„Diese Gesundheitskrise ist auch ein Test für unsere Solidargesellschaft!“
…meint Moraltheologe P. Martin M. Lintner. Im Interview nimmt der Professor an der PPH Brixen Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen.
Wir haben Professor Dr. Martin M. Lintner aber auch gefragt, wie er als Mitglied im Landesethikkomitee in Südtirol bzw. des Klinischen Ethikkreises Innsbruck die Frage der Impfpflicht bewertet, was er als Priester jenen antworten würde, die Corona als „Strafe Gottes“ sehen und warum gerade in der Weihnachtsbotschaft Hoffnung für uns alle in diesen doch sehr schwierigen Monaten zu finden ist.
Herr Professor, was hat Sie veranlasst, Theologie zu studieren, und warum haben Sie sich für die Spezialisierung auf Moraltheologie entschieden?
Als Jugendlicher hatte ich den Wunsch und Lebensplan, Naturwissenschaftler zu werden. In Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche und seiner „Gott ist tot“-Philosophie während der Oberschulzeit hat mich dann aber die Gottesfrage mehr und mehr beschäftigt und nicht mehr losgelassen. So beschloss ich nach dem Abitur, Theologie zu studieren. Ausschlaggebend für die Spezialisierung in Moraltheologie war mein Wiener Professor Dr. Günter Virt. Er hat mich von der ersten Vorlesung an für dieses Fach und seine Fragen fasziniert.
Wie würden Sie einem Laien das Fach „Moraltheologie“ erklären? Um welche für unsere Gesellschaft relevanten Fragestellungen geht es?
Moraltheologie bedenkt alle ethischen Fragen im Licht des christlichen Glaubens. Die Grundfragen nach einem gelingenden und sittlich guten Leben in den alltäglichen Situationen ebenso wie in besonderen und außergewöhnlichen Momenten des Lebens werden reflektiert. Das beginnt bei ethischen Fragen am Beginn des menschlichen Lebens und reicht bis zu den Fragen am Lebensende, etwa dem assistierten Suizid, betrifft aber auch die Umwelt-, Tier-, Wirtschafts-, oder Medienethik, um nur einige Beispiele zu nennen.
Was unterscheidet einen Moraltheologen von einem Ethiker?
Moraltheologie ist theologische Ethik, sodass einen Moraltheologen und einen Ethiker sehr viel mehr verbindet als unterscheidet. Als Theologe hinterfrage ich zusätzlich den christlichen Glauben auf seine ethischen Implikationen hin und versuche, aus dem Glauben heraus Motivationen für das sittliche Handeln zu entfalten. Sittliches Handeln im Licht des Glaubens ist nicht nur ein Imperativ oder eine Forderung, sondern eine Ermöglichung und Befähigung, eine Antwort auf das Heilshandeln Gottes zu geben. Dies gilt es theologisch zu reflektieren. Es ist aber die Aufgabe eines jeden Ethikers, sein Menschen- und Weltbild, sei es christlich oder nicht, auf dessen ethische Relevanz hin zu hinterfragen.
Warum sind Philosophen und Ethiker in Zeiten der Krise besonders gefragt?
Krisenzeiten verursachen Verunsicherung. Bisher bewährte Antwortversuche oder Deutungsmuster werden brüchig oder in Frage gestellt. Oder es gibt neue Herausforderungen, die es bislang so nicht gab. Philosophie, Theologie und Ethik versuchen, die aktuellen Fragen in einen weiteren Sinnhorizont zu integrieren und damit eine Orientierung zu geben. Und es ist tatsächlich so, dass in Krisenzeiten besonders die Ethik eine stark angefragte Disziplin ist. Es geht um Fragestellungen wie „Was sollen wir tun, um richtig zu handeln bzw. wie können wir Herausforderungen sinnvoll bewältigen?“ „Muss jeder bzw. jede nur für sich eine Antwort bzw. einen Modus finden, oder gibt es gemeinsame Antworten?“ „Gibt es für alle, die zu einer Gemeinschaft gehören, verbindliche Werte?“ „Wie können sie vermittelt und einsichtig gemacht werden?“

Sie lehren seit 2009 an der PTH in Brixen und sind seit 2011 Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie. Womit beschäftigen Sie sich aktuell? Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Tierethik. Ebenso bringe ich mich in die Debatten zur Erneuerung der kirchlichen Lehre zu Sexualität, Ehe und Familie ein und zu aktuellen Fragen, wie dem assistierten Suizid.
Am Thema „Corona“ kommt derzeit wohl niemand vorbei. Viele sind müde, erschöpft. Die Ungewissheit, was die kommenden Monate bringen werden, belastet. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Ich gestehe ganz offen, dass die Corona-Pandemie auch mehr und mehr an meinen Nerven zehrt, je länger sie dauert. Auf der einen Seite versuche ich beizutragen, was an mir liegt, sie zu überwinden: durch Impfung und Einhalten von Vorsichtsmaßnahmen. Auf der anderen Seite beschäftigen mich die Folgen der Pandemie sehr. Sie hat wie unter einem Brennglas viele Schwachpunkte unserer Gesellschaft offengelegt, etwa dass Frauen stärker unter sozialen negativen Folgen leiden, dass wir von einer Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind, dass der solidarische Zusammenhalt nicht überstrapaziert werden kann oder dass es derzeit meines Erachtens bedenkliche antidemokratische Spaltungstendenzen gibt. Schließlich beschäftigt mich auch die existentielle Frage, wie verwundbar unser Leben ist. Obwohl wir in einer medizinisch hochentwickelten Region leben, kann ein kleiner, unsichtbarer Virus uns derart bedrohen. Und ich stelle mir die Frage, was diese Erfahrung der Vulnerabilität und der Sterblichkeit mit uns in einer Gesellschaft, in der wir diese Aspekte normalerweise eher verdrängen, macht.
Wie nehmen Sie die aktuelle Entwicklung wahr?
Mit Sorge, besonders in Hinblick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen! Die Polarisierung und die Spaltung sehe ich als Gefahr an. Durch unsere Gesellschaft, oft mitten durch Familien, geht wegen pro und contra Impfung ein Riss, sodass ein sachlicher Dialog oft nicht mehr möglich ist. Auch sehe ich mit Sorge die Skepsis gegenüber der Wissenschaft und den Wissenschaftlern. Als äußerst bedenklich werte ich die Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten, die Menschen verunsichern und die sogar Menschenleben kosten kann.
Gab es ähnliche Entwicklungen auch während anderer krisenhafter Zeiten?
Ja, das gab es in der Geschichte immer wieder, beispielsweise bei der Einführung der Pockenimpfung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mir war es vom Geschichtsunterricht her nicht mehr in Erinnerung, aber wenn wir uns die Geschichte der Pockenimpfung vergegenwärtigen, was Historiker in diesen Wochen machen, dann sehen wir, dass die Einführung der Pockenimpfung durch Bayern ein wichtiger Grund für die Tiroler war, sich damals gegen die Bayern zur Wehr zu setzen. Dies erfolgte mit Argumenten wie „Man dürfe Gott nicht ins Handwerk pfuschen“ oder „Geimpfte Kinder würden auf allen Vieren kriechen und muhen“, weil die Impfung durch die Infektion mit Kuhpockeneiter erfolgte. Man kann also festhalten, dass die Impffrage schon damals die Gesellschaft gespalten hat und dass auch viele Fake News in Umlauf gebracht wurden. Als Südtiroler denke ich natürlich aber auch an die Zeit der Option: Die Frage, ob dableiben oder ins Deutsche Reich auswandern, hat die Gesellschaft bis in die Familien hinein zutiefst gespalten.
Welche Folgen könnte die Spaltung der Gesellschaft mittel- und langfristig nach sich ziehen?
Ich hoffe, dass nicht zu viel Porzellan zerschlagen wird und Menschen trotz unterschiedlicher Ansichten weiterhin im Gespräch bleiben und sich nicht gegenseitig abschreiben, sondern die Wertschätzung voreinander beibehalten. Was mich beunruhigt, ist, dass es Menschen gibt, die ihr Vertrauen in die demokratischen Institutionen, in das Gesundheitswesen und in die Medizin verlieren. Das kann demokratiepolitisch gefährlich werden, vor allem, weil es politische Gruppierung gibt, die dies gezielt nutzen, um eigene Interessen zu vertreten. Ich halte es für unverantwortlich, in der derzeitigen Situation zu spalten und zu polarisieren, anstatt den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern! Wir müssen uns fragen: Wer will von der Schwächung der Demokratie profitieren?
Schuldzuweisungen an die eine oder andere Seite spielen nicht erst seit Beginn der 4. Welle eine Rolle. Sie haben diesbezüglich einmal von einem „Sündenbock- Mechanismus“ gesprochen. Können Sie dies näher erklären?
Der „Sündenbock-Mechanismus“ ist eine archaische Dynamik, das heißt, dass er so alt ist wie die Menschheitsgeschichte. Aggressionen, die sich bei Verunsicherung, Stress oder Konflikten aufbauen, werden auf ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen projiziert und an ihm bzw. ihr ausgelassen. Das hat offensichtlich eine reinigende Wirkung bzw. wird als stressmindernd erfahren und schweißt Menschen zusammen. Denn: Zusammen fühlt man sich stärker. Da spielen also viele Aspekte mit. Vielleicht steckt hinter diesem Bestreben, Schuldige zu finden, aber auch ganz einfach die Angst vor dem Schicksal oder vor Ereignissen, auf die man keinen Einfluss hat. Durch das Identifizieren von Schuldigen versucht man, Ursachen zu finden, Menschen für etwas verantwortlich zu machen – und sie zu bestrafen, in der Hoffnung, damit würde das Unheil überwunden werden. Die Hexenprozesse haben weitgehend nach diesem Muster funktioniert.
Wie könnte, müsste aus Ihrer Sicht der Umgang mit jenen gestaltet werden, die eine Impfung bisher kategorisch ablehnten?
Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit sachlicher Diskussion nicht viel bewirken kann. Was meine ich damit? Ich bin überzeugt, dass viele Argumente der Impfgegner schlichtweg falsch sind, aber es ist schwierig, sie davon zu überzeugen. Ich hoffe, dass jene, die nicht gesundheitliche Gründe gegen eine Impfung haben – Allergien, Vorerkrankungen oder andere Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen oder Impfschäden erhöhen können –, sich doch noch entscheiden, sich impfen zu lassen. Freilich muss das so möglich sein, dass sie nicht das Gesicht verlieren oder dann den Eindruck haben, sie würden als Verlierer betrachtet, die eingeknickt sind.

Noch schwieriger dürfte der Zugang zu Verschwörungstheoretikern sein, die vielfach in ihrer eigenen „Blase“ leben und agieren. Hat Kommunikation hier überhaupt noch eine Chance?
Ich würde versuchen, den Gesprächsfaden nicht abbrechen zu lassen, auch wenn die Chancen auf gegenseitige Verständigung in der Tat gering sind. Vielleicht wäre es wichtig, die Ängste und Sorgen, aber auch Persönlichkeitsmerkmale oder Charaktereigenschaften zu verstehen, die Menschen anfällig für Verschwörungstheorien machen. Im Grunde genommen befriedigen Verschwörungstheorien ein psychisches Grundbedürfnis: einfache und klare Antworten zu geben auf komplexe, oft undurchsichtige Zusammenhänge und Prozesse. Verschwörungstheorien fallen auf fruchtbaren Boden bei Menschen mit einem großen Sicherheitsbedürfnis oder bei solchen, die sich schwer tun, komplexe Wirklichkeiten anzunehmen und stehen zu lassen, oder die zu einem Schwarz-Weiß-Denken tendieren und dazu neigen, die Menschen klar in gut und böse einzuteilen.
Wie beurteilen Sie als Moraltheologe grundsätzlich eine Impfpflicht? Was spricht dafür, was dagegen?
Eine generelle Impfpflicht beurteile ich eher skeptisch, stellt sie doch einen Eingriff in die persönliche Freiheit und in das Recht auf körperliche Integrität dar. Für eine Impfpflicht spricht, dass jeder und jede einen Beitrag leisten muss, um nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen und das Gesundheitssystem zu schützen. Daher könnte ich mir vorstellen, dass jene, die eine Impfung ablehnen, dies begründen müssen und dass die Begründungen auch einem Faktencheck unterzogen werden. Eine Impfpflicht für besonders gefährdete Berufsgruppen, etwa im Gesundheitswesen, halte ich für gerechtfertigt, da dann jeder und jede entscheiden kann, sich impfen zu lassen oder nicht. Im Falle der Ablehnung der Impfung müsste jemand allerdings die Konsequenzen tragen, z.B. suspendiert zu werden. Das Gleiche gilt ja auch bei der Gurtpflicht: Wer sich nicht angurten will, darf eben kein Auto lenken.
Wo endet die Freiheit des Einzelnen, wenn es um das Wohl der Gemeinschaft geht?
Freiheit ist immer gebunden an Verantwortung. Die individuelle Freiheit schließt die Verantwortung für die anderen und für das Gemeinwohl mit ein. Wir haben heute oft ein sehr verkürztes Freiheitsverständnis im Sinne von: „Ich tu, was ich will, solange ich nicht die Rechte Dritter verletze“. Freiheit im Sinne von Übernahme von Verantwortung meint aber mehr. Ebenso müssen wir zwischen zwei Situationen differenzieren: Ich darf nie gezwungen werden, gegen mein Gewissen und meine Überzeugungen zu handeln. Dies wird durch das Recht auf Gewissensfreiheit geschützt. Das bedeutet umgekehrt aber nicht, dass ich einen Anspruch habe, alles zu tun, was ich will, denn hier muss ich die soziale Dimension meines Handelns mitbedenken.
Ist diese Gesundheitskrise also auch ein Test für unsere Solidargesellschaft?
Ja, denn unser Gesundheitssystem funktioniert im Grund genommen als ein Solidarsystem. Nur weil im Durchschnitt jeder bereit ist, durch Versicherungsbeiträge und Steuern mehr zu leisten, als er selbst beanspruchen wird, kann gewährleistet werden, dass jeder unabhängig davon, ob er es sich finanziell leisten könnte oder nicht, die medizinische Versorgung erhält, die er braucht.
Aktuell zeichnet sich nicht nur in vielen Krankenhäusern Österreichs ab, dass eine Triage notwendig wird bzw. bereits teilweise umgesetzt wird. Nach welchem Prinzip muss/soll die enorm schwierige Entscheidung, wer ein Intensivbett erhält, gefällt werden?
Im Falle von Triage müssen Maßnahmen weiterhin in erster Linie anhand von medizinischen Kriterien unter Berücksichtigung des aktuellen klinischen Zustands eines Patienten und seines Willens getroffen werden. Dabei sollen die gängigen, prognostisch relevanten „Scores“ angewandt werden. „Scores“ sind Punktwerte, die anhand von verschiedenen diagnostischen Parametern (zum Beispiel Alter, Vorerkrankungen, Funktion von Organen, Laborwerte) bestimmt werden, um den Zustand eines Patienten zu erfassen und ihn einer medizinischen Behandlungsgruppe zuzuordnen. In der Intensivmedizin dienen sie zudem der Erfolgs- und Risikoabschätzung. In einer Triage-Situation spielt die klinische Erfassung von Vor- oder Begleiterkrankungen und des klinischen Allgemeinzustands eine Rolle, insofern diese prognostisch relevant sind. In Bezug auf die Prognose und das Sterblichkeitsrisiko kann zudem das Alter eine Rolle spielen. Etwaige Ungleichbehandlungen müssen durch medizinische Kriterien wie Dringlichkeit und Erfolgsaussicht begründet werden und die Diskriminierung bestimmter Alters- und Patientengruppen vermieden werden.
Warum sollte z.B. ein Krebspatient auf ein Intensivbett warten müssen, wenn dieses gerade von einem ungeimpften Corona-Patienten bzw. einem Coronaleugner belegt wird? Wo verläuft hier die Linie zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit?
Die medizinische Versorgung eines Menschen können wir nicht davon abhängig machen, ob er ein guter oder schlechter Mensch ist oder ob er selbstverschuldet krank geworden ist oder nicht. Gerechtigkeit im medizinischen Bereich bedeutet, dass ein Patient auch in diesem Sinn ohne Ansehen seiner Person behandelt wird. Die Grundlage der Entscheidung müssen die bereits angesprochenen Kriterien sein, ansonsten stellt sich als nächster Schritt die Frage: „Wie gehe ich mit einem Unfallopfer um, das selbstverschuldet verunglückt ist, z. B. durch eigene Rücksichtslosigkeit beim Sport oder im Verkehr?“ Die Gerechtigkeit verlangt jedoch umgekehrt auch, dass andere Patienten nicht gegenüber den Corona-Patienten benachteiligt werden. Dann kann es eben sein, dass in einer Konfliktsituation ein Krebspatient behandelt wird und nicht der Corona-Patient, ob geimpft oder nicht.
Wo sehen Sie die Gründe für den Vertrauensverlust in Politik und Wissenschaft?
Die Politik in Österreich hat durchaus einiges zu diesem Vertrauensverlust beigetragen, das lässt sich nicht schönreden. Insgesamt wirkt sich die allgemeine Verunsicherung jedoch negativ aus. Auch die Tatsache, dass es im Internet jede Menge an Informationen gibt und es für den einzelnen Internetnutzer oft nicht leicht ist, die Qualität oder Glaubwürdigkeit dieser Informationen einzuschätzen, spielt eine Rolle. Da hat irgendein Internetkommentar, obwohl er nachweislich falsch ist, plötzlich in den Augen vieler Menschen mehr Gewicht als eine fachwissenschaftliche Studie, die kompliziert und für fachfremde Personen nur schwer verständlich ist. Zudem wissen wir, dass Fake News ganz gezielt gestreut werden, um das Vertrauen in politische oder andere Institutionen zu untergraben. Das heißt, es gibt Menschen, Gruppen, ja sogar Staaten wie Russland oder China, die das ganz gezielt betreiben.
Auch die katholische Kirche hat in den letzten Jahren an Zustimmung/Vertrauen verloren. Was könnte ein Weg aus dieser Vertrauenskrise sein?
Das ist eine Zehntausend-Dollar-Frage! Drei Aspekte möchte ich nennen. Erstens: Die Kirche muss glaubhafter vermitteln, dass sie sich im Dienst der Menschen weiß, und nicht umgekehrt, dass die Menschen für die Kirche da sind. Zweitens: Als Kirche müssen wir lernen, die Fragen der Menschen ernst zu nehmen und gemeinsam mit ihnen nach Antworten ringen, nicht sozusagen aus dem Kühlregal vorgefertigte Antworten aufzuwärmen oder Antworten zu geben auf Fragen, die niemand mehr stellt. Und drittens: Es gibt Reformbedarf in der Kirche, den sie nicht länger aufschieben darf, etwa beim kategorischen Ausschluss von Frauen von den Weiheämtern oder bei der mangelnden Mitbestimmung aller Mitglieder der Kirche in Hinblick auf die Gestaltung des kirchlichen Lebens. In der säkularen Gesellschaft gibt es mittlerweile eine Sensibilität und ein Bewusstsein um die gleiche Würde aller Menschen. Es ist für immer weniger Katholikinnen und Katholiken einsichtig, dass dies innerhalb der Kirche nicht gelten sollte, wo doch jedem Menschen in gleicher Weise die Würde der Gottebenbildlichkeit und allen Getauften die gleiche Gotteskindschaft zukommt.
Was antworten Sie als Priester jenen, die Corona als eine Strafe Gottes werten?
Die Deutung von Ereignissen und Katastrophen als Strafe Gottes ist ein Muster, dem wir bereits in der Bibel begegnen. Ich sehe darin den Versuch, negative Ereignisse zu bewältigen und zu verstehen, warum sie geschehen konnten, wenn Gott ein guter und gerechter Gott sein soll. Also muss der Mensch, nicht Gott für Katastrophen verantwortlich gemacht werden, oder eben Gott, insofern er auf menschliches Fehlverhalten reagiert, um den Menschen auf den rechten Weg zurückzuführen. Ich muss also fragen: „Was will ich damit sagen, wenn ich von einer Strafe Gottes rede?“ Ich muss mich aber auch fragen: „Was bewegt mich, an einen Gott zu glauben, der straft?“ Das bedeutet, es steht auch mein Gottesbild auf dem Prüfstand. Glaube ich tatsächlich an einen Gott, der Menschen vielleicht unschuldig leiden lässt, um das Fehlverhalten anderer zu bestrafen? Ich persönlich glaube nicht daran! Ich muss solche Ereignisse nicht als Strafe Gottes werten, kann mich aber trotzdem fragen: „Was will mir Gott durch dieses Ereignis und in dieser Situation sagen?“

Weihnachten steht vor der Tür und Hoffnung wäre das, was sehr viele derzeit mehr als nötig haben. Wie kann die Weihnachtsbotschaft Hoffnung vermitteln?
Vielleicht dadurch, dass Weihnachten einlädt und hilft, uns auf das zu besinnen, was wirklich zählt und wichtig ist. Schließlich ist Weihnachten die Botschaft, dass Gott diese Welt liebt und sie nicht ins Dunkel und ins Chaos stürzen lässt, sondern dass besonders dann, wenn es schwierig ist und dunkel wird, ein Licht aufleuchtet!
Danke für das Gespräch!
Interview: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © AdobeStock/Liv Friis-larsen, privat, AdobeStock/MclittleStock, Brunner Images