahren und darüber, was man über sich selbst lernt, wenn man sich Ängsten, Zweifel und Einsamkeit aussetzt. Schon als Kind war ich in den Bergen meiner Heimat unterwegs und habe die Fähigkeit erworben, mit der Natur und mit den Gefahren umzugehen. Im Rückblick kann ich sagen, dass die Natur das prägendste Element meines Lebens war. Im Vorjahr habe ich meinen 70. Geburtstag erlebt und ein Buch geschrieben, mit 70 Kapiteln über das Leben – von Heimat bis Tod.

Viele bezeichnen es als Ihr mutigstes Buch. Sie sagen darin, dass Selbstvertrauen das beherrschende Element des Mutigen sei.

Im Alter von 70 Jahren weiß man, dass man nichts zu verstecken hat, weder das, was von außen negativ gesehen wird, noch das, was viele beklatschen. Das heißt, ich versuche, selbstbestimmt zu leben und habe das eigentlich immer getan. Meine Eltern und meine Brüder haben mich immer wieder gedrängt, ich möge etwas Vernünftiges tun. Ich bin aber bei meinem Leben geblieben, bei meinen Aussagen, bei meiner Art, mich auszudrücken. Dieses selbstbestimmte Leben wünsche ich mir für alle Menschen, aber der Großteil lebt nicht selbstbestimmt. Viele trauen sich nicht, sehen keine Chance, das zu tun, was sie möchten. Aber eigentlich ist das gar nicht so schwierig!

Warum suchen heute immer mehr Freizeitsportler in den Bergen, am Fels und in Boulderhallen den Kick? Welche Sehnsucht steckt dahinter?

Sie haben das richtig ausgedrückt: Die meisten suchen den Kick! Sie steigen auf den Berg, gehen in die Boulderhalle oder springen von der Brücke. Sie erklimmen eine Aussichtsplattform und blicken in den Abgrund. Hier handelt es sich meiner Ansicht nach um gezähmte Emotionen. Die wirkliche Wildnis, wie ich sie gesucht habe, die archaischen Welten der Antarktis, im Himalaja oder in den Dolomitenwänden, werden hingegen gemieden. Die meisten wollen sich nicht wirklich einer Gefahr aussetzen. Sie gehen dorthin, wo alles präpariert ist für diese „Kick-Sportarten“. Das hat mit mir nichts zu tun. Ich bin ein Abenteurer und kein Sportler!

Sie sagen, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche einen Verlust an Freiheit bedeutet.

Man kann heute kaum mehr etwas tun, ohne dass man beobachtet wird. Selbst beim Aufstieg zum Mount Everest oder K2 ist es grundsätzlich möglich, gegen eine entsprechende Summe Geld natürlich, einen Satelliten so zu polen, dass man von jedem beliebigen Standort aus alles live mitverfolgen kann. Wenn jeder Quadratmeter auf dieser Welt vom Satelliten aus sichtbar ist, dann gibt es keine archaische Welt mehr. Warum glauben Sie, spionieren die NSA und andere Organisationen die Welt aus? Es geht dabei nicht um die politische Auseinandersetzung. Industriespionage ist im Grunde ein Beispiel dafür, wie unfrei wir heute geworden sind. Überspitzt ausgedrückt heißt das, wenn ich heute den Text meines Buches per Mail an den Verleger schicke, muss ich Glück haben, dass es morgen noch mein Buch ist.

Die entscheidende Frage sei, wie wir gemeinsam (!) überleben können, schreiben Sie. Was ist dafür weltpolitisch – auch im Angesicht der aktuellen Flüchtlingsströme – notwendig?

In erster Linie hätte das Chaos im Nahen Osten überhaupt nicht entstehen dürfen. Auch wir Europäer tragen dafür eine gewisse Mitverantwortung. Von Schuld will ich nicht sprechen. Vieles begann mit dem Irak-Krieg der USA. Heute stehen wir vor Problemen, die nicht lösbar sind – zumindest nicht schnell lösbar. Viele Faktoren spielen eine Rolle, auch die Politik Russlands. Wir können die Situation aber nicht einfach von uns schieben. Wir Europäer sind über den Flüchtlingsstrom jetzt auch unmittelbar betroffen. Ich habe Verständnis, wenn Slowenien die Grenze dicht macht. Ich finde es zwar nicht richtig, kann es aber nachempfinden. Ich möchte auch unsere Politiker nicht kritisieren, weil es sich hier um eine unendlich schwierige Thematik handelt.

Sie sprechen in „ÜberLeben“ auch davon, dass Lösungen für komplexe Problemstellungen in der modernen Gesellschaft zunehmend schwieriger werden. Was meinen Sie konkret damit?

Wir haben in vielen Bereichen keine besseren Lösungen gefunden, als jene, die die Menschen vor 5.000 Jahren hatten. Wir haben lange auch geglaubt, dass wir heute viel sicherer leben als etwa vor 50 Jahren. In Wirklichkeit ist das nur suggeriert. Wir leben in einer relativ gefährlichen Welt. Wir können uns nicht sicher sein, ob die Rechts- oder Sozialsysteme in den nächsten Jahrzehnten noch funktionieren werden. Es ist uns nicht gelungen, den Wohlstand gleichmäßiger zu verteilen. Ich persönlich erlebe zwar eine höhere Lebensqualität als vor 50 Jahren, gerade in Südtirol. Aber wenn ich mir die Jugend anschaue, spüre ich irgendwie, dass die Kinder in der Nachkriegszeit, die in bescheidenen Verhältnissen aufwuchsen, nicht unglücklicher waren.

Sie sagen, dass Sie bei Ihren Abenteuern nie Gegner, dafür aber viele Widersacher hatten. Mit welchen Strategien konnten Sie trotzdem so erfolgreich sein?

Man hat mir immer wieder Prügel in den Weg geworfen – bei der Bezwingung der Achttausender ebenso wie später bei meinem Museen-Projekt. Wenn ich am Boden lag, bin ich aber immer wieder
aufgestanden. Letztendlich resultiert mein Erfolg daraus, dass ich mit meiner ganzen Begeisterung,
mit meiner ganzen Kraft, mit all meinen Möglichkeiten hinter meinen Projekten gestanden bin. Ich
habe mich mit meinen Unternehmungen immer voll identifiziert. Es ist vieles gelungen, ich habe auch in einer großartigen Zeit gelebt. Vor meiner Zeit konnte man ein oder zwei Expeditionen im Leben realisieren, ich konnte hunderte unternehmen. Es war vor meiner Zeit auch kaum möglich, als
Privatperson ein Museumsprojekt wie das MMM auf die Beine zu stellen. Ich konnte dies tun, allerdings musste ich sehr viel Kraft dafür aufbringen. Heute weiß ich: „Auch mit den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Großartiges bauen.“ Dieses Zitat von Goethe kann
ich unterschreiben! Wenn ich keine Widerstände erlebt hätte – als Kind, als Kletterer, als Höhenbergsteiger, als Grenzgänger, als Museumsgestalter – wären meine Projekte nie so gelungen. Ich verdanke also meinen Widersachern sehr viel!

Interview: Raimund Mühlburger, Foto: Claude Langlois

09. Dezember 2015 um