„Hinschauen statt Wegschauen!“

So lautet die Devise der Kinderschutzarbeit in Österreich. Eine der bundesweit ältesten Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, die Opfer von Gewalt wurden, befindet sich in Lienz.
Wie emotionsgeladen das Thema „Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ ist und wie wichtig gleichzeitig die Enttabusierung in unserer Gesellschaft und das Angebot professioneller Schutz- und Hilfsangebote für Betroffene sind, wurde am Freitag, 27. Juni, im Rahmen des Festaktes aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des Kinderschutzzentrums in Lienz deutlich.

LR Dr. Christine Baur: „Der Wunsch, dass es in 20 Jahren keine derartige Einrichtung mehr braucht, wird wohl ein frommer bleiben."

LR Dr. Christine Baur: „Der Wunsch, dass es in 20 Jahren keine derartige Einrichtung mehr braucht, wird wohl ein frommer bleiben.“

Die Tiroler Soziallandesrätin Dr. Christine Baur formulierte in ihrem Grußwort die Fragestellung, was man … „bei so einem Thema wohl feiern könne?“, um dann festzustellen, dass die Tatsache, dass es Menschen gebe, die sich für betroffene Kinder und Jugendliche engagieren, durchaus ein Grund dafür sei. „Ich fühle mich hin- und hergerissen, zwischen der Traurigkeit, dass Gewalt an Kindern und Jugendlichen stattfindet, und der Hoffnung, dass es besser wird, dass geholfen werden kann und dass es Schutzmechanismen gibt, die die Betroffenen auffangen“, so Baur. Sie hob ebenso wie die weiteren Festredner, die Lienzer Bürgermeisterin DI Elisabeth Blanik, BH Dr. Olga Reisner, Mag. Silvia Rass-Schell, die Leiterin der Abt. der Tiroler Landesregierung für Kinder und Jugendhilfe, und die Tiroler Kinder- und Jugendanwältin Mag. Elisabeth Harasser, die gute und wichtige Arbeit der MitarbeiterInnen des Kinderschutzzentrums in Lienz hervor und dankte diesen für ihren Einsatz.

Wie notwendig eine derartige Einrichtung für Osttirol und wie groß der Bedarf an den Leistungen des Kinderschutzzentrums ist, hatte zuvor schon ein Blick auf die Statistik gezeigt. Die Geschäftsführerin der Tiroler Kinderschutz GmbH, Mag. Karin Hüttemann, berichtete für den Zeitraum von 2006 bis 2013 von einer Steigerung der Beratungsleistungen im Bezirk von 154 Prozent und einer Zunahme der Anzahl der KlientInnen um 256 Prozent(!). Mag. Susanne Ebner und Mag. Janette Burgstaller vom Kinderschutz-Team in Lienz erzählten via Power Point-Präsentation von ihrem Arbeitsalltag, in dem sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen das Kernthema ist, in dem aber auch körperliche Gewalt, Trennung/Scheidung sowie psychosoziale Probleme eine Rolle spielen. Wesentlich sei es, so die Expertinnen, den Kindern und Jugendlichen zuzuhören, ihre Verletzungen wahrzunehmen und durch das Zurechtrücken der Verantwortung für das geschehene Unrecht deren Angst, Schuld- und Schamgefühle zu entlasten. „Wir bieten persönliche und kostenlose Beratung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Bezugspersonen anonym an. Darüber hinaus arbeiten wir auch im Bereich Pädagogik und Traumatherapie mit den neuesten Methoden und in enger Vernetzungsarbeit mit anderen Einrichtungen wie der Kinder- und Jugendhilfe“, so Susanne Ebner und Janette Burgstaller, die vor kurzem auch das Zertifikat als Prozessbegleiterinnen erhalten haben. Dass der Bereich Prävention eine weitere Säule ihrer Tätigkeit darstellt, erläuterten die beiden am Beispiel eines Projektes der Präventionsarbeit, das unter dem Motto „Wie ich mir, so ich dir“ derzeit umgesetzt wird.

Eine zauberhafte Leitbildspiegelung des Kinderschutzzentrums vermittelte der Künstler und Geschichtenerzähler Christian Stefaner den Besuchern des Festaktes, unter ihnen auch der Lienzer Dekan Mag. Bernhard Kranebitter, die Landtagsabgeordneten DI Hermann Kuenz und Josef Schett sowie Vertreter diverser sozialer Einrichtungen im Bezirk. Sehr einfühlsam präsentierte sich die Melodiensprache der Musiktherapeutin Mag. Veronika Walder, die den Festakt bereicherte. Dieser klang mit einem gemütlichen Beisammensein und einem Buffet aus.

Für Osttirol heute war Alexander Fröhlich im Bildungshaus Osttirol mit dabei.

29. Juni 2014 um