Heini Gütl: Vom Leben eines Bergführers in den Dolomiten

Heini Gütl hat am 21. August 2023 die Große Zinne zum 600sten Mal bestiegen – genau 154 Jahre nach der Erstbegehung. Er erzählte uns von seinem facettenreichen Leben als Bergführer.

Die Normalroute der Großen Zinne kennt Heini Gütl aus Sexten wie seine Westentasche – jeden Stein, jeden Abseilhaken, jeden Griff. Ein besonderer Zufall wollte es, dass ihn bei seiner 600sten Besteigung Sabine Salcher begleitete. Sie ist die Urururenkelin von Peter Salcher, einem Bergführer, der zusammen mit seinem Kollegen Franz Innerkofler und dem Wiener Alpinisten und Alpenvereins-Mitbegründer Paul Grohmann am 21. August 1869 die Große Zinne zum ersten Mal bestieg. „Für mich war die 600ste Besteigung der Großen Zinne eigentlich nichts Besonderes. Mir geht es als Bergführer vor allem darum, bleibende Erlebnisse zu schaffen und die Bergsteiger glücklich zu machen.“

 

 

Heini Gütl ist in Vierschach aufgewachsen und nun schon seit fast 50 Jahren als begeisterter Bergführer tätig. Mit seiner Frau Elisabeth hat er am Mitterberg auf der Sonnseite von Sexten ein altes Haus ausgebaut und vermietet hier eine Ferienwohnung und zwei Doppelzimmer an Gäste. „Die Berge und das Klettern haben mich schon als kleines Kind fasziniert. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass wir auf einem großen Stein in Winnebach begonnen haben, mit Seil und Eisenkarabinern zu üben. Die Bohrhaken haben wir uns aus 8mm-Blitzableiterdraht gebastelt – die haben super gehalten. Damals hat es auch noch keinen Klettergurt gegeben, und zum Einsatz kamen Lederschuhe, die wir auch für die Waldarbeit verwendet haben“, blickt der heute 69-Jährige in seine Jugend zurück.

 

Heini Gütl als junger Bergführer in den Felsen der Cinque Torri

 

Um zu seinen Klettergebieten zu gelangen, nützte Heini als Jugendlicher sein Fahrrad oder später die Vespa seines Vaters. „Mit dem Rad bin ich z.B. nach Sexten gefahren oder mit der Vespa nach Cortina. Die Drei Zinnen, die Tofana Südwand oder auch die Jori Kante (Punta Fiames) waren damals unsere Ziele. Pepi Pfeifhofer war in dieser Zeit einer meiner Kletterpartner. Er wurde später wie ich Bergführer.“

 

 

An spezielle Alleingänge in dieser Zeit kann sich der Sextener noch genau erinnern. „Am 18. Juni 1976 bezwang ich die Superdirettissima auf der Großen Zinne in sieben Stunden. Das ist ziemlich schnell – andere brauchten für diese Route drei Tage. Für die Linke Direttissima Mauro Minuzzo benötigte ich im Alleingang fünf Stunden. Hans Kammerlander, einer meiner Kletterpartner, war später um etwa eine Stunde schneller.“

 

 

Dass Kritiker behaupteten, er könne nur technisch und nicht frei klettern, ließ der junge Alpinist nicht auf sich sitzen. An eine Tour am Pilastro der Tofana di Rozes, bei der ihn seine Schwester bis zum Einstieg begleitete, denkt er oft zurück. „Ich verlor meinen Helm. Er ist neben meiner Schwester auf dem Boden aufgeschlagen. Sie hat die Teile aufgesammelt und ist nach Hause geflüchtet – so große Angst hatte sie. Mir ist nichts passiert, aber dass der schöne Klettertag schon nach 2,5 Stunden vorbei war, war mir überhaupt nicht recht. Ich hätte eigentlich noch drei solche Touren an diesem Tag gehen können“, schmunzelt Heini.

 

 

Mit der früher sehr einfachen Ausrüstung war jede Tour für die jungen Alpinisten eine besondere Herausforderung. „Es gab damals weder Sitzgurte noch Band- oder Expressschlingen. Im Alter von 20 Jahren brach ich mir das Kahnbein an der rechten Hand, was eine gewisse Einschränkung bis heute bedeutet. Trotzdem strebte ich immer nach neuen Zielen. Die Philipp-Flamm-Route an der Civetta Westwand bin ich geklettert, obwohl zur damaligen Zeit weder Klemmkeile noch Friends zur Verfügung standen“, erzählt Heini. In seiner aktiven Berufszeit war er als Betriebsleiter bei den Helmbahnen und für Holzunternehmen tätig. Auch jetzt in seiner Pension ist er noch gerne als Bergführer im Einsatz – teils privat, teils für die Alpinschule Dreizinnen Sexten.

 

 

„Die Dolomiten sind meine Heimatberge, und es ist nach wie vor meine große Leidenschaft, die Gäste bei Klettertouren, bei Skitouren und Schneeschuhwanderungen in unserer majestätischen Hochgebirgswelt zu begleiten. Auch Klettersteig-Touren sind sehr gefragt, weil man ohne große Vorkenntnisse in kurzer Zeit mit atemberaubenden Erlebnissen belohnt wird. Mit Touren in unseren erhabenen Dolomiten kann man Menschen wirklich glücklich machen.“

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Daniel Rogger, Heini Gütl

21. Oktober 2023 um