Gotische Pracht und eine faszinierende Legende
Die Pfarrkirche St. Vinzenz ist nicht nur wegen ihrer Lage am Fuße des Großglockners eine der meistfotografierten Ansichten Österreichs. Mit ihr verbindet sich auch ganz besondere Geschichte.
Karla Schachner ist seit über 10 Jahren als Mesnerin in der Pfarrkirche von Heiligenblut tätig. Die 68-Jährige weiß viel über das spätgotische Gotteshaus und seine faszinierende Geschichte zu erzählen. „Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, wie in einem hoch gelegenen Bergbauerndorf wie Heiligenblut, unter den damaligen Bedingungen und technischen Voraussetzungen, ein derart stattlicher Kirchenbau realisiert werden konnte. Erklärbar ist dies nur mit dem im Mittelalter im Mölltal weit verbreiteten Gold- und Silberbergbau. Über 1.500 Bergknappen sollen in der Blütezeit des Bergbaues hier gearbeitet haben.“
Aus dem Jahr 1271 stammen die ersten Hinweise auf eine Vinzenz-Kapelle am heutigen Standplatz der Pfarrkirche am Südhang etwas unterhalb des Ortskernes. 1273 durch einen größeren Bau ersetzt, lassen sich in dieser Zeit bereits erste Wallfahrten zu dem Gotteshaus und zum „Heiligen Bluet“ nachweisen. „Die Gläubigen kamen, um das Blut Christi zu verehren, das – so die Legende – im 10. Jahrhundert von einem Dänen namens Briccius in einem kleinen Fläschchen hierher gebracht worden sein soll. Heute wird die Heilig-Blut-Reliquie im sogenannten `Sakramentshaus` an der nordseitigen Wand neben dem Hochaltar aufbewahrt“, informiert die Oberkärntnerin, die seit rund fünf Jahren Interessierte aus aller Welt durch die Pfarrkirche von Heiligenblut führt.
Karla Schachner, Mesnerin der Pfarrkirche Heiligenblut, informiert über Legende, Geschichte und Schätze des sakralen Bauwerkes.
Der heutige Sakralbau wurde im Jahre 1491 geweiht, die Bauarbeiten zogen sich, beginnend im späten 14. Jahrhundert, über viele Jahrzehnte hin. Die gotische Kirche weist ein durchgehendes Satteldach und einen schlanken Turm auf, dessen achtseitiger Spitzhelm wie ein Pfeil in den Himmel ragt. Einmalig in Kärnten sind die übereinander angeordneten Fenster, die den Bau als Doppelkirche ausweisen. Der Kircheninnenraum – mit dem prunkvollen Hochaltar aus dem 16. Jahrhundert im Zentrum – wird je nach Jahres- und Tageszeit in ein ganz besonderes Licht „gerückt“. Besonders schön sei dies, wie Karla Schachner anmerkt, in den Juni- und Juliwochen im Sommer: „Wenn hier in der Kirche ab 19.00 Uhr die Abendmesse gefeiert wird, wirft die Sonne ihre Strahlen durch die Fenster und taucht Altar und Ambo in ein ganz besonderes, verklärtes Licht.“ Die Kirche und ihre Einrichtung wurden in den Jahren 1906/1907 neugotisch umgebaut und erneuert. 1954 erfolgte die Renovierung von Vorhalle und Krypta, zwei Jahre später jene des Kirchenraumes. Karla Schachner: „Die Arbeiten am Schindeldach und am Spitzhelm (1978) führte übrigens der Osttiroler Sepp Mayerl ohne Einrüstung durch.“
Eine Besonderheit der Kirche stellt – neben vielen anderen Kostbarkeiten wie Altären, Kanzel oder Figuren – das 13 Meter hohe Sakramentshaus mit der Heilig-Blut-Reliquie (Bild Mitte) sowie das Hochgrab des vom Volk verehrten Briccius in der Krypta dar (Bild links).
Hinweise auf die Briccius-Legende finden sich in der Kirche viele, u.a. auch unter dem Postament am 10,60 Meter hohen Hochaltar, der wie jener von St. Wolfgang im Salzkammergut als doppelter Wandaltar ausgeführt ist und als der bedeutendste Altar Kärntens gilt. 1913 konnten an den Bogenzwickeln der Mittelschiffwände Darstellungen freigelegt werden, die bildhaft davon erzählen, wie Briccius, Heerführer im Dienste des byzanthinischen Kaiser Konstantins, vom fernen Konstantinopel (heutiges Istanbul) in die Gebirgswelt der Hohen Tauern gelangt sein soll. „Die Legende besagt, dass Briccius in der Weihnachtszeit im Gebiet von Heiligenblut von einer Lawine verschüttet wurde. Bauern gruben seinen Leichnam aus und fanden, verborgen in seinem rechten Bein, das Fläschchen mit dem Blut Christi“, nennt Mesnerin und Kirchenführerin Karla Schachner Details.
„Eine Briccius-Statue findet sich auch an der Vorderseite des Sakramentshauses, und in der Krypta unter dem Chorraum steht südseitig das von Pilgern vielbesuchte Briccius-Hochgrab.“ Warum die Kirche von Heiligenblut nicht den Namen Briccius trägt, sondern dem Hl. Vinzenz geweiht ist, erläutert uns die Oberkärntnerin zum Abschluss unseres Besuches so: „Briccius wurde nie heiliggesprochen, wenngleich es wiederholt Bestrebungen gab, dies in Rom zu erreichen. Die Wahl fiel so auf Vinzenz von Saragossa, dessen Patrozinium am 22. Jänner gefeiert wird.“
Informationen zu Führungen durch die Wallfahrtskirche Heiligenblut erhalten Interessierte bei Karla Schachner unter der Telefonnummer 0664/2407 880 oder bei Karin Forsthuber unter der Telefonnummer 0650/7406502!
Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: Brunner Images, Osttirol Journal




