Die Glockenstube ist sein zweites Zuhause
Siegmund Lindsberger ist der Glockenwart der Dölsacher Pfarrkirche „St. Martin“. Er hält mit viel Engagement den Glockenstuhl mit den sieben Glocken in Schuss.
Mindestens zweimal in der Woche steigt der 76-jährige Dölsacher in den Glockenturm der Dölsacher Pfarrkirche auf, um die Anlage zu überprüfen. „Wir haben hier in Dölsach mit Sicherheit die nobelste und sauberste Glockenstube der Diözese. Das haben wir Siegmund Lindsberger zu verdanken, der sich enorm dafür einsetzt, dass in unserem Glockenturm alles wie am Schnürchen läuft“, lobt der Pfarrer „seinen“ Glockenwart. Beim Lokalaugenschein in der Dölsacher Pfarrkirche steige ich gemeinsam mit den beiden und Fotograf Martin Lugger über steile Stiegen und Leitern den engen Glockenturm hinauf. „Der Turm bietet nur wenig Platz für den Glockenstuhl mit seinen sieben Glocken. Es gibt nur zwei Glockennischen, weshalb wir die großen Glocken übereinander hängen mussten“, erklärt mir der Glockenwart.

Im Jahre 2001 wurde Siegmund Lindsberger vom Pfarrkirchenrat gebeten, das Amt des Glockenwartes offiziell zu übernehmen. Mit den Glocken der Dölsacher Pfarrkirche beschäftigt er sich jedoch, seit er denken kann. „1953 erfolgte in der Gießerei Grassmayr in Innsbruck der Neuguss von sieben Glocken. Am Christi-Himmelfahrts-Tag wurden sie geweiht. Daran kann ich mich genauso gut erinnern wie an die Erneuerung der großen Glocke im Jahre 1981.“ Mit seinem ältesten Bruder Josef, der im Alter von 22 Jahren als Frater Gabriel viel zu früh verstarb, sei er oft in der Kirche gewesen, erinnert sich Lindsberger zurück. „Brüderliche Bande verbanden mich auch mit Pater Viktor, der nach Stationen in Enns, Reutte und Telfs zuletzt im Franziskanerkloster in Lienz tätig war“, erzählt er von engen Bezügen seiner Familie zur katholischen Kirche.

Im Zuge des Glockentausches Anfang der 1980er-Jahre stellte die Firma Grassmayr auch einen neuen Glockenstuhl her. „Das war ein Metallglockenstuhl“, so der Dölsacher Glockenwart. 1997/1998 wurde wieder ein Glockenstuhl aus Holz eingesetzt. „Damals hat die Fa. Weingartner einen neuen Glockenstuhl aus Lärchen-Leimbindern gezimmert. Gebaut wurde die Anlage von der Firma Neurauter aus Nordtirol. Der Wastlbauer hat das Holz gespendet, Schlosser Edi Moser die Beschläge und Schleudern geliefert. Jakob Zwischenberger zeichnete für die Elektro-Installationen verantwortlich. Meine Idee war es, den Turm vom Schaltkastenraum aufwärts innen mit Kalk auszumalen. Der Bürgermeister hat dieses Vorhaben sehr unterstützt. Ich habe unserem Maler Friedl Schwinger bei der Arbeit geholfen. Somit können wir heute auf einen perfekten Glockenstuhl mit der weitum besten Turmtechnik stolz sein“, kommt der 76-Jährige ins Schwärmen. Zusätzlich zu seinen regelmäßigen Kontrollgängen im Glockenturm ist er insbesondere bei Prozessionen und Begräbnissen immer im Kirchturm anwesend. „Bei Prozessionen ist mir wichtig, das Sakristeipersonal zu entlasten, und bei Begräbnissen will ich unbedingt, dass wirklich alle Glocken läuten. Zu Hause würde ich nur besorgt herumsitzen. Da gehe ich lieber gleich in den Turm hinauf“, meint er.

Über sechs Tonnen wiegt das gesamte, aus sieben Glocken bestehende Geläute der Dölsacher Pfarrkirche. Mehr als zwei Tonnen an Gewicht weist alleine die „Martinsglocke“ auf, rund eineinhalb Tonnen die zweitschwerste Glocke, auch „Kriegerglocke“ genannt. Diese wurde von Kriegsheimkehrern gespendet, davon hat der frühere Mesner Anton Inwinkl (Fischer-Toni) oft erzählt. Natürlich ist heute die gesamte Anlage elektronisch und automatisch steuerbar, sogar über das Handy. „Davon halte ich aber nichts. Lieber bin ich persönlich vor Ort und bediene die Steuerung“, hält Lindsberger fest. Er kann sich noch gut an jene Zeit erinnern, als man die Glocken noch per Hand läutete. „Allein für das Läuten der großen Glocke waren drei Mann notwendig.“

Als ganz besonderen Teil der aufwändigen Glockentechnik bezeichnet er die Gegenpendel. „Rund drei Meter unter den zwei großen Glocken schwingen die Pendel mit dem selben Gewicht wie die Glocke selbst. Bei weiteren drei Glocken schwingt das Pendel auf der gleichen Achse. Die beiden kleinen Glocken läuten ohne Pendel.“ Ein großes Anliegen ist dem Dölsacher Glockenwart die Sicherheit. „Die Glocken, an denen ich arbeite und jene in unmittelbarer Nähe, schalte ich schon beim Aufstieg in den Turm ab. Gott sei Dank ist noch nie etwas passiert. Einmal hat der Mesner den Motor zum ,Halbe-Läuten‘ eingeschaltet. Ich stand zu diesem Zeitpunkt gerade auf der Glocke, um eine Schraube anzuziehen. Die Ruhe zu bewahren, war in dieser Situation besonders wichtig. Den Gürtel öffnen, das Werkzeug abnehmen und rasch von der Glocke steigen – das habe ich damals blitzschnell gemacht.“

Siegmund Lindsberger, ein gelernter Tischler, war in den letzten 25 Jahren vor seiner Pensionierung als Fernmeldemonteur in ganz Osttirol unterwegs. Seine große Leidenschaft galt aber immer schon den Glocken. 2012 wurde er vom Tiroler Landeshauptmann im Rahmen der Ehrung von Ehrenamtlichen in Nußdorf-Debant für seine langjährige, verdienstvolle Arbeit als Glockenwart ausgezeichnet. Damit der Glockenschlag auch in Zukunft zu jeder Viertelstunde zwischen 6.00 und 22.00 Uhr ertönt, will er, solange es irgendwie geht, weiterhin im Turm von St. Martin seine Arbeit ausführen. „Ich danke es meinem Schutzengel, dass ich schon viele Schäden verhindern konnte und dass mir bei meiner Arbeit während nun schon fast 60 Jahren im Glockenturm noch nie etwas passiert ist“, so der Dölsacher abschließend.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger
