90% der Gletscher erneut zurückgeschmolzen
Seit 1891 beobachtet der Alpenverein die Veränderungen in der heimischen Gletscherlandschaft. Rückgänge und seltene Vorstöße der Eisriesen werden analysiert.
Der Gletscherbericht 2012/2013, am 4.4. in Innsbruck von der Glaziologin Dr. Andrea Fischer präsentiert, macht deutlich, dass die Zungen der großen Talgletscher weiterhin enorme Rückgänge von bis zu 173 Metern aufweisen. Insgesamt ist jedoch eine geringere Abschmelzung als in den Vorjahren zu erkennen, und erstmals gab es sogar wieder zwei Vorstöße bzw. ist die Zahl der stationären Gletscher gestiegen. Der durchschnittliche Längenverlust der Gletscher betrug von 2012 auf 2013 15,4 Meter.
Dass unsere Gletscherlandschaft beharrlich schwindet, ist unbestritten. Auch im Berichtsjahr 2012/2013 sind 90 Prozent der heimischen Gletscher zurückgeschmolzen. Neu ist allerdings der Vorstoß von zwei Gletschern in der Granatspitzgruppe und in der Ankogel-Hochalmspitzgruppe. So sind das Kalser Bärenkopf-Kees und das Kleinelend-Kees erstmals wieder gewachsen (+2,5 Meter bzw. +1,8 Meter Länge). Sieben weitere Gletscher sind im aktuellen Beobachtungszeitraum stationär geblieben. Im Vorjahr waren 98 Prozent der Gletscher zurückgegangen, nur zwei Prozent waren unverändert geblieben.
Den verzögerten Gletscherrückgang im vergangenen Jahr begründet die Glaziologin Dr. Andrea Fischer (Bild links), Leiterin des Alpenverein-Gletschermessdienstes, mit den meteorologischen Extremen im Jahr 2013: „Die Starkniederschläge Anfang Juni haben bis zu eineinhalb Meter Schnee im Hochgebirge deponiert. Unter dieser Schutzschicht konnten die Gletscher die Rekordtemperaturen im Sommer besser überstehen und sind erst spät ausgeapert. Auch die Schneefälle im August und September haben die Schmelzsaison deutlich verkürzt.“ Während die hochgelegenen Gletscher von den Niederschlägen profitierten, mussten die Eiszungen in den Tälern aber auch im aktuellen Berichtsjahr enorme Längenverluste hinnehmen. Über 100 Meter schrumpften etwa der Schalfferner und der Gepatschferner in den Ötztaler Alpen (-173 bzw. -114 m). Sieben Gletscher sind um mehr als 30 Meter zurückgeschmolzen.
Starke Rückgänge wurden etwa beim Obersulzbachkees (-75,5 m), dem Niederjochferner (-47,5 m), dem Untersulzbachkees (-39,9 m) sowie bei der letztjährigen Rekordhalterin, der Pasterze (-41 m – im Vergleich zu -97,3 Metern im Vorjahr), registriert. Im Bild die Pasterze im Sommer 2013.
„Das Berichtsjahr 2013 war durch die meteorologischen Extreme wie Starkniederschläge und Temperaturrekorde extrem spannend. Es ist erfreulich zu sehen, wie schnell einzelne Gletscher wieder vorstoßen können. Auch wenn dies auch noch lange keine Trendumkehr darstellt, zeigt es, wie schnell kleine Gletscher reagieren“, kommentiert Gletscherforscherin Fischer die Daten aus dem Gletscherbericht des Alpenvereins.
Die Grafik zeigt die Abweichung des Niederschlags der Wintermonate 2012/2013 vom langjährigen Mittel 1971-2000. Quelle: www.zamg.ac.at
„Anhand der bemerkenswerten Datensammlung, die der OeAV seit 123 Jahren führt, können wir Langzeitvergleiche anstellen und damit auch klimatische Veränderungen belegen“, unterstrich Alpenvereinsvizepräsidentin Dr. Ingrid Hayek die Bedeutung der Gletscherberichte. Die Arbeitsgebiete des Alpenvereins seien zudem zunehmend von diesen Veränderungen betroffen: „Gletscherrückgänge haben immer größere Auswirkungen auf die Sicherheit hochalpiner Wege und die Trinkwasserversorgung hochgelegener Hütten.“
Das Gletschermessteam steht seit 2010 unter der Leitung von Dr. Andrea Fischer, tätig am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Zurzeit sind 20 ehrenamtliche „Gletscherknechte“ und zahlreiche HelferInnen für den Gletscherbericht im Einsatz.
Die wichtigsten Zahlen des Gletscherberichtes 2012/2013 im Überblick:
Die 15 stärksten Rückgänge (Längenverluste in Metern):
1. Schalfferner (Ötztaler Alpen): -173,3
2. Gepatschferner (Ötztaler Alpen): -114,0
3. Obersulzbachkees (Venedigergruppe): -75,5
4. Niederjochferner (Ötztaler Alpen): -47,5
5. Latschferner (Ötztaler Alpen): -45,6
6. Schmiedingerkees (Glocknergruppe): -43,9
7. Pasterze (Glocknergruppe): -41,0
8. Untersulzbachkees (Venedigergruppe): -39,3
9. Waxeggkees (Zillertaler Alpen): -35,0
10. Viltragenkees (Venedigergruppe): -29,5
11. Hornkees (Zillertaler Alpen): -26,0
12. Vernagtferner (Ötztaler Alpen): -22,6
13. Umbalkees (Venedigergruppe): -22,0
14. Langtalerferner (Ötztaler Alpen): -21,7
15. Hochjochferner (Ötztaler Alpen): -20,3
Stärkste Rückgänge pro Gebirgsgruppe in Metern:
1. Ötztaler Alpen: Schalfferner: -173,3
2. Venedigergruppe: Obersulzbachkees: -75,5
3. Glocknergruppe: Schmiedingerkees: -43,9
4. Zillertaler Alpen: Waxeggkees: -35,0
5. Stubaier Alpen: Alpeinerferner: -19,9
6. Silvrettagruppe: Ochsentaler Gletscher: -15,4
7. Dachstein: Hallstätter Gletscher: -15,2
8. Ankogel-Hochalmspitzgruppe: Kälberspitzkees: -8,0
9. Goldberggruppe: Ö. Wurten-Schareck- & Goldbergkees: -7,0
10. Granatspitzgruppe: Sonnblickkees: -6,4
11. Schobergruppe: Hornkees: -3,3
Die gesammelten Gletscherberichte und weitere Informationen zum Gletschermessdienst finden Interessierte unter www.alpenverein.at/gletscher
Text: J. Hilgartner, Fotos: OeAV/B. Seiser, G. Lieb

