Vom Interesse für altes „Glump“ zum Museumsleiter

Der gebürtige Matreier Mag. Karl C. Berger leitet als Nachfolger von Dr. Herlinde Menardi seit Jahresbeginn das Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck.

Aufgewachsen ist der neue Leiter des Volkskunstmuseums auf einem Bauernhof in der Matreier Fraktion Bichl. „Gelenzer lautet der Vulgoname unseres Hofes in dem von den Einheimischen mit ,Echlawossa‘ bezeichneten Ortsteil. Dass ich aus der Iseltaler Marktgemeinde stamme, führe ich übrigens in meiner Biographie immer an. Das ist mir wichtig“, erzählt Karl C. Berger.

„Heute lebe ich mit meiner Familie – meine Frau und ich haben drei Kinder – in Flirsch am Arlberg.“ Nach Volks- und Hauptschule in Matrei und dem BORG in Lienz studierte der Osttiroler Volkskunde und Politikwissenschaft an der Universität in Innsbruck. Später war er dort als Vertragsassistent und ab 2008 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Tiroler Landesmuseen im Volkskunstmuseum tätig. Mit Dr. Herlinde Menardi, welche die museale Einrichtung zu dieser Zeit leitete, bildete er nach eigenen Angaben ein sehr dynamisches Duo. „Dr. Menardi hatte den Museumsbestand – immerhin rund 40.000 Inventarnummern aus allen Teilen des alten Tirol – sehr gut im Blick. Gemeinsam entwickelten wir neue Ideen und konzipierten Ausstellungen, die vom bis dahin Üblichen abwichen.“

 

Mag. Karl C. Berger (links) mit seinen Vorstandskollegen vom Freundeskreis des Tiroler Volkskunstmuseums, HR DI Otmar Kronsteiner und HR Dr. Walter Brandmayer (rechts)

Mag. Karl C. Berger (links) mit seinen Vorstandskollegen vom Freundeskreis des Tiroler Volkskunstmuseums, HR DI Otmar Kronsteiner und HR Dr. Walter Brandmayer (rechts)

 

Die Ausstellung „Dreck“ etwa beschäftigte sich mit der Kulturgeschichte des Abfalls. Das Phänomen der Maske in verschiedenen Kulturen wurde in der Schau „Hinter der Maske“ mit Objekten aus Nord-, Süd- und Osttirol sowie dem Trentino thematisiert. Osttiroler Klaubauf-Larven waren in dieser Ausstellung genauso zu bewundern wie etwa Wächterfiguren auf Türschlössern. Die Schau stellte auch Verbindungen zu Fratzen her bzw. arbeitete die Maske als Ausdrucksmittel (z.B. im Fasching) heraus.

„Mehr als Worte – Zeichen, Symbole und Sinnbilder“ heißt die Sonderausstellung, die heuer bis 8. November im Volkskunstmuseum zu sehen ist. „Ob Verkehrszeichen, Logos, Piktogramme, Qualitätszeichen oder Emoticons am Handy – unser Alltag wird heute sehr stark von Zeichen und Symbolen bestimmt. Sie transportieren Informationen oft rascher, als dies durch Worte geschehen kann“, erklärt Karl C. Berger den Hintergrund der diesjährigen Sonderschau.

 

„Schein und Sein": Auch Figuren des berühmten Matreier Bildhauers Virgil Rainer sind im Volkskunstmuseum zu sehen.

„Schein und Sein“: Auch Figuren des berühmten Matreier Bildhauers Virgil Rainer sind im Volkskunstmuseum zu sehen.

 

Das Museum in der Tiroler Landeshauptstadt ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem früheren Gewerbemuseum entstanden. Heute beherbergt es die bedeutendste Sammlung von Kulturgut aus dem Alt-Tiroler Raum. „Der Fokus ist auf das Handwerk im Allgemeinen und auf bäuerliche Gerätschaften gerichtet. So können die Museumsbesucher etwa das Werkzeug eines Knopfmachers oder Zinngießers ebenso besichtigen wie Möbelstücke oder Beispiele aus der Glas-, Schlosser- und Schmiedekunst. Hinzu kommen Objekte der Volksfrömmigkeit, wie etwa Krippen oder Votivgaben. Ein großer Bestand an Tiroler Trachten rundet unser museales Angebot ab“, so Karl C. Berger.

 

„Mehr als Worte" - die heurige Sonderausstellung ist bis 8. November zu sehen.

„Mehr als Worte“ – die heurige Sonderausstellung ist bis 8. November zu sehen.

 

In seinen Verantwortungsbereich fällt übrigens auch die berühmte Hofkirche (Schwarz-Manda-Kirche) mit den 28 überlebensgroßen Bronzefiguren, die das Grabmal von Kaiser Maximilian I. flankieren. „Die Hofkirche gilt nicht nur als kulturhistorisch bedeutendster Sakralbau, sondern auch als wichtigstes Denkmal Tirols und als das großartigste aller Kaisergräber in Europa. Albrecht Dürer und Peter Fischer d. Ä. haben an der Ausführung mitgewirkt. Neben dem Grabmal Maximilians stellen die Ebert-Orgel, die Silberne Kapelle oder die letzte Ruhestätte von Andreas Hofer weitere besondere Highlights der Hofkirche dar“, fügt der Museumsleiter an, der in seiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit zahlreiche Artikel verfasst und Bücher publiziert hat. Er hat sich darin u.a. mit dem Klaubauf-, Krampus- und Perchtenbrauchtum, der Wiederbelebung von Trachten zu Beginn des 20. Jhs., der Erinnerungskultur der Kosaken, den Deferegger Teppichhändlern oder der Harpfe und ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild in früherer Zeit beschäftigt. Für das Sillianer Gemeindebuch verfasste der Leiter des Volkskunstmuseums den Abschnitt „Von der Tradition zur Erneuerung“, und auch das Gutachten für die UNESCO-Bewerbung des Opferwidders von Virgen und Prägraten stammt aus seiner Feder.

 

„Das Prekäre Leben"

„Das Prekäre Leben“

 

Vier Fragen an Karl C. Berger

Woher kommt die Faszination für Volkskunde, die Ihren beruflichen Weg geprägt hat?

Schon als Kind hat mich interessiert, was früher war oder warum etwas so ist, wie es ist. Ich konnte stundenlang zuhören, wenn ältere Matreier von vergangenen Zeiten erzählten. Im Alter von 10 oder 12 Jahren begann ich mich mit der eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen. Ich trug zuhause altes „Glump“ zusammen bzw. fuhr mit dem Fahrrad zu jenen Höfen, auf denen meine Vorfahren lebten. Vieles war bereits verschwunden, was ich damals als Verlust empfand. Irgendwann hat mir die Suche nach den familiären Wurzeln nicht mehr genügt. Ich wollte auch die größeren Zusammenhänge verstehen. Nach der Matura entschied ich mich für das Studium der Volkskunde, in das ich mit ganz falschen, romantischen Vorstellungen startete. Letztendlich hat es mich aber zu einem allgemeinen und auch kulturtheoretischen Interesse für die historische und gegenwärtige Kultur hingeführt.

Welche Pläne verfolgen Sie als neuer Leiter des Museums? Was streben Sie an?

Inhaltlich wollen wir das Profil des Volkskunstmuseums stärken, was wir über die Erarbeitung volkskundlich-kulturgeschichtlicher Themenbereiche und über einen Brückenschlag zur gegenwärtigen Kunst erreichen wollen. Wir wollen zeigen, dass das Vergangene nicht etwas Abgeschlossenes ist, sondern in die Gegenwart (und damit in unseren Alltag) hineinreicht und diese auch mitbestimmt. Schließlich – und das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit – geht es darum, die Hofkirche als kunsthistorisch und politisch bedeutendste Kirche Tirols zu präsentieren.

Wie soll die Zukunft des Tiroler Volkskunstmuseum aussehen?

Das Museum soll ein Begegnungsort, ein Treffpunkt für Jung und Alt, werden, in dem man sich wohlfühlt und dessen Besuch Freude macht. Ein Museum muss außerdem ein Ort des Gesprächs und der Diskussion sein. Dies gilt insbesondere – aber nicht nur – für junge Menschen, die üblicherweise mit „Museum“ nur wenig anfangen können. Diesbezüglich haben wir auch schon erste Aktionen gestartet: So soll im Rahmen der Ausstellung „Mehr als Worte“ in Zusammenarbeit mit der Ferrari-Schule wieder eine Modeschau stattfinden. Auch ein Poetry-Slam steht auf dem Programm. Die Schwelle zum Museum, die oftmals eine Barriere ist, soll so leichter überschritten werden. Wir wollen Personengruppen ansprechen, die sonst nie zu uns gefunden hätten.

In aktuellen Ausstellungen wird mittels Objekten aus Tirol auch auf überregionale Phänomene hingewiesen. Können Sie den Zusammenhang erklären?

Wir verfügen im Volkskunstmuseum über einen großen Bestand an Objekten, die aus allen Teilen Tirols stammen. Mit diesen regional verortbaren Dingen wollen wir verstärkt Themen ansprechen, die überregional von Interesse sind und aufzeigen, dass Kultur selbst in der entlegensten Region mit überregionalen Phänomenen verbunden ist.

 

„Das Pralle Leben"

„Das Pralle Leben“

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Volkskunstmuseum, Wolfgang Lackner

17. Juni 2015 um