Anni Kratzer: Ein Leben für die Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol
Vor mehr als 25 Jahren hat Anni Kratzer die Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol gegründet. Nahezu täglich kämpft die 83-Jährige bis heute für das Leben anderer.
Das Journal sprach mit dieser außergewöhnlichen Frau anlässlich der heurigen Benefiz-Gala im Stadtsaal Lienz sowie der erfolgreichsten Charity-Aktion Osttirols an einem Tag, „Golfen mit Herz“, auf der Dolomitengolf-Anlage in Lavant.
Frau Kratzer, Sie führen seit mehr als 25 Jahren die Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol als Vereinsobfrau. Trotz schwerer persönlicher und familiärer Schicksalsschläge, die man/frau erst mal einmal ertragen muss, zeigen Sie so viel Mitleid, Empathie und vor allem Mitgefühl gegenüber den Schicksalen anderer Menschen?
Obwohl es einiges in meinem bewegten Leben zu bewältigen galt und gilt, habe ich meine Lebensfreude tatsächlich nie verloren. Ich wurde 1939 in Lienz geboren. Mein Vater, der aus Maria Luggau stammte, kam erst 1948 aus jugoslawischer Kriegsgefangenschaft zurück. Zehn Jahre lang wuchs ich hauptsächlich bei meiner Oma auf. Mit 18 – die Volljährigkeit lag damals bei 21 – wollte ich nach Deutschland, um dort zu arbeiten. Letztendlich gelang es meinem Vater, dies zu ermöglichen. Ich war dann drei Jahre lang in einem Kaufhaus in Rüsselsheim am Rhein in Hessen tätig. Eines Tages wurde ich von meinem Chef über einen Verkehrsunfall in Traunstein in Bayern informiert, wohin ich mich aufgrund der damit verbundenen Schreckensnachricht sofort begab: Mein Vater hatte mich – als Überraschung – gemeinsam mit meiner Tante und zwei weiteren Personen in Rüsselsheim besuchen wollen und verunglückte tragischerweise mit dem Auto. Meine Tante überlebte den Unfall nicht, mein Vater starb nach 17 Tagen im Spital.
Sie kehrten daraufhin wieder nach Osttirol zurück?
Ja, 1960 war das. Drei Jahre später heiratete ich meinen Mann Roman Kratzer. Wir blieben leider kinderlos. Roman arbeitete bei der TIWAG und war ein überregional bekannter Skispringer. Auf unserer früheren Sprungschanze hier in Amlach ist er z.B. auch gegen Weltmeister Josef „Bubi“ Pradl angetreten. Vor über 6.000 Zuschauern sprang er 1956, bei der Eröffnung der Schanze, über 65 Meter weit. Die Schanze gibt es heute leider nicht mehr.
In Ihrem Leben kam es in der Folge zu weiteren einschneidenden Ereignissen?
1980 kam der nächste Schicksalsschlag: Mein Mann Roman verstarb an einem Kopftumor. Einer schweren Krebserkrankung erlag zwei Jahre später auch mein Bruder, mit dem ich eigentlich gemeinsam die Leukämie-Hilfe gründen wollte. Ich habe beide acht Jahre lang betreut.
Aus diesen leidvollen Erfahrungen heraus resultiert wohl auch das Hauptmotiv für Ihr späteres Engagement im Kampf gegen diese „Geißel der Menschheit“. Heute gelten derartige Erkrankungen nicht mehr als unbesiegbar. Vor allem bei Leukämie, aber z.B. auch bei Brustkrebs, gibt es gute Behandlungsmethoden und Überlebenschancen?
Es gibt immer Hoffnung und man darf in so einer einschneidenden Lebenssituation nie den Mut verlieren! Die Betroffenen, ihre Familien und Angehörigen brauchen gerade in dieser schweren Zeit jede Unterstützung, die man ihnen nur geben kann. Gott sei Dank kann auch ich dabei helfen!
Wie kam es zur Gründung des Vereines „Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol?“
In meinem Leben gab es verschiedene Ereignisse, die mich dazu animierten, etwas zu tun: 23 Jahre lang war ich z.B. Leiterin der Katastrophenhilfe Österreichischer Frauen in Osttirol, kurz KÖF genannt. Die langjährige Obfrau in Tirol, Rosa Gföller, ersuchte mich um Übernahme der Bezirksleitung. Die Bezirksorganisation bestand in dieser Form bis zum Jahre 2013. Damals kam es in Virgen zu einer Hochwasser- und Murenkatastrophe. Wir haben daraufhin die Konten aufgelöst und konnten – in Zusammenarbeit mit Bürgermeister Ing. Dietmar Ruggenthaler – vielen Familien und Einzelpersonen helfen. 1997 wurde ich gebeten, die Leitung zuerst der Osttiroler Leukämiehilfe zu übernehmen, welche dann – über Ersuchen eines Osttiroler Kinderfacharztes – auch auf die Kinderkrebshilfe ausgeweitet wurde. Ursprünglich waren es also zwei Vereine mit eigenen Statuten, welche dann zusammengefasst worden sind.
In all diesen Jahren haben Sie mit Ihrem Team Großartiges geleistet und wurden dabei von unzähligen Musikern, Künstlern, Entertainern, Firmen und Organisationen in- und außerhalb unseres Bezirkes sehr unterstützt. Sie kennen die anfängliche Verzweiflung bei einer Krebserkrankung inzwischen selbst nur zu gut?
Vor etwa neun Jahren bin ich selbst erkrankt und muss auch heute noch zu regelmäßigen Behandlungen und Therapien ins Bezirkskrankenhaus Lienz. Ich musste aber auch viele Male nach Klagenfurt gefahren werden, sodass ich aus eigener Erfahrung weiß, was eine Krebserkrankung bedeutet. Ich habe selbst nie den Mut und den Willen verloren, diese Krankheit zu bekämpfen. Was soll ich auch klagen, andere haben oft noch viel größere Lasten zu tragen!
Bis dato konnte hunderten Menschen, darunter Kleinkindern ebenso wie Erwachsenen, aber auch deren Angehörigen, punktgenau und wirkungsvoll geholfen werden. Was waren bzw. sind Ihre wichtigsten Aktivitäten?
Neben unzähligen Spenden und Aktivitäten von Einzelpersonen, Service-Clubs, kirchlichen und karitativen Einrichtungen, Sport-, Kultur- und Brauchtumsvereinen, Schulen, Organisationen, Unternehmen, Gemeinden, Gemeindeverbänden und vielen anderen mehr, unterstützten uns bislang vor allem unsere Bilderversteigerungen, Konzerte und Spenden-Galen, wie z.B. unsere Benefiz-Gala im Lienzer Stadtsaal, mit vielen Musikgruppen und Einzelmusikern, darunter Marc Pircher oder Norbert Rier von den Kastelruther Spatzen. Diese begleiten uns schon seit vielen Jahren und so war z.B. Marc Pircher über meine Bitte hin auch bereit, eine Patenschaft für seinen Schützling David zu übernehmen. Es ist mir heute unmöglich, alle Sponsoren, Unterstützer und Gönner namentlich anzuführen. Auf unserer Homepage „Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol” kann vieles nachgelesen werden und wird auch ein guter Überblick über unsere Aktivitäten der vergangenen Jahre geboten.
„Herz am Berg“ im September 2021: (v.l.n.r.:) Kulturreferent GR Michael Riepler, Ausstellungskurator Dr. Johannes Hibler, Univ.-Prof. Dr.
Peter Lechleitner, BKH-Obmann Bgm. Dr. Andreas Köll, Anni Kratzer, BR Elisabeth Mattersberger und Auktionator Prim. Dr. Dritan Keta
In der dritten Septemberwoche hat vor Kurzem wieder „Golfen mit Herz“ stattgefunden, das – so wie die Benefiz-Gala – auch eine coronabedingte Pause einlegen musste?
„Golfen mit Herz“ ist eine Europäische Stiftung, die über Kontakte des langjährigen Krankenhausobmannes und Abgeordneten Dr. Andreas Köll vor etwa 19 Jahren auch nach Osttirol gebracht worden ist. Dieser hat gemeinsam mit dem früheren Ärztlichen Direktor, Primar Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner, den Ehrenschutz für diese Veranstaltung und die Mittelaufbringung übernommen. Professor Lechleitner steht uns auch medizinisch beratend zur Seite. Besonderer Dank gilt neben diesen beiden Initiatoren den Hamacher Hotels und Resorts in Lavant sowie dem Dolomitengolfclub Osttirol mit GF Hermann Unterdünhofen an der Spitze eines großen Teams. In dieser Zeit konnten nahezu alljährlich hohe Erlöse an uns übergeben werden. Letztes Jahr war coronabedingt leider nur eine kleinere Veranstaltung auf der Adlerlounge möglich. Gesamt konnte bislang über eine Million Euro für die Kinderkrebshilfe aufgebracht werden. Mit einem Spitzenwert von über 90.000 Euro im September 2019 dürfte dies wohl die erfolgreichste Charity-Aktion Osttirols an nur einem Tag sein. Etwa die Hälfte der Mittel wird bei uns im Bezirk aufgebracht und sodann von einer Stiftung mit Sitz in Liechtenstein „verdoppelt”. Für uns maßgeblich sind Vorstand Friedhelm Gruber, über den „Golfen mit Herz“ nach Osttirol kam, sowie Senator Sigmund Birnstingl, der uns als ehrenamtlicher Manager in Österreich begleitet. Durch „Golfen mit Herz“ können wir die Kinder gut abdecken, aber es gibt auch viele betroffene Erwachsene, z.B. krebskranke Mütter, deren Kinder oder Familien. Dafür können wir jetzt vor allem die Erträge der Benefiz-Galen einsetzen, die im Regelfall alle zwei Jahre stattfinden, sowie andere Spenden und Sponsorings.
Einen besonderen Schwerpunkt bilden Ihre Stammzellen- und Knochenmarkspende-Aktionen. Auch diese sind österreichweit einzigartig?
Gemeinsam mit dem Kernteam im Verein, das seit Anbeginn aus acht Personen besteht, konnten wir auch in diesem wichtigen Bereich ein großes Spendervolumen mobilisieren und tausende Menschen dazu bringen, sich für eine möglicherweise lebensrettende Knochenmark- oder Stammzellenspende typisieren zu lassen. Diese Typisierungen sind sehr teuer. Dafür haben wir in den letzten 15 Jahren tausende Euros eingesetzt. Insgesamt werden wir – zusammen mit „Golfen mit Herz“ – wohl über zwei Mio. Euro über unsere Aktivitäten erzielt haben. Zwischenzeitlich geht es aufgrund der medizinischen Weiterentwicklung hauptsächlich nur mehr um Stammzellenspenden. In enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bundesheer, für das ich 25 Jahre lang gearbeitet habe, konnten wir zahlreiche SpenderInnen bewegen.
Ehrenringübergabe im Jänner 2018: Mit Anni Kratzer freuten sich (v.r.n.l.): Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner, der Lienzer VP-Vizebgm. Kurt Steiner, Volksmusikstar Marc Pircher, die Lienzer Bürgermeisterin LA DI Elisabeth Blanik, SP-Vizebgm. Siegfried Schatz
Die Öffentlichkeit und Hunderte von Menschen, denen Sie geholfen haben, können Ihnen dafür wohl nicht genug danken. Im Jänner 2018 haben Sie von Bürgermeisterin LA DI Elisabeth Blanik den Ehrenring der Stadt Lienz als erste Frau überreicht bekommen. Was bedeutet Ihnen das?
Darüber habe ich mich, stellvertretend für mein ganzes Team, natürlich sehr gefreut. Besonders gefreut habe ich mich schon 2011 über ein Dankschreiben der Ärztlichen Leiterin der Österreichischen Knochenmarkspendezentrale, Univ.-Prof. Dr. Agathe Rosenmayr. Sie schrieb damals: „Ich danke Ihnen für alles, Frau Kratzer, was Sie für unsere Organisation und damit für PatientInnen mit Leukämie in der ganzen Welt viele Jahre lang getan haben. Sie sind eine der größten Sponsoren, die wir je hatten und haben dafür gesorgt, dass viele hunderte Menschen Spender und Lebensretter wurden. Die Leukämiehilfe Osttirol hat nicht nur Spender rekrutiert, sondern auch weiterführende Typisierungen von Spendern finanziert und darüber hinaus unglaublich viel Gutes für sehr viele PatientInnen getan. Ich wünsche Ihnen, dass das viele Gute, das Sie für hilfsbedürftige Personen, für Patienten, für Spender, unsere Organisation und unzählige Leukämiepatienten weltweit getan haben, zu Ihnen zurückkehren möge!“
Scheckübergabe bei „Golfen mit Herz“ im September 2022, im Bild: Hermann Unterdünhofen mit Anni Kratzer und Elvira Birnstingl (in Vertretung ihres Gatten)
Möchten Sie abschließend noch einen Dank aussprechen und die Kontonummer Ihres Vereines bekanntgeben?
Es ist mir natürlich nicht möglich, all unsere UnterstützerInnen und MitarbeiterInnen namentlich zu erwähnen, da ich ansonsten sicher jemanden vergessen würde. Also darf ich einfach nur allen danken, die uns in diesen mehr als 25 Jahren begleitet, uns nie im Stich gelassen und dazu beigetragen haben, dass viele Leben gerettet werden konnten. Mein Neffe, der Sohn meines verstorbenen Bruders, der mich letztendlich dazu bewegt hat, all diese Aktivitäten zu starten, ist zwischenzeitlich in den Verein eingetreten, sodass ich überzeugt bin, dass auch nach mir alles gut weitergehen wird!
Danke für das Gespräch!
Spendenkonto Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol:
Raiffeisenbank IBAN: AT47 3600 0000 0923 0806
BIC: RZTIAT22
Text: Osttirol Journal/KA, Fotos: © Brunner Images, Elias Bachmann, Dolomitengolf