Die „Schneibmeister“ von Obertilliach

Sehr früh morgens, wenn es noch dunkel ist, beginnt derzeit der Arbeitstag jener fünf Männer, die im Skigebiet Golzentipp für die Beschneiung der Skipisten sorgen.

„Wenn die Temperaturen stimmen, sind wir in den Wochen vor der offiziellen Betriebsöffnung im Schichtbetrieb praktisch rund um die Uhr im Einsatz“, erklärt uns Gerald Scherer bei unserem Besuch im Osttiroler Lesachtal. Der 46-jährige Obertilliacher steht seit 2001 im Dienst der Bergbahnen Obertilliach und ist seit 2006 als „Schneibmeister“ tätig. Wenn er und seine Kollegen auf den Pisten im Skigebiet Golzentipp unterwegs sind, spielt es keine Rolle, welche Stunde die Uhr schlägt oder wie kalt es im Freien ist. „Lufttemperaturen zwischen minus 10 und minus 15 Grad Celsius sind ideal, damit eine technische Beschneiung effektiv vorgenommen werden kann“, erläutert er. Zu den  anspruchsvollen Aufgaben seines Teams gehören nicht nur die Wartung bzw. das Überstellen der Schneekanonen und -lanzen sowie die Kontrolle der Schneehöhe, sondern auch die Präparierung der Pisten, die Montage von Aufprallschutz-Einrichtungen am Pistenrand u.v.a.m.

schneibmeisterobertilliach-ohhd3

Gelernt hat Gerald Scherer den Job des „Schneibmeisters“ in Kursen und über learning by doing. Erfahrung, grundlegendes Wissen und viel Gespür für den Schnee nennt er als Grundlagen seiner Arbeit. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, wie er betont, aber auch Idealismus und die Bereitschaft zu engagiertem Einsatz. „Aktuell verfügen wir über 32 Schneekanonen und 17 Lanzen, mit denen wir die Beschneiung der insgesamt 16 Kilometer langen Pisten hier im Skigebiet sichern“, sagt er. Die wichtigste Ressource dafür, das Wasser, kommt aus dem am Golzentipp befindlichen Teich, der 70.000 m³ Wasser fasst, bzw. aus einer weiter unterhalb gelegenen Quelle. Von hier aus wird das kühle Nass über 4,5 Kilometer lange Rohre direkt zu den einzelnen Schneekanonen bzw. Lanzen transportiert, wo es in Form feinster Tropfen in die kalte Luft gesprüht wird. Diese gefrieren und fallen als kleinste Schneekugeln bzw. Kristalle zu Boden. Richtig stressig wird es für das Schneiteam dann, wenn Wind aufkommt. Entweder müssen die Schneigeräte an die aktuelle Windrichtung angepasst oder – bei starkem Wind – überhaupt gestoppt werden.

schneibmeisterobertilliach-ohhd2

Seit 20.11.2015 haben die Obertilliacher Schneemacher rund 35.000 m³ Wasser verbraucht, rund 50.000 bis 70.000 m³ werden in einer durchschnittlichen Wintersaison benötigt. Bei entsprechenden Temperaturen können rd. 70.000 m³ Schnee in einer Woche erzeugt werden. „Bei der künstlichen
Beschneiung kommt reines, entkeimtes Wasser zum Einsatz. Entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen in Tirol muss es bei uns Trinkwasserqualität aufweisen. In Kärnten, aber auch in Südtirol sind die Vorschriften anders geregelt“, klärt Gerald Scherer auf. Schnee ist seinen Angaben nach jedoch nicht gleich Schnee: „Kunstschnee weist eine grundsätzlich andere Struktur auf als das natürliche Weiß. Er ist kompakter, luftundurchlässiger und weniger wärmedämmend als Naturschnee.“

schneibmeisterobertilliach-ohhd1
Das Herz der Beschneiungsanlage im Skigebiet Golzentipp ist die zentrale Steuerungsanlage im Bereich des Schleppliftes „Himbeergoll“. Von hier aus werden die Pumpen,  jede einzelne Zapfsäule und alle Schneekanonen gesteuert.  Am Monitor kann jederzeit, auch über Zugriff von zu Hause aus, der aktuelle Betrieb überprüft und kontrolliert werden. Genügend Kunstschnee zu erzeugen, ist für die Tourismuswirtschaft im Osttiroler Lesachtal heute ebenso wichtig wie für andere Wintersportregionen Tirols. In Obertilliach, das aufgrund seiner Höhenlage eigentlich als sehr schneesicher gilt, setzt man seit mehr als zwei Jahrzehnten auf die technischen Hilfsmittel, um Frau Holle sprichwörtlich unter die Arme zu greifen. „Im Jahr 1989 wurde die erste Schneekanone in Obertilliach installiert. Damals  vertraten viele noch die Meinung, dass die Welt nicht mehr in Ordnung sein könne, wenn man hier bei uns den Schnee künstlich produzieren müsse. Heute sieht man, dass es ohne Kunstschnee nicht mehr geht“, nimmt Josef Lugger jun. auf die Notwendigkeit der künstlichen Beschneiung in seiner Heimatgemeinde Bezug.

schneibmeisterobertilliach-bru2

„Auch für uns war der milde Herbst 2015 eine Herausforderung. Seit Mitte November lassen die Temperaturen eine flächendeckende Beschneiung zu“, erklärt Lugger, der seit vier Jahren gemeinsam mit seinem Vater die kaufmännische Geschäftsführung der Bergbahnen Obertilliach inne hat. Die Grundbeschneiung im Skigebiet Golzentipp beträgt, wie er sagt, in etwa 30 cm Schneehöhe in flacheren Geländeteilen und bis zu 70 cm in stärker beanspruchten Hanglagen. Wenn die Temperaturen weiterhin entsprechend ausfallen, kann die künstliche Beschneiung in Obertilliach Anfang Dezember vorläufig abgeschlossen werden. Dann verbleibt dem im Winter insgesamt 17-köpfigen Bergbahnen-Team noch genügend Zeit, alles andere dafür vorzubereiten und auszuführen, damit einem gelungenen Start in die Wintersaison am 19.12.2015 nichts mehr im Wege steht.

Text: E. Hilgartner, Fotos: Brunner Images, Osttirol heute/Hotzler

12. Dezember 2015 um