Für „Ärzte ohne Grenzen“ im Dauereinsatz
Im heurigen Mai wurde die gebürtige Matreierin Margaretha Maleh zur Präsidentin von „Ärzte ohne Grenzen Österreich“ gewählt. Wir baten sie zum Interview.
Die Psychotherapeutin war für „Ärzte ohne Grenzen“ bereits in Papua-Neuguinea, Jordanien, im Irak und in Bangladesh im Einsatz. Als Präsidentin ist sie vor allem mit Netzwerken, Öffentlichkeitsarbeit, mit der strategischen Ausrichtung und mit dem Budget der Hilfsorganisation beschäftigt.
Frau Maleh, seit wann engagieren Sie sich bei „Ärzte ohne Grenzen“?
Ich bin erst relativ kurz – also seit 2007 – mit dabei. Es war immer schon mein Wunsch, durch meinen Beruf, ich bin Psychotherapeutin, Menschen in Not weltweit helfen zu können. „Ärzte ohne Grenzen“ ist für mich die Organisation, die die Werte bzw. Prinzipien der Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität vertritt und auch umsetzt und mit denen ich mich identifizieren kann. Ich bewarb mich, hatte Trainings zu absolvieren und wurde dann für Auslandseinsätze engagiert. Mein erster Einsatz führte mich nach Papua-Neuguinea. Seit vier Jahren engagiere ich mich als Vorstandsmitglied.
Wann und wo sind „Ärzte ohne Grenzen“ aktiv?
Die Organisation wurde 1971 in Frankreich von Ärzten gegründet. Fünf der inzwischen 23 Sektionen sind sogenannte „Einsatzzentralen“. In diesen werden unsere Hilfseinsätze geplant und durchgeführt. Voraussetzung für einen medizinischen Einsatz ist, dass es sich um ein Krisen- oder Konfliktgebiet handelt. Wir werden auch nach Naturkatastrophen tätig. Wir prüfen immer vorab, ob medizinische und humanitäre Hilfe unsererseits notwendig ist oder ob andere medizinische Ressourcen zur Verfügung stehen. Vor rund zwei Jahren waren wir die einzige Hilfsorganisation in Westafrika, um die Ebola-Epidemie zu bekämpfen. Wir arbeiten in über 60 Ländern dieser Welt und können, auf Basis unserer Erfahrung, relativ rasch einschätzen, ob und welche Gefahrenlage vorliegt, z.B. ob eine Cholera- Epidemie ausbricht, ob eine Hungersnot droht oder obsich aufgrund von Kriegswirren oder Gewalt viele Menschen auf der Flucht befinden.
Wie läuft ein Einsatz konkret ab?
Das ist von Fall zu Fall verschieden. Wir haben z.B. ein eigenes Team, das bei Katastrophenereignissen aktiv wird. Ein so genanntes „Assessment-Team“ wird vorausgeschickt, um vor Ort den Bedarf und auch die Sicherheitslage zu klären. Dann entscheiden wir, mit welchen Mitteln, mit welcher Ausrüstung und mit welchem Team wir Hilfe leisten. Rasch vor Ort zu sein, ist rein technisch kein Problem. Wir verfügen über zwei große Logistik-Lager – eines in Bordeaux und eines in Brüssel. Innerhalb von 24 Stunden können wir von dort aus Kisten und Container verladen, verschiffen oder mit dem Flugzeug an den Einsatzort bringen.
Können Sie uns von Ihren Einsätzen erzählen?
Bei meinem letzten Einsatz im Süden von Bangladesch in einem großen Flüchtlingslager für Rohingya fiel mir die resignative, perspektivenlose Stimmung der Menschen auf. „Ärzte ohne Grenzen“ ist die einzige Organisation, die für diese Volksgruppe medizinische Versorgung in einer Klinik anbietet. Die Rohingya sind schon Jahrzehnte lang auf der Flucht und katastrophalen Verhältnissen ausgesetzt. In einer derart hoffnungslosen Atmosphäre ist das Arbeiten für uns natürlich psychisch sehr belastend. Wenn Menschen so lange unter so desolaten Umständen leben müssen, gehen auch Teile ihrer Kultur und der sozialen Strukturen verloren. Man muss dann in meinem Beruf schon sehr kreativ sein, um mit diesen Menschen an Perspektiven arbeiten zu können.
„Ärzte ohne Grenzen“ sucht laufend MitarbeiterInnen für Einsätze, welche Berufsgruppen werden vor allem benötigt?
Die Frage, welches Personal wir brauchen, ist sehr projektspezifisch. Bei manchen unserer Einsätze sind zusätzlich zu ÄrztInnen und Krankenschwestern auch Hebammen gefragt, bei anderen Laborassistenten, bei manchen Spezialisten für Wasser- und Sanitäranlagen. Auch Elektriker oder Bauingenieure arbeiten als Logistiker für „Ärzte ohne Grenzen“, ebenso wie Administratoren und Finanzkoordinatoren. Derzeit suchen wir dringend PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, da neben der medizinischen auch die psychosoziale Betreuung der Menschen in Not für uns selbstverständlich geworden ist.
Sie sind Psychotherapeutin und u.a. auch für den Österreichischen Verband für Spastiker- Eingliederung ehrenamtlich tätig. Wie helfen Ihnen Ihre Erfahrungen daraus bei „Ärzte ohne Grenzen“?
Ich arbeite als Psychotherapeutin in freier Praxis und auch in Behinderteneinrichtungen. Sowohl die Arbeit mit Menschen mit Behinderung als auch meine Ausbildung haben dazu beigetragen, den Menschen als Ganzes zu sehen – im psychosozialen Kontext, mit seinem kulturellen Background, mit seiner Geschichte. Man schüttelt nicht mehr den Kopf, wenn für uns unverständliche Rituale abgehalten werden oder wenn man mit lokalen Heilern und Schamanen in Kontakt kommt. Der Glaube ist für viele Menschen oft das Einzige, das ihnen noch Halt gibt.
Was sind Ihre Aufgaben als Präsidentin?
In Wien ist ein Team von mehr als 50 MitarbeiterInnen für „Ärzte ohne Grenzen“ tätig. Sowohl die strategische als auch die finanzielle Planung werden mit dem Vorstand diskutiert und mit dem Geschäftsführer besprochen. Einer meiner Schwerpunkte ist auch die Kooperation mit anderen Sektionen und zu „Ärzte ohne Grenzen“ International. Wichtig ist auch die Information und Betreuung unserer Mitglieder. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Aufgaben ist Öffentlichkeitsarbeit.
Sie sind schon sehr früh nach Wien übersiedelt?
Mir ist schon im Alter von acht, neun Jahren bewusst geworden, dass mir Matrei, aber auch Osttirol, viel zu klein sind. Schon damals habe ich Bücher über Abenteurer und Reiseberichte verschlungen, wie z.B. jenes von Heinrich Harrer. Ein Bild aus diesem Buch, das Einheimische in Papua-Neuguinea zeigt, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Mein erster Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ führte
mich dann auch tatsächlich in dieses Land. Im Alter von 14 Jahren zog ich nach Wien zu meiner Tante. Bald nach der Matura heiratete ich. Mein Mann war damals noch Medizinstudent. Während der zehn Jahre zu Hause als Hausfrau und Mutter von zwei Kindern begann ich Psychologie zu studieren. Mein Sohn Mazen, der mit einer Behinderung lebt, benötigte sehr viel Betreuung. Deshalb musste ich mein Studium immer wieder unterbrechen. Als 1990 das Studium und der Beruf der Psychotherapeutin gesetzlich geregelt wurden, war ich eine der ersten Studentinnen. Mir wurde rasch klar, dass das Behandeln von psychischen Leiden genau das ist, was ich beruflich machen möchte.
Haben Sie noch viel Kontakt zu Ihrer früheren Heimat?
Ich bin beim Club Osttirol und beim Chor Osttirol hier in Wien eine der wenigen, die noch „Mottingarisch“ kann. Ich pflege engen Kontakt zu meinen Geschwistern in Osttirol. Mit meinen Kindern Nadja und Mazen bin ich häufig nach Matrei in Osttirol gefahren, als sie noch klein waren, und sie waren gerne dort! Wenn heute irgendwo ein „Boarischer“ gespielt wird, na hallo, da kann ich nicht still sitzen bleiben!
Wie stehen Sie, die so viele verschiedene Kulturen kennenlernt, zu unseren Traditionen?
Ich bin der Meinung, dass Landschaft und Umgebung sehr prägen. Bei meinen Einsätzen habe ich deshalb immer ein Büchlein mit, in dem Osttiroler Landschaften, Brauchtum und auch Pflanzen und Tiere abgebildet sind. Wenn ich diese Bilder den Menschen in meinen Einsatzländern zeige, gibt es immer genug Gesprächsstoff. In Bagdad zum Beispiel hörte ich: „Da sind ja so hohe Berge wie bei den Kurden, deswegen ist die Margaretha wahrscheinlich so eine taffe Frau.“ In Bangladesch gibt es ein Gebäck, das unseren Krapfen sehr ähnlich ist. In Papua-Neuguinea haben sie über ein Bild von unseren Klaubauf-Larven lauthals gelacht. Das zeigt mir: Menschliche Bedürfnisse sind auf der ganzen Welt gleich, nur der Ausdruck variiert. Wir alle wollen gesund und glücklich sein, wollen, dass es unseren Kindern gut geht, wollen uns in netter Gesellschaft unterhalten, wollen lachen, tanzen und Spaß haben. Eigentlich könnte unser Zusammenleben ganz einfach sein, wenn wir unseren Mitmenschen mit Respekt, Offenheit und Herzenswärme begegnen würden!
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Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Philipp Horak, Francois Dumont


