Fotokunst: Von gefrorenen Seifenblasen und Skylines aus Heftklammern
Für Günter Bauernfeind ist Fotografie das Experimentieren mit Licht, Strukturen und Perspektiven. Obwohl er seine Bilder sehr genau plant, faszinieren den Lienzer das Unerwartete und das Zufällige – vor allem aber die Magie des Augenblicks.
Mal lässt Günter Bauernfeind Wassertropfen auf eine spiegelnde Oberfläche prallen, mal arrangiert er Alltagsgegenstände so, dass sie plötzlich wie Kunstwerke wirken. Vor allem abends experimentiert der Wahl-Osttiroler gerne am Küchentisch mit unscheinbaren Alltagsgegenständen – mit Heftklammern, Wassertropfen, Kaffee, Gläsern oder Seifenblasen. „Table-Top-Fotografie“ nennt man dieses Experimentieren – Günter beschäftigt sich aber auch leidenschaftlich gerne mit Naturaufnahmen und Makrofotografie.

Während andere Alltagsgegenstände einfach nur benutzen, entdeckt der Autodidakt ihre ästhetische Seite. Mit einer Handvoll Heftklammern baut er eine Miniatur-Skyline und versenkt diese auch noch in einem mit Mineralwasser gefüllten Aquarium. „Es ist unglaublich, was man mit den kleinsten Dingen alles erschaffen kann. Meine Bilder sind meist bis ins Detail geplant. Dennoch spielen Zufälle immer wieder eine Rolle, vor allem dann, wenn ich in der Natur arbeite“, erzählt er.
„Die versunkene Stadt”
Günter ist im deutschen Bundesland Hessen in der Nähe von Darmstadt aufgewachsen und lebte aus beruflichen Gründen über 40 Jahre in Leonberg/Baden-Württemberg. Im Dezember 2020 zog er mit seiner aus Osttirol stammenden Frau Melitta nach Lienz. Mit seiner Kamera fängt der heute 70-Jährige den Bruchteil einer Sekunde ein – etwa, wenn ein Tropfen auf eine Oberfläche trifft oder eine Seifenblase für einen kurzen Moment gefriert. Diese faszinierenden Aufnahmen nennt er „Frozen Bubbles“. „Dafür setze ich die Seifenblase auf einen Ast in freier Natur. Die Temperaturen müssen entsprechend tief sein, und es darf vor allem auch kein Wind wehen. Bei solchen Experimenten bleibt mir nur ein Zeitfenster von zehn Sekunden bis maximal einer Minute, um das perfekte Foto anzufertigen!“
Interferenz: Regenbogenstreifen einer Seifenblase
Wenn Günter von „Interferenz” spricht, meint er ein physikalisches Phänomen, das auftritt, wenn Lichtwellen sich überlagern. Besonders bei dünnen Flüssigkeitsschichten – wie Seifenblasen oder sehr dünnen Wasserfilmen – entstehen dabei schillernde Farben. „Wenn ein Wassertropfen auf einer Oberfläche liegt oder sich hauchdünn verteilt, wird das einfallende Licht an der oberen und unteren Grenzfläche der Flüssigkeit reflektiert. Die dabei entstehenden Lichtwellen überlagern sich und verstärken oder löschen sich gegenseitig aus – je nach Wellenlänge des Lichts“, erklärt der Hobbyfotograf. Dieses physikalische Phänomen nutzt er, um faszinierende, farbige Muster in seinen Bildern sichtbar zu machen.

Auch in der Naturfotografie konzentriert sich Günter auf kreative Inszenierungen. Schachbrettblumen zieht er z.B. selbst auf. Mit einer Sprühflasche imitiert er Regentropfen und mit Kältespray aus der Apotheke einen geheimnisvollen Nebel. Oder er setzt einen Pilz spektakulär in Szene, indem er ihn mit einer in den Waldboden eingegrabenen Taschenlampe von unten beleuchtet. So entstehen einzigartige Kunstwerke, die wie Momentaufnahmen aus einer anderen Welt wirken.
Schachbrettblume mit Nebel aus Kältespray
„Meine erste Kamera war eine Rolleiflex Sl 35 e. Wenn ich z.B. eine Hochzeit fotografiert habe, wusste ich eine Woche lang nicht, was herausgekommen ist, weil ich auf das Entwickeln der Bilder warten musste. Das war Stress pur. Irgendwann habe ich meine ganze Fotoausrüstung verkauft und widmete mich eine Zeitlang dem Ausdauersport.“ Neben dem Mountainbiken und dem Marathonlaufen war der 24-Stunden-Treppenlauf seine Spezialität. Doch die Faszination des Fotografierens ließ ihn nicht los, und so legte sich Günter wieder eine Kleinbildkamera zu. Nach der Geburt seiner Enkelkinder reichte ihm auch diese nicht mehr aus, und er kaufte sich eine Spiegelreflexkamera.

„Heute fotografiere ich praktisch alles, außer Menschen. Die Fotoausrüstung spielt für mich dabei eine untergeordnete Rolle“, betont er. Seit drei Jahren ist Günter begeistertes Mitglied des Fotoclubs Lienz. Anfang der 80er-Jahre hat er zusammen mit anderen Fotobegeisterten den Fotoclub Leonberg in seiner alten Heimat Baden-Württemberg gegründet. „Als wir uns im Fotoclub Leonberg dem Thema ,Eis‘ widmeten, fotografierten die meisten meiner Kollegen Eisberge oder Gletscher. Ich hingegen habe Mensch-ärgere-dich-nicht-Würfel eingefroren und diese dann abgelichtet. Das Bild habe ich dann ,Eiswürfel‘ genannt.“
„Aperol spritzt“
Mit seinen experimentellen und künstlerischen Bildern hat der 70-Jährige schon rund 50 Ausstellungen in Österreich, Deutschland und Frankreich gestaltet – in Osttirol z.B. in der DolomitenBank Galerie, im Gemeindesaal Assling, in der Lebenshilfe, im Café Central in Lienz, im Vitalpinum in Thal oder im Matreier Rathaus. Mehrere Male beteiligte er sich schon am Kunstmarkt der Arbeiterkammer in Lienz. Die nächste Gelegenheit, Günter Bauernfeinds außergewöhnliche Bilder zu bewundern, bietet sich vom 8. bis 25. Mai 2025 im Jordanhof in der Oberkärntner Gemeinde Steinfeld und im Juni 2025 in der geschichtsträchtigen Mühlbacher Klause in Südtirol.
Skyline aus Heftklammern
Den Großteil der Erlöse aus seinen Bildverkäufen spendet der Lienzer kulturellen und sozialen Einrichtungen. Zudem engagiert er sich als ehrenamtlicher Hausmeister im Eltern-Kind-Zentrum in Lienz. „Inzwischen haben sich bei uns zu Hause zahlreiche großformatige Bilder angesammelt, die ich gerne einer Institution, wie etwa einem Wohn- und Pflegeheim, zur Verfügung stellen würde.“
Doppelbelichtung Schloss Bruck
Derzeit arbeitet der Hobbyfotograf besonders gerne mit Mehrfachbelichtungen und erstellt dabei z.B. mystische Aufnahmen von Schloss Bruck. „Fotografie ist für mich wie ein ständiges Experimentieren – das Festhalten der Magie des Augenblicks, in dem etwas Neues entsteht. Neben meinen Experimenten am Küchentisch entdecke ich immer wieder in der Naturlandschaft meiner Heimat Osttirol faszinierende Wunder, die es festzuhalten gilt“, fasst Günter abschließend seine Leidenschaft zusammen.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Günter Bauernfeind