Familie Tschurtschenthaler: Tradition und Leidenschaft in Holz geschnitzt

Am Kramerhof in Sexten/Moos ist das Schnitzhandwerk gelebte Familientradition. Albert Tschurtschenthaler hat als Enkel des weitum bekannten „Herrgottschnitzers“ sein Talent zum Beruf gemacht – und Sohn Florian führt die Tradition weiter.

Albert Tschurtschenthaler empfängt seine Kunden in einer alten Bauernstube – die Atmosphäre könnte authentischer kaum sein. Zwischen Kachelofen und Herrgottswinkel hat der 65-Jährige seine Werkstatt eingerichtet. Hier liegt stets der Duft von Zirbenholz in der Luft. Holzspäne bedecken den Boden.

 

 

„Schon als kleines Kind schaute ich meinem Großvater und meinem Vater in der Werkstatt über die Schulter. Nach Absolvierung der dreijährigen Kunstfachschule in Gröden habe ich mich mit 17 Jahren selbstständig gemacht. Mit meinem Vater bin ich damals nach Bozen gefahren, um eine Hobelbank zu kaufen“, erinnert sich der Südtiroler zurück.

 

 

Albert arbeitet gerade an einem Trophäenschild. „Von diesen Trophäenschildern mache ich im Auftrag von Jägern und Jagdvereinen viele. Ansonsten arbeite ich gerne mit sakralen und profanen Motiven – von Christusfiguren und Weihnachtsgruppen bis hin zu Lampenschirmen oder Nachbildungen der Drei Zinnen. Die Wünsche der Kunden sind vielfältig – und so geht uns die Arbeit nie aus.“

 

 

An der Wand hängt der Kopf eines Wildschweins, das Albert selbst erlegt hat. „Die Jagd ist neben dem Schnitzen meine zweite große Leidenschaft. Dieses Wildschwein war das erste, das in Sexten geschossen wurde“, schmunzelt der Sextener. Albert setzt jedes Werk mit Hingabe um – und diese spürt man auch in jedem Detail. „Für mich ist jeder Kundenauftrag ein neuer Weg des Lernens und Experimentierens. Besonders schätze ich den kreativen Prozess, bei dem neue Ideen und Lösungswege entstehen“, betont Albert.

 

 

Oft inspirieren ihn seine Kunden zu neuen Herausforderungen. So beauftragte ihn ein Team der ARD-Fernsehsendung „Wir werden Camper“ bei Dreharbeiten in Sexten, ein Relief eines Campingbusses anzufertigen. „Seitdem dieser Camper in der Doku gezeigt wurde, haben schon mehrere Kunden ähnliche Reliefs bei uns bestellt. Manche kommen sogar persönlich in die Werkstatt, um es abzuholen, weil sie sehen wollen, wo das Relief entstanden ist“, erzählt Albert, dessen Handwerkskunst nun von seinem Sohn Florian in 4. Generation fortgeführt wird.

 

 

Bereits mit zwölf Jahren wagte sich Florian zum ersten Mal ans Schnitzen und zeigte großes Talent. „Ich habe die dreijährige Landesberufsschule für das Kunsthandwerk Gröden in St. Ulrich und anschließend einen dreijährigen Spezialisierungslehrgang absolviert und mich danach im Jahr 2021 selbstständig gemacht“, erzählt der heute 23-Jährige. Besonders gerne arbeitet Florian mit Zirbenholz, manchmal auch mit anderen Holzarten wie etwa Fichte.

 

 

„Vor allem faszinieren mich Porträts, Bewegungen, Gesichtsausdrücke, Faltenwürfe oder Details in der Kleidung. Man entwickelt sich mit jedem Werkstück weiter, und wenn man nach ein paar Monaten eine Arbeit erneut betrachtet, denkt man sich oft, das hätte ich noch besser machen können“, schmunzelt der junge Bildhauer.

 

 

Bei unserem Besuch in Sexten schnitzt Florian gerade an einer plastischen Figur. „Ein besonderer Auftrag war eine 2,20 m hohe Skulptur einer Skifahrerin, die den Gästen in einem Hotel den Weg auf die Piste weist. Im Auftrag der Schützenkompanie Sexten durfte ich außerdem für den Soldatenfriedhof eine Christusfigur anfertigen“, erzählt er.

 

 

Als Mitglied der Grödner Künstlervereinigung UNIKA ist Florian gut vernetzt und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen, die sein künstlerisches Talent fordern. „Der Künstlervereinigung gehören inzwischen nicht nur Südtiroler, sondern auch Künstlerinnen und Künstler sowie Kunsthandwerker aus Österreich an. UNIKA hilft uns, unsere Arbeiten im Rahmen der jährlichen Ausstellung einem breiten Publikum zu präsentieren.“

 

 

„Mit ihren markant expressionistischen Zügen zeugen die Skulpturen von Florian Tschurtschenthaler von der technischen Virtuosität des Künstlers. Mit Leichtigkeit erfasst er die Details seiner Motive, wobei sein Spektrum von Themen der sakralen Kunst bis hin zu Personen des alltäglichen Lebens reicht. Beeindruckend ist insbesondere die Detailversessenheit des Künstlers, die in der Ausarbeitung von Gesichtern und Physiognomien zum Ausdruck kommt“, so wird im UNIKA-Katalog die Kunst des jungen Südtirolers beschrieben.

 

 

Für Jannik Sinner hat Florian übrigens eine Skulptur angefertigt, die dem Tennis-Star beim großen Empfang im Juni 2024 als Geschenk der Gemeinde Sexten überreicht wurde. „Jannik war mein Schulkollege, und so war es für mich ein besonderes Erlebnis, ihm diese Figur zu überreichen. Ich fertige grundsätzlich gerne Werke an, die ausdrücken, dass in jedem von uns mehr Potenzial steckt, als wir denken – und dass es im Leben darauf ankommt, diese Kräfte zu entfalten“, betont Florian abschließend.

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger

28. November 2024 um