Dellach im Gailtal: Die „Fingerhut-Hermi“ und ihre 1.104 kleinen Schätze

Was 2010 mit einem zufällig entdeckten Fingerhut begann, ist für Hermine Gratzer längst zu einer großen Leidenschaft geworden. Hinter vielen ihrer kleinen Schätze stecken besondere Erinnerungen und Begegnungen.

Eigentlich war es ein Zufall, der Hermine Gratzer vor 16 Jahren zu ihrer großen Sammelleidenschaft führte. Damals arbeitete die Oberkärntnerin als Verkäuferin in einer Bäckerei. Beim Aufräumen entdeckte sie eines Tages in einer Schachtel einen Fingerhut mit dem Wappen von Kötschach-Mauthen. „Der ist mir sofort ins Auge gestochen“, erinnert sie sich. Die Gailtalerin nahm den Fingerhut mit nach Hause – und legte damit, ohne es damals zu ahnen, den Grundstein für eine Sammlung, die heute beachtliche Ausmaße erreicht hat.

Von Reisen und Flohmärkten

Vor unserem Besuch hat Hermine noch einmal genau nachgezählt: Mittlerweile umfasst ihre Sammlung exakt 1.104 Fingerhüte. Die kleinen Exponate stammen aus Österreich und Deutschland ebenso wie aus der Schweiz, Italien, Kroatien, Island, Ägypten oder Portugal. Selbst Exemplare aus Russland und den USA haben ihren Weg nach Dellach im Gailtal gefunden.

 

Der größte und der kleinste Fingerhut in der Sammlung von Hermine Gratzer stammen aus Russland, den wertvollsten hat sie von einer Bekannten aus dem Gitschtal geschenkt bekommen. Er ist vergoldet.

 

Die kleinen Sammlerstücke sind aus unterschiedlichen Materialien wie Glas, Keramik oder Holz gefertigt und mit verschiedensten Motiven verziert. Viele davon hat Hermine selbst entdeckt. Auf Flohmärkten hält sie regelmäßig Ausschau nach neuen Exemplaren, und wenn sie einen Ausflug unternimmt, schaut sie gerne in Souvenirgeschäften vorbei. Längst wissen aber auch Freunde, Bekannte und Nachbarn von ihrer Leidenschaft. Immer wieder bringen sie der Oberkärntnerin von ihren Reisen einen Fingerhut mit. Einer von ihnen gab ihr sogar einen passenden Spitznamen: die „Fingerhut-Hermi“.

So wächst die Sammlung immer weiter – und mit vielen der kleinen Stücke ist auch eine persönliche Geschichte verbunden. Besonders gut erinnert sich Hermi etwa an ein Geschenk, das sie von einer Bekannten erhielt. „Als ich für sie Kräuter sammelte, hat sie mir als Dankeschön gleich 50 Fingerhüte geschenkt“, erzählt sie. Ein weiteres besonderes Stück ist ein vergoldeter Fingerhut, den ihr eine Frau aus dem Gitschtal überlassen hat. „Und zwei Stück aus meiner Sammlung haben eine weite Reise hinter sich: Sowohl der größte als auch der kleinste meiner Fingerhüte stammen aus Russland“, so Hermine.

 

 

Fein säuberlich aufbewahrt

In ihrer Wohnung sind die kleinen Schätze in eigenen Setzkästen, die an den Wänden hängen, fein säuberlich aufgereiht und werden hier auch sorgsam gepflegt. Ursprünglich waren Fingerhüte freilich keine Sammel-, sondern Gebrauchsgegenstände. Beim Nähen wurden sie über einen Finger gestülpt, um diesen vor Verletzungen durch die Nadel zu schützen und gleichzeitig das Durchdrücken der Nadel durch festere Stoffe zu erleichtern. „Aus dem kleinen Alltagshelfer entwickelte sich im Laufe der Zeit aber auch ein beliebtes Souvenir und Sammelobjekt.”

Keine Langeweile im Ruhestand

Die Fingerhüte sind nicht die einzige Leidenschaft der umtriebigen Pensionistin. Hermine Gratzer stickt und strickt gerne. Außerdem verfasst sie Gedichte und kurze Texte. Auch ehrenamtlich ist die Dellacherin aktiv. Sie engagiert sich im Verein ALSOLE, der Fahrdienste für ältere Menschen anbietet, und beim Seniorenbund Dellach.  „Für mich sind die zwischenmenschlichen Kontakte das Wichtigste“, sagt sie. Einen Fernseher besitzt die Pensionistin nicht. Viel wichtiger ist ihr das direkte Gespräch. „Menschen treffen, zuhören und sich miteinander austauschen – solche Begegnungen und Beziehungen kann kein Fernseher und kein Smartphone ersetzen.“

Vielleicht passt gerade deshalb die Sammelleidenschaft so gut zu Hermine Gratzer. Denn viele ihrer 1.104 Fingerhüte stehen nicht nur für einen Ort oder ein bestimmtes Motiv. Sie erinnern an Reisen, Geschenke und Begegnungen mit Menschen, die an sie gedacht und ihr einen weiteren kleinen Schatz für ihre Sammlung mitgebracht haben.

 

 

Irgendwann soll die Geschichte der Fingerhüte auch innerhalb der Familie weitergehen. Die Dellacherin hat drei Söhne und sechs Enkelkinder. „Alle in meiner Familie interessieren sich für meine Sammelleidenschaft“, freut sie sich. Was einmal mit einem einzelnen Fingerhut aus einer Bäckerei begonnen hat, soll deshalb auch in Zukunft erhalten bleiben. „Meine Fingerhut-Sammlung möchte ich einmal an meinen jüngsten Sohn Roman weitergeben“, so Hermine Gratzer abschließend.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Andreas Lutche

11. September 2026 um