Das „Abenteuer Artenvielfalt“ im Nationalpark Hohe Tauern erleben
Der Nationalpark Hohe Tauern gehört zu den artenreichsten Regionen Mitteleuropas. Als Refugium für tausende Arten erstreckt er sich über die Bundesländer Kärnten, Salzburg und Tirol.
Es müssen nicht immer die spektakulären Begegnungen mit Bartgeiern, Steinadlern oder Steinwild sein. Für die unvergesslichen Momente im Nationalpark Hohe Tauern reichen manchmal auch die vermeintlich unscheinbaren Dinge, wie etwa Heuschrecken, die sprichwörtlich für die „Musik“ auf den Almwiesen der Region sorgen. Von den 140 Heuschreckenarten in Österreich kommen 53 in den Hohen Tauern und etwa 30 im Nationalpark selbst vor – und das ist nur eine Artengruppe, die die außergewöhnliche Vielfalt von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen im Nationalpark Hohe Tauern belegt. Immerhin sind im Nationalpark und seinem Umfeld bisher rund 11.000 verschiedene Arten nachgewiesen – von der zarten Libelle bis zum riesigen Steinadler, von der winzigen Trompetenflechte bis zu mächtigen Zirben, von den häufig zu sehenden Murmeltieren bis zu den gut getarnten Schneehühnern. Rund ein Viertel aller in Österreich bekannten Arten ist in den Hohen Tauern zu finden. Arten wie beispielsweise Rädertierchen wurden sogar weltweit erstmals hier entdeckt und beschrieben.
Schneefink
Der Nationalpark Hohe Tauern ist mit 1.856 km² der größte Nationalpark im Alpenraum. Alle bedeutenden Gebirgsökosysteme sind hier großflächig vorhanden – vom Grünland und den Grauerlenauen in den Tälern, über die Bäche, Seen, Bergwälder und Almen zu den alpinen Rasen, Felsen und Gletschern und bis auf den höchsten Gipfel Österreichs. Jeder Lebensraum zeichnet sich durch besondere Lebensbedingungen aus, an die sich Spezialisten aus dem Tier- und Pflanzenreich angepasst haben. Die enorme Artenvielfalt, die sich hier entwickelt hat, kann man bei Wanderungen im Schutzgebiet mit etwas Wissen und mit aufmerksamen Sinnen entdecken. Wer dabei den Blick auch auf das Kleine lenkt, dem eröffnen sich die erstaunlichsten Welten! Das Schutzgebiet bietet zum Beispiel den Lebensraum für eine besonders reichhaltige Vogelwelt. Von teils häufigen, eher anspruchslosen Arten in den Tallagen reicht das Spektrum über diverse Waldbewohner bis hin zu einigen hoch spezialisierten Arten der alpinen Zone. 249 verschiedene Vogelarten sind in der Nationalparkregion nachgewiesen, davon sind 145 als Brutvögel eingestuft. Die Vögel des Nationalparks zeigen, wie sich Tiere an die extremen Bedingungen in den Bergen anpassen können und wie sie durch ihre einzigartigen Eigenschaften und Verhaltensweisen das Ökosystem der Bergregion bereichern. Eine Besonderheit tieferer Lagen ist etwa das Braunkehlchen, das in Österreich nur noch in wenigen Regionen vorkommt und mittlerweile stark gefährdet ist. Tannenmeise, Dreizehenspecht, Raufußkauz und Sperlingskauz oder das Auerhuhn sind Charakterarten der von Nadelbäumen dominierten Waldbereiche. Oberhalb der Waldgrenze leben nur wenige, hoch spezialisierte Arten wie die bis auf 3.000 m Seehöhe brütende Alpenbraunelle oder das Alpen-Steinhuhn. Herausragend ist das Auftreten großer Greifvögel.
Alpensalamander
Als „Wanderer zwischen zwei Welten“ kann man die Amphibien bezeichnen, von denen vier Arten – Alpensalamander, Bergmolch, Erdkröte und Grasfrosch – innerhalb des Nationalparks vorkommen. In der Kernzone des Nationalparks ist diese Tiergruppe bis auf 2.500 m Seehöhe anzutreffen. Das ist beachtlich, da alle Amphibien wechselwarm sind und damit direkt auf ihre Umgebungstemperatur reagieren. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Durchschnittstemperatur pro 100 Höhenmeter um 1 °C abnimmt, stellt das Leben dieser Tiere über 1.500 m Seehöhe eine große Herausforderung dar. Die Verbreitung der Amphibien hängt mit Ausnahme des Alpensalamanders von der Verfügbarkeit fischfreier Stillgewässer oder langsam fließender Bäche ab, die sie zur Fortpflanzung benötigen. Nicht jede Art kann jedes Gewässer nutzen. Neben den geeigneten Wasserstellen sind Amphibien zudem auf Landlebensräume mit frostfreien Verstecken und ausreichend Nahrung angewiesen.
Moos
Eine besonders unscheinbare, aber ungeachtet dessen sehr faszinierende Welt ist jene der Moose. Moose sind als kleine, einfach gebaute, grüne Pflanzen bekannt, die am Waldboden, auf Bäumen oder auch über Felsbrocken leben und gegen- über den „modernen“ Pflanzen relativ konkurrenzschwach sind. Bemerkenswert ist jedoch ihr Generationswechsel: Regelmäßig wechselt eine geschlechtliche Generation mit einer ungeschlechtlichen, wobei die sichtbare grüne Moospflanze die geschlechtliche Generation repräsentiert. Moose stellen keine systematische Einheit dar, sondern sind drei evolutionär getrennte Entwicklungslinien innerhalb der Pflanzen, die sich völlig unabhängig voneinander entwickelt haben. Traditionell unterscheidet man Horn-, Leber- und Laubmoose. Europaweit rare Moos-Besonderheiten findet man im Nationalpark Hohe Tauern. So kommt etwa das Alpen-Gabelblattmoos europaweit nur in Österreich vor. Es besiedelt feuchte, nordexponierte und lange mit Schnee bedeckte Silikat-Blockhalden knapp oberhalb der Waldgrenze. Es dürfte sich dabei um ein Relikt der Zwischeneiszeiten handeln, das auf aus dem Eis herausragenden Felsen oder Berggipfeln die Eiszeiten überdauert hat. Im Nationalpark erreicht es den Westrand seines Areals. Das Schnee-Todtmoos, um ein zweites Beispiel zu nennen, ist ein zentralasiatisches Florenelement, das die Alpen gemeinsam mit dem Edelweiß im Eiszeitalter erreicht hat. Es besiedelt die höchsten, südexponierten alpinen Rasen über Kalkschiefer. Die knospenförmigen Kapseln werden von Schneehühnern oder Wiederkäuern gefressen, wodurch das Moos ausgebreitet wird. Aktuelle Nachweise dieser vom Aussterben bedrohten Art finden sich europaweit nur mehr in Österreich, wovon der Großteil im Nationalpark liegt. Das Tauernmoos schließlich trägt seinen deutschen Namen völlig zu Recht. Diese Charakterart des Nationalparks findet sich in subnivaler Lage an meist etwas basenreichen Silikat-Felsschrofen. Auch dieses Charaktermoos der Alpen hat seinen europaweiten Verbreitungsschwerpunkt in Österreich, wovon viele bedeutende Vorkommen im Nationalpark liegen.
Grauerlen
Beim Begriff Au denken die meisten an die uferbegleitenden, regelmäßig vom Hochwasser überfluteten Wälder großer Tieflandflüsse. Aber auch an Bächen und kleineren Flüssen bilden sich charakteristische, gewässerbegleitende Laubwälder, deren Artenzusammensetzung und Ökologie gleichermaßen vom Hochwasserregime bestimmt wird. Die typische Au der Ostalpen – und damit des Nationalparks Hohe Tauern – ist die Grauerlenau. Namensgebend ist die Grauerle, eine Baumart mit besonderen Eigenschaften. Durch das ausgeprägte Wurzelsystem kann sich dieser Baum auch bei Überflutungen behaupten und vom Bach transportiertes Schwemmgut bzw. Bodenmaterial fixieren. Ihre Schnellwüchsigkeit und Regenerationsfähigkeit begünstigt sie gegenüber anderen Gehölzen. Als große Besonderheit ist die Grauerle in der Lage, den in der Luft vorhandenen Stickstoff durch eine Lebensgemeinschaft mit Strahlenpilzen im Wurzelsystem zu binden, und damit ihre Nährstoffbilanz deutlich aufzubessern. Großblättrige und üppig wachsende Kräuter sind kennzeichnend für den Unterwuchs von Grauerlenauen. In einem natürlichen Auwaldsystem ändert der Bach regelmäßig seinen Lauf und verändert fortwährend den Lebensraum. Diese hohe Dynamik bewirkt ein außerordentlich hohes Maß an Biodiversität.
Knabenkraut
Eine der artenreichsten und zugleich auch eine der schönsten Pflanzenfamilien weltweit ist die Familie der Orchideen. Ein relativ einfacher, grundsätzlicher Bauplan wurde im Zuge der Evolution vielfach abgewandelt und hat spektakuläre wie kuriose Anpassungen entwickelt. Die auffälligste Orchidee des Nationalparks Hohe Tauern und auch weiter Bereiche Mitteleuropas ist der Frauenschuh. Die Blüte des Frauenschuhs stellt eine sogenannte Kesselfallenblume dar. Sowohl die auffällige Farbe als auch ein aprikosenähnlicher Duft locken die Insekten an, die in der Folge auch die Bestäubung des Frauenschuhs vornehmen. Bei diesem Blütentyp spricht man von einer „Täuschblume“, da die Insekten weder Nektar noch sonst eine Nahrung im Blüteninneren bekommen. Es wird ihnen durch die Attraktivität der Blüte und den offerierten Duft ein reiches Nahrungsangebot nur „vorgegaukelt“. Vielleicht noch spektakulärer sind die Anpassungen der Ragwurz-Arten, von denen die Fliegen-Ragwurz auch im Nationalpark-Vorfeld und wahrscheinlich auch im Nationalpark Hohe Tauern selbst vorkommt. Bei der Blüte dieser Art handelt es sich um eine typische Sexual-Täuschblume. Die Blütenblätter, insbesondere die Lippe, imitieren das Aussehen von speziellen Wespen-Arten. Zusätzlich wird ein Duft verströmt, der Insekten-Männchen anlockt. Bei ihren Bewegungen werden ihnen die Pollen angeheftet, die beim nächsten Blütenbesuch zur Bestäubung führen. Als Nektar-Täuschblume wird auch das Holunder-Knabenkraut bezeichnet. Diese Orchidee signalisiert den vorbeifliegenden Insekten durch eine attraktive Blüte und durch einen dem Holunder ähnlichen Duft ein ebenfalls nicht vorhandenes Nektarangebot. Die Tiere reagieren auf diese Signale, besuchen die Blüten und nehmen dabei die Bestäubung vor, ohne jedoch entsprechend belohnt zu werden. Nicht selten tritt das Holunder-Knabenkraut im Nationalpark zusammen mit gelb- und rotblühenden Läusekrautarten auf, die einen ähnlichen Blütenstand besitzen, den Insekten jedoch reichlich Nektar anbieten. Das Knabenkraut blüht sowohl gelb als auch rot und zudem zeitlich vor den Läusekrautarten. Durch die frühere Blühphase und die Ähnlichkeit mit den nektarreichen Läusekrautarten gelingt die Täuschung und die Fortpflanzung ist gesichert.
Die Liste der Beispiele für die Biodiversität in Flora und Fauna des Nationalparks Hohe Tauern könnte noch lange fortgesetzt werden. Eine empfehlenswerte Zusammenfassung findet sich in der Biodiversitätsbroschüre 2024, die den Titel „Vielfältiges Leben. Biodiversität in den Hohen Tauern“ trägt. Diese neue Biodiversitätsbroschüre des Nationalparks dokumentiert den eindrucksvollen Artenreichtum. Sie stellt die unterschiedlichen Lebensräume und Organismen im Schutzgebiet spannend und leicht leserlich vor und widmet sich auch Aspekten wie dem Nutzen der Biodiversität bzw. der Frage, wie die Biodiversität erfolgreich und nachhaltig geschützt werden kann.
Biodiversität ist der wissenschaftliche Fachausdruck für eine faszinierende Eigenschaft des Lebens, eine neue Bezeichnung für eine eigentlich alte Tatsache. Der Fachbegriff leitet sich aus den Worten „Biologie“ (Lebenswissenschaft) und „Diversität“ (Vielfalt) ab. Er bedeutet schlichtweg „Vielfalt des Lebens“ und beschreibt die Tatsache, dass Tiere, Pflanzen, Pilze und Bakterien jede Chance zum Leben und ihrer Weiterentwicklung nutzen. Dadurch ist eine fast unglaubliche Vielfalt an Lebensformen entstanden!
Die Broschüre „Vielfältiges Leben. Biodiversität in den Hohen Tauern“ kann gegen einen Unkostenbeitrag von € 8.- (zzgl. Versandkosten) im Nationalparkshop unter www.hohetauern.at/shop bestellt oder unter parcs.at kostenlos online heruntergeladen werden.
Text: Redaktion, Fotos: © NPHT/Guggenberger, NPHT/Rieder, NPHT/Franz Dengg, NPHT/Hermann Muigg, NPHT/Kurzthaler