„Frau Emma“: Von einer legendären Gastwirtin und Tourismuspionierin

Emma Hellenstainer, einst Wirtin des Gasthofes „Schwarzer Adler“ in Niederdorf, war im 19. Jh. die Wegbereiterin des Tourismus im Hochpustertal. Der Südtiroler Filmemacher Wolfgang Moser widmet ihr nun ein filmisches Denkmal.

Im historischen Hotel „Pragser Wildsee“ im Südtiroler Pragser Tal, einem Seitental des Pustertales, treffe ich mich mit Gastgeberin Dr. Caroline Heiss und dem Filmemacher Wolfgang Moser. Die Hotelierin und Betriebswirtin ist die Ururenkelin von Emma Hellenstainer, der legendären Wirtin des Gasthofes „Schwarzer Adler“ in Niederdorf, der später auch als „Hotel Emma“ bekannt wurde.

 

Sie war wohl eine der berühmtesten Tirolerinnen des 19. Jh., denn es genügte, „Frau Emma, Europa“ auf das Kuvert zu schreiben, damit ein Brief aus Übersee Emma Hellenstainer im Hochpustertal erreichte.

 

1856 kaufte Emmas Mann Joseph den Pragser Wildsee. Direkt am Ufer des Sees baute Emma später gemeinsam mit ihrem Sohn ein Hotel, das 1899 eröffnet wurde und heute von Caroline Heiss geführt wird. „Frau Emma“ wurde im Jahre 1817 als Emmerentia Hausbacher in St. Johann in Tirol geboren. Noch kaum den Kinderschuhen entwachsen, musste sie im elterlichen Gastbetrieb kräftig mitanpacken. Mit Feuereifer und großer Leidenschaft kümmerte sich die junge Kellnerin um die Gäste. Sie lernte die italienische Sprache und wurde später für ihre Kochkunst im In- und Ausland berühmt.

 

 

Im Alter von 24 Jahren schickte man Emma nach Toblach, wo sie ein Hauswesen mit Mägden, Knechten, reichlich Vieh und zusätzlich noch das „Brauhaus an der Rienz“ übernahm. 1842 heiratete sie Joseph Hellenstainer, der kurz darauf den Gasthof „Schwarzer Adler“ in Niederdorf erbte. Das junge Paar zog nach Niederdorf und verkaufte das Brauhaus. Emma machte aus dem „Schwarzen Adler“ einen gut besuchten Gasthof, in dem nicht nur Einheimische und Touristen, sondern auch Gelehrte, Wissenschaftler und Adelige aus ganz Europa ein- und ausgingen.

 

Der Gasthof „Schwarzer Adler“ in Niederdorf, den Emmas Ehemann geerbt hatte.

 

Doch der Weg zur Legende war steinig und schwierig. Emma musste einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen – wie den frühen Tod ihres Ehemannes im Jahr 1858 und den Verlust eines Kindes. Die Gastwirtin war fortschrittlich in ihren Unternehmungen und hatte vor allem auch Visionen. „Schon früh fasste meine Ururgroßmutter den Bau eines Hotels am Pragser Wildsee ins Auge. Mit ihrer Kochkunst und Gastfreundschaft setzte sie neue Maßstäbe. 1869 war sie als erste Frau an der Gründung einer Alpenvereins-Sektion beteiligt und spielte außerdem auch eine wichtige Rolle beim Bau der Eisenbahn durch das Pustertal. Sie setzte sich dafür ein, dass ein Bahnhof direkt im Zentrum von Niederdorf gebaut wurde. Als erste Gastwirtin Südtirols stellte sie einen Bergführer für ihre Gäste ein“, weiß Caroline Heiss zu berichten. Gemeinsam mit Hans-Günter Richardi hat die heutige Eigentümerin des Hotels „Pragser Wildsee“ das Buch „Die Wirtin“ herausgegeben – eine ausführliche Biografie über ihre Ururgroßmutter.

 

 

Der Filmemacher, Drehbuchautor und Regisseur Wolfgang Moser widmet der legendären Pustertalerin derzeit ein Filmprojekt. Der Südtiroler hat Tontechnik studiert und später u.a. beim Bayerischen Rundfunk und bei der RAI als Tontechniker gearbeitet. „Mein Interesse am Filmemachen rührt aus der Zeit, als ich mit einem Freund Musikvideos produzierte. Heute beschäftige ich mich in meinen Filmprojekten vor allem mit Themen der Tiroler Geschichte“, erzählt Wolfgang, der 2010 in Barbian seine eigene Firma „MOWO Production“ gründete. In Zusammenarbeit mit ORF III hat er z.B. die Geschichte des Bauernführers Michael Gaismair aufgearbeitet. Auch die berühmten Osttiroler Maler Albin Egger-Lienz und Franz von Defregger waren bereits Gegenstand seiner filmischen Projekte.

 

Eine historische Aufnahme des Hotels am Pragser Wildsee

 

Noch im Herbst 2024 ist Drehbeginn für Wolfgang Mosers historischen Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel „Mythos Emma Hellenstainer“. Der Film beinhaltet auch Interviews mit Caroline Heiss, mit weiteren Nachfahren von „Frau Emma“ und mit Historikern. In Sidestorys beschäftigt sich Moser u.a. mit den Themen „Frauen im 19. Jahrhundert“, „Bauernleben in Tirol“ und „Frauen im Alpinismus“.

 

Das Hotel am Pragser Wildsee heute

 

„Frauen hatten damals weder ein Wahlrecht, noch die Möglichkeit zu studieren. Im bäuerlichen Alltag waren sie vor allem Mütter und Arbeitskräfte. Umso bemerkenswerter ist die außergewöhnliche Persönlichkeit Emma Hellenstainer. Sie war mutig, intelligent und – so erzählt man sich – äußerst liebenswert und hilfsbereit. Sie hatte Visionen und setzte diese auch in die Tat um“, betont der Filmemacher und bezeichnet „Frau Emma“ auch als Pionierin des Alpintourismus in Tirol. „Emma Hellenstainer hat die gute Küche nach Tirol gebracht. Sie war nicht nur die erste Frau im Alpenverein, sondern initiierte auch die Gründung einer Sektion in Niederdorf. Die kleine Pustertaler Gemeinde entwickelte sich in ihrer Zeit zu einer Hochburg des Alpintourismus und wurde damals in einem Atemzug mit St. Moritz oder Chamonix genannt.“

 

Emma Hellenstainer mit Enkeln

 

Emmas Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft waren legendär. So versorgte sie im Gasthof „Schwarzer Adler“ z.B. durchziehende Soldaten nach der Schlacht von Solferino im Jahre 1859 oder stand der Bevölkerung und Einsatzkräften bei der großen Überschwemmung von 1882 bei. Am 5. Juni 1887 erfuhr Emma Hellenstainer ihre erste große Ehrung: Kaiser Franz Joseph I. zeichnete sie mit dem „Goldenen Verdienstkreuz“ aus. „Der Monarch legte großen Wert darauf, die Tourismuspionierin aus dem Pustertal persönlich kennen zu lernen. ,Sie sind also die berühmte Frau Emma‘, soll der Kaiser gesagt haben, als er die Gastwirtin in Welsberg traf“, berichtet Wolfgang Moser von seinen Recherchen.

 

 

Den Dokumentarfilm über die legendäre Gastwirtin und Tourismuspionierin produziert der Südtiroler gemeinsam mit Schauspieler Norbert Blecha und dessen Terra Internationale Filmproduktionen GmbH (Eisenstadt/St. Georgen). „Noch im Herbst 2024 werden wir mit den Dreharbeiten beginnen. Im Mai 2025 sind zehn Drehtage mit Schauspieler:innen an Originalschauplätzen geplant“, so der Filmemacher abschließend.

 

Der Pragser Wildsee ist heute eines der meistbesuchten Ausflugsziele Südtirols.

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol Journal, Archiv Caroline Heiss

28. Oktober 2024 um