Gerald Mair – der Orchesterdirigent aus Osttirol
Gerald Mair, der Obmann und künstlerische Leiter des Sinfonieorchesters Lienz, zählt heute zu den talentiertesten österreichischen Dirigenten seiner Generation.
Das Sinfonieorchester Lienz (SOL) – früher Stadtorchester Lienz – ist seit 1946/47 fixer Bestandteil des Osttiroler Kulturlebens und im weiten Umkreis bis Oberkärnten und Südtirol der einzige Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, symphonische Literatur in ihrer originalen Form zu pflegen und wiederzugeben. Mit seinen bis zu 70 Musikerinnen und Musikern gestaltet das Orchester jährlich drei große Orchesterkonzerte mit Werken aus den unterschiedlichsten Musikepochen.
Das erste Konzert nach der Gründung, bei dem Haydns Oratorium „Die Schöpfung” aufgeführt wurde, war ein derart großer Erfolg, dass beschlossen wurde, das Orchester als ständige Einrichtung weiterzuführen. Seit Herbst 2019 trägt der Klangkörper den Namen „Sinfonieorchester Lienz”.
Das nächste Mal kann man das Sinfonieorchester Lienz mit Gerald Mair am Dirigentenpult am Samstag, 15. April, beim Konzert „Frühling in Lienz“ im Stadtsaal erleben.
Gerald Mair ist seit seinem 24. Lebensjahr Chefdirigent des SOL. Heute fungiert er außerdem auch als Obmann und künstlerischer Leiter des Orchesters. Geboren 1988 in Lienz und aufgewachsen in Dölsach, erlernte er ab dem Alter von sieben Jahren das Klavierspielen. 13-jährig begann er eine Ausbildung am Kontrabass an der Musikschule Lienzer Talboden, wenige Jahre später wurde er Mitglied im Stadtorchester Lienz. Dort wirkte er bis 2011 als Kontrabassist mit.

Nach Absolvierung des BORG Lienz zog es den musikbegeisterten Osttiroler nach Wien, wo er ein umfangreiches Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in den Fächern Kontrabass, Dirigieren und Pädagogik startete. Zusätzlich widmete er sich dem Studium für Kulturmanagement und verfolgte ein vertiefendes Dirigierstudium bei Manfred Huss, der ihm die Lehre des österreichischen Dirigenten Hans Swarowsky näherbrachte. Als dessen Assistent wirkte er bei Konzerten und CD-Produktionen der auf historischen Instrumenten spielenden Haydn Sinfonietta Wien mit und setzte sich mit der historischen Aufführungspraxis auseinander.

Schon in jungen Jahren avancierte Mair zu einem gefragten Gastdirigenten bei zahlreichen Kammerorchestern in Österreich und u.a. auch beim Musikfestival Königgrätz (Hradec Králové). Zum Abschluss des Meisterkurses für Dirigieren, geleitet von Univ.-Prof. Johannes Wildner, dirigierte er im Sommer 2011 bei den Festspielen St. Margarethen erstmals Beethovens VII. Sinfonie. Mit den besten und engagiertesten Musikern seiner Generation formierte er die Klangvereinigung Wien und feierte mit dem Orchester bereits auf der ersten Tournee 2009 internationale Erfolge.

Innerhalb weniger Jahre befasste sich der junge Dirigent mit einem sehr umfangreichen Repertoire, das vom Barock bis ins 20. Jahrhundert reichte. Einen Höhepunkt bildete ein Zyklus sämtlicher Symphonien, Solokonzerte und Ouvertüren Beethovens im Jahr 2016, der den glanzvollen musikalischen Rahmen für die oberösterreichische Landesausstellung in Stift Lambach bildete. Von 2010 bis 2019 wirkte Gerald Mair bei den Opernfestspielen in Gars am Kamp (Niederösterreich) mit. Im Juni 2018 übernahm er die Einstudierung der Alpensinfonie von Richard Strauss, ein ambitioniertes Kooperationsprojekt zwischen den Hofer Symphonikern und der Klangvereinigung Wien.
„Musik bewirkt so viel Gutes!“ – Gerald Mair im Interview

Was würden Sie als Allererstes tun, wenn Sie im Musik-Business das Sagen hätten?
Ich würde Initiativen forcieren und fördern, die Kindern und Jugendlichen wieder mehr Lust auf das Musizieren machen. So könnten wir wieder mehr aus der Kreativität der jungen Generation schöpfen. Musik bewirkt so viel Gutes und lehrt uns, miteinander respektvoll umzugehen, aufeinander zu hören und zuzuhören. Genau das fehlt heutzutage allzu oft zwischen den Menschen.
Was raten Sie jungen MusikerInnen, die eine Karriere im SOL starten wollen?
Seht eure Ausbildung am Instrument als wunderbare Chance, im Orchester mitwirken zu können und mit bis zu 70 MusikerInnen gemeinsam unglaublich berührende und bewegende Musikliteratur zu spielen. Jede investierte Minute in Musik wird euch im Leben weiterbringen! Sprecht uns bei Interesse einfach an. Wir unterstützen eure Ambitionen und finden sicher in unserem Orchester einen Platz für euch!
Welcher Komponist steht auf Ihrem Wunschzettel ganz oben?
Mein Wunschzettel an Komponisten ist sehr lang. Im oberen Ranking sehe ich momentan Benjamin Britten, Igor Stravinsky, Léo Delibes, Giuseppe Verdi, Richard Strauss, Jacques Offenbach, Max Bruch sowie die französische Komponistin Lili Boulanger.
Welches Instrument möchten Sie noch lernen?
Ich würde noch gerne das Harfespiel erlernen. Dieses Instrument hat einen besonderen Zauber an sich. Immer wenn eine Harfe im Orchester erklingt, beginnt die Musik zu schillern. Aber auch für sich alleine gesehen ist das Instrument für mich sehr berührend. Außerdem kann man, wie am Klavier, mehrstimmig spielen. Vielleicht habe ich aber auch nur ein Faible für große Instrumente.
Welche ist für Sie die wichtigste Musikequipment-Erfindung aller Zeiten?
Ich denke, dass das Metronom so einiges in der Musikgeschichte bewegt hat. Denken wir nur an Beethoven, der, nachdem er die neue Erfindung für sich nutzte, seine Werke nachträglich mit Metronom-Angaben versah. Diese Erfindung kam in einer Zeit auf den Markt, in der alles zu wanken begann. Mit der Industrialisierung kam ein neues Zeitgefühl auf: Man begann mit der (und gegen die) Uhr zu leben, statt wie früher mit den „natürlichen“ Tageszeiten. Mit der neuen Zeitmessung wollte man auch die Musik exakter festlegen. Die Tempovorstellungen eines Komponisten für seine Werke konnten seither noch präziser für die Nachwelt festgehalten werden. Das ist für uns MusikerInnen heute sehr hilfreich.
Wie stehen Sie zu zeitgenössischer Musik?
Ich empfinde zeitgenössische Musik als einen Spiegel unserer Zeit. Wir streben immer nach Neuem und nach Veränderung, wollen Muster aufbrechen, das Unbekannte entdecken und Grenzen ausloten. Musik interagiert, genauso wie andere Bereiche im Leben, mit dem Zeitgeist und gesellschaftlichen Entwicklungen. Daher müssen wir uns damit auseinandersetzen. Ich kann aber gut nachvollziehen, warum das Konzertpublikum, aber auch MusikerInnen sich gerne in der Klassik und Romantik verlieren. Dort finden wir Vertrautes, Bekanntes, Ordnung, Struktur, Idealisierung und Träumerei. Das braucht der Mensch auch als Ausgleich – heute vermutlich mehr als je zuvor.
Welche Werke würden Sie als Dirigent gerne noch in Ihr Repertoire aufnehmen?
Grundsätzlich wären dies Opern, Operetten und Ballette. Im Konzertbereich sind es z.B. die Symphonien von Gustav Mahler und Anton Bruckner, aber auch die Carmina Burana von Carl Orff.
Welcher Dirigent spricht Sie aktuell am meisten an?
Ich bin ein absoluter Fan von Carlos Kleiber, Riccardo Muti und Daniele Gatti. Alle drei können meines Erachtens nach den musikalischen Ausdruck am besten in dirigentische Gesten verwandeln. Auch die Art der Probenarbeit und Umsetzung ihrer Klangvorstellung sowie das Vertrauen in die OrchestermusikerInnen bzw. die Art und Weise, wie sie die Energie der Orchester entzünden, ist beeindruckend.
Wie steht es bei Ihnen um die Moderne, z.B. Uraufführungen?
Uraufführungen sind eine ganz besondere Herausforderung für jeden Dirigenten. Man hat einerseits zwar den großen Vorteil, dass der Komponist/die Komponistin für Fragen und Unklarheiten bei der Werkeinstudierung konsultierbar ist und somit eine dem Werk gerechte Interpretation gewährleistet werden kann. Andererseits steht man enorm unter Druck, dieses Werk, vielleicht sogar in Anwesenheit des Komponisten/der Komponistin, werkgetreu wiederzugeben. Man hat zwar wiederum den Vorteil, dass es noch keine Vergleichsaufführungen gibt, andererseits ist es ein wesentlich größerer Aufwand, das Werk erstmals zu erarbeiten. Für mich ist eine neue Komposition eine spannende Entdeckungsreise in eine neue Welt. Deshalb stehe ich dem sehr offen und neugierig gegenüber.
Welche Musikrichtungen hören Sie neben der Klassik?
Ich höre sehr gerne französische Chansons, Italo-Pop und Soul, wie z.B. von Aretha Franklin. Ich bin aber auch ein Fan von Adele, die übrigens zwei Tage nach mir auf die Welt gekommen ist.

Imperiale Klänge – Frühjahrskonzert des Sinfonieorchesters Lienz
Samstag, 15. April 2023, 19.30 Uhr, Stadtsaal Lienz
Ein klangvoller Exkurs in den Frühling und die Epoche der Romantik. Erleben Sie Magie und betörende Schönheit sowie beschwingte Leichtigkeit, aber auch wilde Leidenschaft der neu erwachenden Natur, akustisch und mit allen Sinnen. Das Sinfonieorchester Lienz spielt Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 „Emperor“, die Symphonie Nr. 1 von Richard Hol sowie das Nachtstück op. 29 von Gottfried von Einem. Der Solist des Konzertabends ist der Pianist Dmitry Ablogin.
Um 18.45 Uhr lädt Dirigent Gerald Mair in die Seitenlounge des Stadtsaales und informiert über die dargebotenen Musikstücke und deren Entstehung.
Tickets: Tourismusverband Lienz, oeticket.at, sinfonieorchester-lienz.at
Beginnend mit dem Weihnachtskonzert 2022 hat das SOL die Eintrittskarten als Sammeledition aufgelegt. Das Ticket jeder Veranstaltung bildet einen der Komponisten ab, deren Werke zur Aufführung kommen. Die Ticket-Edition Nr. 2 ist dem niederländischen Komponisten, Dirigenten und Musikschriftsteller Richard Hol gewidmet.
Bei Vorlage der Online-/Print-at-home-Eintrittskarte erhalten Sie das Sammeledition-Ticket an der Abendkasse.
Text/Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: edifilm, Mike Kampitsch, Philipp Weger