8. Mai 2015: Würdige Gedenkveranstaltung
Am 8.5.1945 schwiegen in Europa die Waffen, Hitler-Deutschland kapitulierte. In Lienz gedachte man heute in feierlichem Rahmen der NS-Opfer und des Kriegsendes in Europa.
Der 8. Mai gilt in vielen europäischen Ländern als „Tag der Befreiung“, an dem der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa gedacht wird. Auch in der Osttiroler Bezirkshauptstadt Lienz war dieses denkwürdige Datum Anlass für eine feierliche Veranstaltung, die beim Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Pfarrplatz St. Andrä über die Bühne ging.
Bgm. Elisabeth Blanik: „Wir gedenken heute der Befreiung Österreichs vom Joch des Nationalsozialismus vor 70 Jahren. 2015 ist aber auch in anderer Hinsicht ein Gedenkjahr: 1915-2015 (100 Jahre Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn), 1955-2015 (60 Jahre Staatsvertrag und Erklärung der Neutralität Österreichs) und 1995-2015 (20 Jahre EU-Beitritt Österreichs).“
Nach der musikalischen „Einleitung“ durch das Quartett der Militärmusik Tirol betonte die Lienzer Bürgermeisterin LA DI Elisabeth Blanik, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte in Erinnerung zu halten, im gemeinsamen Widerstand gegen Unrecht, Gewalt und Krieg und für eine friedliche Zukunft. Elisabeth Blanik bedankte sich bei allen Personen, Institutionen und Einheiten, deren Zusammenwirken an der heutigen Gedenkfeier zeige, dass hier …„historisch-kritisch und generationenübergreifend gemeinsam an unserer Geschichte gearbeitet wird.“ Historiker Dr. Martin Kofler, Leiter des TAP Lienz-Bruneck, warf in seiner Ansprache einen Blick zurück, um den Anwesenden in Form einiger Streiflichter die damalige Situation vor Augen zu führen. Das heutige Osttirol war bis zum Ende des III. Reiches als Kreis Lienz dem NS-Gau Kärnten eingegliedert und dann bis 1947 noch Teil des Landes Kärnten. Noch am 19. und 26. April 1945 war Lienz „Gelegenheitsziel“ zweier verheerender US-amerikanischer Luftschläge gewesen – mit fast vollständiger Zerstörung des Bahnhofes und des heutigen Hauptplatzes (damals „Adolf-Hitler-Platz“). Furchtbare Kriegsende-Verbrechen wie in Ostösterreich seien, so Dr. Kofler, Osttirol zwar erspart geblieben, trotzdem hätten sich, als sich die Kapitulation des III. Reiches abzeichnete, auch hier die Ereignisse überschlagen. So habe z.B. am 3. Mai bei Zedlach in Matrei i.O. ein deutscher SS-Hauptsturmführer seine Frau, seine vier kleinen Kinder und dann sich selbst erschossen bzw. hätten auch in Sillian und Lienz mehrere NS-Verantwortliche den Freitod gewählt. In der ersten Maiwoche traf außerdem auch der riesige Tross der Kosaken im Lienzer Talboden ein, ein Ereignis, das schließlich in der furchtbaren Tragödie an der Drau mündete.
Dekan Mag. Bernhard Kranebitter (re. im Bild) und Pfarrer DI Mag. Hans Hecht sprachen ein „Gebet für den Frieden“.
Als Zeitzeuge und zum Mahnmal des Widerstandes gegen den NS-Terror trat Josef Wurzer, im 90. Lebensjahr stehend, ans Rednerpult. Er appellierte an alle, die in die Erziehung, Weiterbildung und Festigung der heutigen Jugend eingebunden sind, die Zukunftsträger auf die Versuchungen und Gefahren, die auf sie zukommen werden, aufmerksam zu machen und ihnen jenen Weg zu weisen, der weiterhin in eine friedvolle Zukunft führe.
„Österreich“, so Josef Wurzer, „braucht und verdient unsere ganze Kraft und Liebe, dieses unser Vaterland, die demokratische Republik Österreich!“
Im Gedenken an die NS-Opfer trug die BG/BRG-Schülerin Charlotte Winkler einen Auszug aus dem Abschiedsbrief der geborenen Osttirolerin Maria Peskoller (1944 wegen ihrer aktiven Unterstützung einer Partisanengruppe in Kärnten verhaftet und hingerichtet) an ihren Mann und ihre Kinder vor. BG/BRG-Schulsprecher Matthias Niedertscheider las die Namen aller bekannten Opfer der NS-Diktatur aus Osttirol vor (darunter Priester/Ordensleute, Sozialisten, Kommunisten, Deserteure, Zwangsarbeiter, Geisteskranke/Behinderte, Katholisch-Konservative). Neben dem Holocaust mit rd. sechs Millionen ermordeten Juden in den NS-Vernichtungslagern (darunter 65.459 österreichische Juden) hatten Hitlers Schergen auch mindestens 18.000 Menschen im Rahmen der „Euthanasie“, mehrere tausend Sinti und Roma sowie über 2.700 ÖsterreicherInnen als Widerstandskämpfer hingerichtet und weitere knapp 16.500 in den NS-Konzentrationslagern und fast 9.700 in Gestapo-Gefängnissen ermordet.
Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung erklang nach der Kranzniederlegung beim Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Pfarrplatz St. Andrä die österreichische Bundeshymne.
Text: E. Hilgartner, Fotos: Osttirol heute/HK, B.Lenzer
