Die Heuzieher von Wallhorn: Auf den Spuren einer alten Tradition

Ein immer rasanterer Wandel hat längst schon viele Bereiche unseres Lebens verändert und trifft inzwischen auch auf das bäuerliche Leben und Wirtschaften im Bezirk Lienz zu.

Ungeachtet der Vorteile moderner Technik hat jedoch auch die Aufrechterhaltung überlieferter Traditionen bei vielen Menschen immer noch einen hohen Stellenwert. „Die Pflege alten Brauchtums ist schließlich ein Teil unserer bergbäuerlichen Kultur“, meint dazu der Prägratner Anton Hatzer. Gemeinsam mit Familienangehörigen und Freunden steigt er jedes Jahr im Winter auf die Bergwiesen der Wallhorner Mähder auf, um von dort das Heu ins Tal zu holen.

 

Was früher neben Holzarbeiten und Reparaturen am Hof eine traditionelle Winterarbeit war, ist heute ein seltenes Ereignis. Die harte, nicht ungefährliche Arbeit ist die gleiche geblieben.

 

Es ist vier Uhr morgens Mitte Jänner 2019. Am Hof der Familie Hatzer im Ortsteil Wallhorn haben sich elf Männer, der jüngste Anfang 40 und der älteste Ende 60, eingefunden. Anton Hatzer, Bauer am „Taxerhof“, begrüßt Brüder und Freunde, schließlich ist heute „Heuziehen“ angesagt. Die Vorfreude auf diesen besonderen Tag scheint die Frühaufsteher Müdigkeit und Kälte vergessen zu lassen. Noch in der Dunkelheit brechen sie auf, um über die so genannte „Hazariese“ hinauf zur „Eiwanschupfe“ zu gelangen. Bald schon sehen die Männer die Lichter im Dorf weit unter sich. Hintereinander in einer Spur durch den Schnee stapfend, tragen sie am Rücken die traditionelle Heuzieher-Gerätschaft, das „Bandle“ und den Rucksack. Die „Tschipfen“, die das Ziehen des Heus in flacherem Gelände erleichtern, befinden sich schon oben auf den Bergwiesen in der Höhe von 1.930 Metern.

 

 

Der Weg über die „Riese“, dem die Prägratner folgen, ist unter Skitourengehern eine beliebte Route. Mittlerweile dämmert der Morgen herauf. Richtung Osten, talauswärts, tauchen rote Streifen am Himmel auf, für wenige Minuten bildet sich ein sattes Morgenrot. Nur kurz halten die „Heuzieher aus Wallhorn“ inne, um die Schönheit der Natur zu bewundern. Ihr Weg führt sie weiter, nun begleitet von der aufgehenden Sonne. Bald taucht in der Ferne das Etappenziel auf, das man schließlich nach 1,5 Stunden Aufstieg erreicht. Mit den Worten „Gelobt sei Jesus Christus, in Ewigkeit Amen“, wie von den Vorfahren überliefert, legen die Heuzieher in der so genannten „Fass-Statt“ ihre Last ab. Nach einer kurzen Rast und gestärkt durch einen Schluck Schnaps, beginnt der erste Arbeitsschritt. Das Heu wird aus der Schupfe und vom „Tristlan“ geholt. Erst dann machen sich je zwei Teams an die Konstruktion der Heufuder. Auf gut Prägratnerisch wird dies „das Füdale-Fassen“ genannt. Die Männer arbeiten konzentriert und effizient. Trotzdem wird viel gelacht, und auch der „Schmäh“ kommt nicht zu kurz.

 

 

Jeder weiß, was er zu tun hat, muss doch jedes Heufuder eine eigene Statik haben, damit es später den Weg ins Tal gut „übersteht“. Kompaktheit, eine gute Sohle und eine feste Schnürung sind wichtige Voraussetzungen dafür. Schritt für Schritt entstehen so insgesamt zehn Heufuder mit jeweils einem Gewicht von rund 250 Kilogramm, die nach und nach aus der „Fass-Statt“ hinausgesetzt werden. Rund 3,5 Stunden benötigen die Männer dafür. Bevor sie sich im Anschluss daran an den wohl herausforderndsten Teil – die Abfahrt ins Tal – heranwagen, stärken sie sich noch mit einer kräftigen Jause.

 

 

Dann startet die kräfteraubende und teilweise auch rasante Abfahrt. An den flacheren Passagen müssen immer wieder zwei oder drei Männer die Fuder ziehen. Ohne großen Zusammenhalt und den Einsatz jedes Einzelnen wäre ein derartiges Unterfangen sicherlich nicht realisierbar. Wo es möglich ist, kommen „Tschipfen“ unter das Fuder, um das Ziehen zu erleichtern. Bis der letzte Steilhang, der „Schüttling“, der noch einmal Kraft, Mut und Konzentration erfordert, erreicht ist, sind die Prägratner Männer schon mehr als eine Stunde talwärts unterwegs. Müdigkeit, aber auch Zufriedenheit, vielleicht auch Glück strahlen ihre Gesichter nach rund neun Stunden aus, als sie den Taxerhof erreichen. Mit vereinten Kräften werden die „Füdalan“ in den Heustadel verbracht und dort verstaut. Hier werden Anton Hatzer und seine Familie das Bergheu in den nächsten Wochen mit Heu und Grumet (1. und 2. Schnitt) vermischen und an die Tiere verfüttern. Im Stall des Taxerhofes stehen aktuell rund 25 Stück Fleckvieh-Rinder, sechs davon sind Milchkühe. Für sie lohnt die Mühe, wie Anton Hatzer betont.

Gerne folgen alle „Heuzieher“ zum Abschluss des Tages der Einladung in die warme Stube des Bauernhofes, wo ein für alle ganz besonderes Erlebnis gemütlich zu Ende geht.

 

Text: Elisabeth Hilgartner/Fam. Hatzer, Fotos: Anton und Sigi Hatzer

06. März 2019 um