Gertraud Patterer: „Schreiben ist meine Lebensaufgabe”
Unermüdlich ist das Schaffen der Dölsacher Dichterin, die heuer ihre bereits 27. Publikation fertiggestellt hat. „Im Strahl des Mondes“ ist Band 3 der Trilogie „Osttiroler Miniaturen“.
„Im Strahl des Mondes – dieser Titel spielt bereits auf die Abfolge und abwechslungsreiche Wirkung der hier vorgelegten Texte an“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Walter Methlagl in seinem Vorwort zu Gertraud Patterers Buch. „Auf das Wort Mond geht auch das Wort ,Monat‘ zurück. Das althochdeutsche ,mãno‘ bedeutete ursprünglich ,Wanderer‘ (am Himmel). Dazu passt exakt auch das Kurzgedicht ,Der Mond‘. Die Gliederung der Jahreszeiten in Monate ist also auf die zyklischen Bewegungen des Mondes und auch auf jene der Erde um die Sonne bezogen. Beide wirken sich auf die Bewegungen und Veränderungen innerhalb der irdischen Natur und auf deren Lebensformen aus – und dies auf der ganzen Erdoberfläche.“
In den Texten Gertraud Patterers sind solche Bewegungen und Veränderungen fast ausschließlich auf den Bereich rund um die Osttiroler Gemeinde Dölsach bezogen. Hier lebt die Autorin seit ihrer Kindheit, und hier arbeitet sie ihre Wahrnehmungen auch in ihr Schreiben ein. In dem von ihr nach den vier Jahreszeiten geteilten Gesamttext sind die Monate und der Mond grundlegende perspektivische Momente. Schon im ersten Gedicht „Jännavollmond“ erscheint der Vollmond im Jänner als eine vom Pfarrer kurz hochgehobene „Monstranz“, die sich dann als strahlendes Licht über die Wand eines Hauses „neigt“ und schließlich über die Wangen der Leute im Bett „streicht“. In solchen immer wiederkehrenden Verbildlichungen erscheint der Mond in seiner zumeist runden Gestalt und mit seiner vielfach sich verändernden Licht-Ausstrahlung in der gesamten Textfolge als das durchgehende Motiv. In der regionalen Tonart stellt Gertraud praktisch alle Monate durch ihre Monde (z.B. „da Auguschtvollmond“, der „Setämamond“, „da Öktoubamond“, „Novembamond“ oder „da Weihnachtsmond“) vor.
Als wohl beeindruckendste Reflexion über den poetischen Einsatz der Osttiroler Mundart nennt Univ.-Prof. Dr. Methlagl den Mundart-Gedichttext „Sprache“, in dem es u.a. heißt: „Wenn i a Schriftstellerin sein will, müess i da Sprache auf da Haut liegn. Sie aunrejdn mit ihr selba.“ und endet mit „Wia de Taxbama ze de Tannen loahnend, asou hend Hochsprache und Dialekt.“
Walter Methlagl führt dies auch als Beispiel dafür an, wie in diesem 3. Band der Trilogie „Osttiroler Miniaturen“ nicht selten, wenn auch nicht immer, Gegenstände der Natur an Sprache gebunden sind. „Sie können sich sprachlich äußern, einander oder auch das lyrische und erzählende Ich anhören oder ansprechen“, so Methlagl. In der Erzählung „Mein Grab“ beleben sich etwa zwei verstorbene Mädchen, im kurzen Lyriktext „Totenruhe“ geht der Tod als imaginäre Gestalt über ein Schlachtfeld mit Gefallenen, und in zwei Mundart-Gedichten erscheint der Tod als Lebensbegleiter. In dieser und ähnlicher Form zielen viele der Texte, oft mit Hilfe der Mond-Strahlung, auf die Realisierung von Widersprüchen und Gegensätzen ab. Aber nicht nur in längeren und kürzeren Gedichten und in Aphorismen ist der Mond als Motiv gegenwärtig, sondern auch in Prosatexten, von denen sich einige beeindruckend mit Kriegs- und Nachkriegs-Erinnerungen befassen, wie etwa in „Aprilgrüner Tag“ und in „Der Deserteur“. Gertraud Patterer selbst sagt dazu, dass sie „Der Deserteur“ nach einer wahren Geschichte verfasst hat.
Insgesamt finden sich in „Im Strahl des Mondes“ einhundert und vier Texte. Entscheidend für den Gehalt und die „Gestalt“ des Buches sind, wie Univ.-Prof. Dr. Methlagl informiert, die darin vorgenommenen Verkürzungen: „Meistens kann man sie ,Anekdoten‘ oder, wie die Autorin, ,Miniaturen‘ nennen. Manchmal endet die Verkürzung in ,Aphorismen‘. Alle diese Ausdrücke weisen auf die Reduktion sprachlicher Prozesse hin: Auch die Gedichte sind in kurzen Verszeilen und überschaubaren Strophenfolgen geformt, und die Aphorismen auf einen oder höchstens zwei Sätze beschränkt. Klangliche und bildhafte Wirkungen werden dadurch oft intensiver. Schweigen und Stille nehmen zu.“
„Im Strahl des Mondes“ erscheint im Heyn-Verlag. Der Buchumschlag, gestaltet vom niederösterreichischen Künstler Adi Holzer, spürt den Eindrücken nach, die sich tief in Gertraud Patterers Gedächtnis eingebrannt haben. „Wenn ich am Abend im Erker unseres Hauses sitze, dann eröffnet sich mir direkt der Blick auf die Lienzer Dolomiten und auf die dort aufgehenden, besonders schönen Monde!“, berichtet sie und bringt ihre Freude zum Ausdruck, dass sie mit ihrem inzwischen 27. Buch erneut einen langen Prozess des Schreibens erfolgreich zu Ende bringen konnte. „Ich will bis zu meiner letzten Stunde schreiben und hoffe, dass mir das auch gelingt. Das Schreiben ist für mich meine Lebensaufgabe!“

Aufgrund der derzeitigen Situation findet die für den 22. November 2020 geplante
Buchpräsentation in Dölsach nicht statt.
Ein gesonderter Nachholtermin wird ehestmöglich bekanntgegeben.
Das neue Buch „Im Strahl des Mondes“ ist ab 15. November 2020 in den Buchhandlungen erhältlich.
Text: Elisabeth Hilgartner, Foto: AdobeStock/areebarbar