Wenn historische Eisenbahnfahrzeuge zur Faszination werden

Wolfgang Fleißner ist seit März 2018 als Nachfolger von Klaus Ladinig Obmann der „Eisenbahnfreunde Lienz“. Er hat uns durch das alte Heizhaus am Bahnhofsgelände geführt.

Dass er als Kind jeden Tag mit den ÖBB in die Schule nach Dellach/Drau und später als Jugendlicher in die HTL nach Wolfsberg gefahren ist, war bis vor einigen Jahren der einzige Bezug des gebürtigen Oberdrauburgers zum Thema Eisenbahn. Dies änderte sich, als der heute 42-Jährige 2016 für seinen Sohn Florian und für sich selbst eine Modelleisenbahn ankaufte. Um Informationen einzuholen, nahm er Kontakt zur Sektion Modelleisenbahn der Eisenbahnfreunde Lienz auf. „Hier wurde ich sehr herzlich aufgenommen“, erinnert er sich zurück und meint weiter, dass ihn dies in seinem bereits geweckten Interesse an Eisenbahnen sehr bestärkt habe. Es dauerte nicht lange, und Wolfgang Fleißner begann, bei der Restaurierung alter Eisenbahnfahrzeuge im Lienzer Heizhaus mitzuarbeiten.

 

 

„Ein Originalwaggon des Orient-Express wurde vom Verein komplett restauriert und aufgearbeitet. In einen Waggon werden wir 2019 eine Modelleisenbahn im Maßstab 1:87 einbauen“, weiß er zu berichten. Das nahezu im originalen Zustand erhaltene und im Jahre 1871 von der ehemaligen Südbahn-Gesellschaft in Betrieb genommene Heizhaus in Lienz beherbergt heute auf rd. 1.700 Quadratmetern viele historische Exponate und Eisenbahnfahrzeuge aus den Jahren 1890 bis 1978. „Als das älteste gilt die Naßdampflokomotive SULM1“, informiert der Obmann der Eisenbahnfreunde, der in seinem Brotberuf als Technischer Angestellter bei der Firma Hella in Abfaltersbach arbeitet. Über 90 Meter lang und 18 Meter breit ist das Lienzer Heizhaus, das bis 2014 vom Trägerverein, mit Hilfe des Denkmalamtes und im Rahmen eines EU-Projektes, saniert werden konnte.

 

 

„In der dreigleisigen Halle sowie in den Nebenräumen stellen wir neben Dampf-, Diesel- und Elektrolokomotiven auch technische Gerätschaften – wie Stellwerks- und Signalanlagen – aus. Die diesjährige Sonderausstellung setzt sich mit Themenbereichen rund um die Südbahn wie Architektur, Fahrzeuge sowie Bahnbetrieb, auseinander. Markus Kristler, der Obmann der Sektion Modelleisenbahn, hat dafür zahlreiche interessante Exponate zur Verfügung gestellt“, so Wolfgang Fleißner. „Wie war die Südbahn-Gesellschaft organisiert? Wer war damals mit der Bahn unterwegs? Wie bedeutend war die Südbahn in touristischer und wirtschaftlicher Hinsicht? Diesen und ähnlichen Fragen wollen wir in der Ausstellung, die am 30. Juni eröffnet wird, auf den Grund gehen.“

 

 

Besonders beliebt sind, wie Fleißner betont, die regelmäßigen Ausfahrten der Eisenbahnfreunde mit dem Südbahn-Express. „1995 hat unser Verein die E-Lok 1020.018 erworben. Damals hätte sich niemand vorstellen können, dass dieses technische Kulturgut gemeinsam mit den Schlierenwaggons noch einmal auf große Reise gehen könnte. Heute gehören die Fahrten mit der E-Lok zu unserem regulären Jahresprogramm.“ Die diesjährige Hauptfahrt führte die Eisenbahnfreunde vom 31. Mai bis 2. Juni über die Pässe Tauern, Griessen, Mittenwald, Brenner und Arlberg. Weitere Ausfahrten, u.a. mit dem historischen Südbahn-Express, zu Burgen und Seen in Kärnten oder zu den Christkindlmärkten in Salzburg und Graz sind geplant. „Anlässlich der 5. Südbahntage laden wir am 15. September zu einer Dampfsonderfahrt mit den Nostalgiebahnen Kärnten“, kündigt der 42-Jährige ein weiteres Highlight an.

 

 

Die Bevölkerung interessiere sich sehr für alles rund um das Lienzer Heizhaus und die Eisenbahnfreunde, vermeldet er stolz. „Über unsere Südbahn-Zeitung informieren wir über Neuigkeiten, Wissenswertes und vieles mehr, z.B. auch über die Arbeitstage, an denen wir unsere alten Fahrzeuge optisch aufbereiten. Das Flair des Geländes rund um das Heizhaus mit der Nähe zum Bahn- und Verschubbetrieb ist etwas ganz Besonderes. Wir freuen uns über jeden, der uns bei unseren Veranstaltungen oder auch unabhängig davon besucht“, so Fleißner abschließend.

 

Die Südbahn einst und jetzt – eine Zeitreise

Der Eisenbahnbau war neben der Industrialisierung einer der wichtigsten Faktoren, der ab dem Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung in der k.k. Monarchie („Gründerzeit“) bewirkte. Historisch gesehen führte die Hauptstrecke der früher manchmal auch „Erzherzog Johann-Bahn“ genannten Südbahn in Nord-Süd-Richtung von Wien über Niederösterreich und die Steiermark mit ihrer Hauptstadt Graz, sodann über die erst 1918 entstandene slowenische Staatsgrenze nächst Spielfeld-Straß, nach Marburg, Laibach und Triest. Die Bezeichnung „Erzherzog Johann-Bahn“ steht mit einem Vortrag Erzherzog Johanns beim Innerösterreichischen Industrieverein zum Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen Wien und Triest (1837) in Verbindung. Die Südbahn war im Kaiserreich Österreich und von 1867 an in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Verbindung Wiens zur Adria und nach Triest, damals Haupthandelshafen der Monarchie. Bereits 1858 lagen erste Planungen der Südbahngesellschaft und kurz darauf auch die Baugenehmigung vor, Wien über die Südbahn auch mit Tirol zu verbinden.

Die Eisenbahnverbindung zwischen Marburg und Franzensfeste setzte sich aus der Kärntnerbahn (Marburg – Villach), der ursprünglichen Drautalbahn (Villach – Lienz) und der Pustertalbahn (Lienz – Franzensfeste) zusammen. Historisch bestand keine Trennung zwischen der Pustertalbahn und der Drautalbahn, da die Konzessionserteilung (1857), der Bau (ab 1869) und die Inbetriebnahme (1871) für die gesamte Strecke von Villach bis Franzensfeste in einem Stück erfolgten. Die Eröffnung dieser Teilstrecke ging am 20. November 1871 über die Bühne. Die strategische Bedeutung der Pustertalbahn wird klar, wenn man bedenkt, dass es sich damals um die einzige Ost-West-Verbindung zwischen der Brennerbahn und der Strecke Wien-Triest handelte, welche ausschließlich auf österreichischem Hoheitsgebiet verlief. Die Südbahngesellschaft errichtete nicht nur Bahnstrecken und Bahnhöfe, sondern trug auch wesentlich zum Aufschwung des Tourismus bei. Dies lässt sich heute noch an markanten Hotelbauten, wie z.B. dem Grandhotel Toblach, erkennen.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Brunner Images

15. Juni 2018 um