„Kunst kommt nicht vom Können, sondern vom Müssen!“
So lautete das Credo des oft als „Getriebener“ charakterisierten Künstlers Herwig Zens, der zu den bedeutendsten Zeichnern, Grafikern und Malern Österreichs des 20. Jh. zählt. Mit Osttirol verband Zens eine besondere Affinität.
Kals am Großglockner wurde ihm zu einer zweiten Heimat und mit seinen Gastgebern, der Familie von Alt-Bürgermeister Klaus Unterweger, war er bis zu seinem Tod befreundet. Herwig Zens stellte auch mehrmals in Osttirol aus – erstmals vor genau 50 Jahren in Lienz in der Galerie Kristein. Für Osttirol heute hat sich Kunsthistoriker Rudolf Ingruber auf die Spuren des außergewöhnlichen Kunstschaffenden begeben.
Zens selbst hatte 1966 die Lehramtsprüfung für Bildnerische Erziehung, Geschichte und Werkerziehung abgelegt. Zehn Jahre später sollte er den Kunstunterricht an Österreichs Allgemeinbildenden höheren Schulen nachhaltig prägen: Mit einem Projekt, das Schülerinnen und Schülern durch ein umfangreiches Mappenwerk mit 1.500 Bildern und Karten auf insgesamt 400 Seiten, die man gezielt für spezifische Lehreinheiten auch einzeln verwenden konnte, versorgte.
Berg Athos (2002)
Aber nicht der Bruch mit der Tradition des gebundenen Buches, sondern ein Übermaß an außereuropäischen Kulturen zu Lasten von Gestaltungsprinzipien und Qualitätskriterien wurde seitens des Unterrichtsministeriums missbilligt. Geworden ist daraus schließlich die mit dem Allerweltstitel „Begriffslexikon zur bildnerischen Erziehung“ entschärfte Version, die ab 1976 auch tatsächlich zum Einsatz kam. Das bedeutete allerdings zweierlei: Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher waren nun aufgefordert, das Fach weiter zu fassen, als sie es womöglich aufgrund der eigenen Ausbildung gewohnt waren, und die Jugend zwangsläufig auch mit der Kunst der beiden Autoren – neben Zens auch noch Walter Stach – zu konfrontieren.
Herwig Zens wurde 1943 im südlich von Wien gelegenen Markt Himberg geboren. Ab 1961 besuchte er die Akademie der bildenden Künste, an der er 1967 auch das Diplom als Maler erwarb. Schon während der Studienzeit faszinierten ihn die dunklen, unergründlichen Seiten der Conditio humana, die ihm unübertroffen im Werk des Spaniers Francisco de Goya, namentlich in dessen „Schwarzen Gemälden“ begegneten: Pilger- und Hexenfahrten, verführerische Frauen, prügelnde Männer und natürlich der Tod. Dabei war die erste Begegnung mit dem Spanier zunächst von einer Niederlage getrübt. Zens‘ Zeichenlehrer hatte dem Siebzehnjährigen – „an und für sich ein schlechter Schüler, der aber in Zeichnen mit weitem Abstand der Beste der Klasse war“ – ein Bild vorgelegt, das dieser beim besten Willen nicht zuordnen konnte. „Saturn verschlingt seine Kinder“, das wahrscheinlich berühmteste der „Pinturas negras“, hatte dem Jugendlichen jenen Stachel ins Fleisch gebohrt, den auch noch der „alte“ Mann mit sich herumtragen sollte. „Für einen Arzt sehr schwer, der ist nicht zu fassen“, lautete die Diagnose des Internisten, Diabetologen und Rheumatologen Attila Dunky, der Zens einmal als „Totentänzer“ beschrieb.
Totentänze, das sei hier hauptsächlich deshalb bemerkt, weil es in den zahllosen Abhandlungen meist unter den Teppich gekehrt wird, malte schon in den späten 1920erJahren Franz Elsner, Zens‘ Professor an der Akademie. Allein anhand dieses Themas ließe sich zeigen, wie die Entwicklung vom Expressionismus zur Abstraktion eine allgemeine, für Österreichs Kunst charakteristische Tendenz der 1960er- und 1970er-Jahre widerspiegelte.

Schon während seiner Studienzeit faszinierten ihn die dunklen, unergründlichen Seiten der Conditio humana, besonders inspiriert von den Werken Francisco de Goyas (rechts im Bild Goyas „Saturn verschlingt seine Kinder“; links: Herwig Zens „Totentanz“).
Goyas Spätwerk hatte Herwig Zens auch stilistische Bahnen gewiesen. Ein großzügiger, offener Pinselstrich, nur scheinbar spontanen Eingebungen folgend, übersetzt nicht nur mit den Augen Erschautes, sondern blickt vor allem in die seelischen Abgründe, auch in die eigenen. Da Zens aber nicht zuletzt vom Wiener abstrakten Expressionismus herkam, zog es seine Malerei eindeutig zu letzterem hin, und um sich darin nicht ganz zu verlieren, verstand er seine Auseinandersetzung mit Alten Meistern doch als intellektuelle Etüde: „Das Paraphrasenmachen ist meiner Meinung nach ein Nachdenken über Bilder. Deswegen werden Sie von denkfaulen Malern auch nie Paraphrasen finden.“ Als ein ehemaliger Schulkollege ihn anlässlich des 15-jährigen Bestehens einer Bankfiliale um Ausstellungsobjekte bat, variierte Zens fünfzehnmal das Gemälde eines anderen Spaniers, das er für den Ort besonders geeignet hielt: In Antonio de Peredas Vanitas-Stillleben, das er zufällig im Kunsthistorischen Museum entdeckte, werden Geld, Gold und Juwelen u. a. von einem Stundenglas, einer erloschenen Kerze und ganzen vier Totenschädeln begleitet. Doch nicht der minutiös vorgetragene Hyperrealismus Peredas, sondern die Dynamik hinter der scheinbar sachlich-nüchternen Aufzählung vergänglicher Dinge inspirierte Zens, der es bevorzugte, an mehreren Bildern gleichzeitig zu malen.

Antonio de Peredas „Vanitas“ (Bild oben) inspirierte Herwig Zens zu einer 15 Variationen umfassenden Serie (Bild unten)
Nicht von vornherein und nicht immer öffnet die Paraphrase den Zugang zu fremder Kunst, immer jedoch zelebriert sie die kultiviert-subjektive Malerei ihres Übersetzers. Vage Erinnerungen an die Motive des Vorbilds können da manchmal mehr stören als erhellen. Und wenn sich der Kunstvermittler als Künstler, wie in dem Film „Zens – Vienna“, bei der Arbeit über die Schulter blicken lässt, hat sein ekstatisch fuchtelnder Gestus, simultan von drei oder mehr Leinwänden gefordert, am Ende seine Zuschauer hauptsächlich auf der Malerhose mit dem reinsten Exempel informeller Kunst überrascht. „Kunst kommt nicht vom Können, sondern vom Müssen“, so lautete das Credo des von Bewunderern wie Kritikern als „Getriebener“ charakterisierten Künstlers.
Er muss ein sehr bescheidener Mensch gewesen sein, denn wir Schüler:innen wussten nichts von seiner künstlerischen Tätigkeit“, lautete ein Eintrag ins Kondolenzbuch für den am 24. September 2019 verstorbenen Künstler. Offenbar war es diesem gelungen, seinem künstlerischen Oeuvre einen fruchtbaren Boden zu bereiten, auch ohne den eigenen Namen explizit damit in Verbindung zu bringen. „Wer ist Zens?“, fragt ein auf YouTube abzurufender Clip. „Der Unbekannte“ untertitelte die Stadtgalerie Wiener Neustadt einen (kurz-)filmischen Nachruf, der Zens gleichwohl „zu den bedeutendsten Zeichnern, Grafikern und Malern Österreichs“ rechnet.
Bevor wir uns den fast vierzig Jahren zuwenden, die Herwig Zens zumindest anfänglich praktisch inkognito in Kals am Großglockner zugebracht hat, sei das Zeugnis eines anderen Künstlers bemüht, der sozialgeografisch sozusagen von der anderen Seite herkommt: Für den Wiener Maler, Semiotiker und Typografen mit Osttiroler Wurzeln, Martin Tiefenthaler, war das Understatement seines einstigen Studiengangsleiters für bildnerische Erziehung in dessen „unbeeindrucktem Umgang mit Autoritäten“ begründet: „Das ist eine wesentliche Lehre im Umfeld von Pädagogik.“ „Der Studierende will jemanden haben, der ihm sagt, was er machen soll, damit er das Gegenteil machen kann“, lautete eine nicht unwesentliche Erkenntnis des Akademieprofessors Zens. „Das heißt, er weiß, was er nicht tun darf. Das ist ja das Schöne!“
Zens-Arbeiten v.l.n.r.: „Der Tod und das Mädchen“ (2009), „Spiegelgesicht“ und „Tod und strenge Domina“ (2009)
Zunächst war er ein eher verschlossener Gast, der nicht das Bedürfnis hatte, sich in irgendeiner Weise mitzuteilen, sondern der offensichtlich die Auszeit suchte und sich in den Bergen erholen und entspannen wollte“, erinnert sich der Kalser Altbürgermeister Klaus Unterweger, in dessen Pension „Spöttlinghof“ Herwig Zens manchmal sogar zweimal im Jahr seinen Urlaub verbrachte, zurück. Mit der Zeit jedoch knüpfte er Freundschaften und nahm auch aktiv am Dorfgeschehen teil. „Man hat mit ihm das Gespräch gesucht und er hat Leute vermittelt, die für uns eventuell Arbeiten ausführen hätten können. Da war ihm niemand zu prominent. So kam zum Beispiel auf seine Empfehlung auch Architekt Raimund Abraham nach Kals“, berichtet Klaus Unterweger. 1977 begann Herwig Zens seinen Arbeitsalltag, seine Reisen, seine Beziehungen Tag für Tag in Wort und Bild mit der Radiernadel auf Kupferplatten zu zeichnen: 2005 ließ er die ersten 28 Jahre in einem Stück auf Aquarellpapier drucken. Bis zu seinem Tod im Jahr 2019 führte Zens dieses Projekt fort. Das überwältigende Druckwerk gilt heute als längste Radierung der Welt, die lediglich in drei Ausführungen existiert. Unter dem Motto „Das Monster ist geglückt“ waren Teile davon im vergangenen Jahr im Kunsthistorischen Museum in Wien ausgestellt. Auszüge mit Kals-Bezug sind im Haus de Calce in der Osttiroler Glocknergemeinde zu sehen. Was dort noch zu sehen ist, ist ein Triptychon, das Dr. Gerda Zens nach dem Ableben ihres Mannes der Gemeinde Kals als Dauerleihgabe überließ. Es stammt aus der Zeit, als Zens sich mit einer seiner monumentalsten Aufgaben, der Paraphrase des „Lübecker Totentanzes“, einem Bilderzyklus aus dem Spätmittelalter, befasste.
Triptychon (in der Gemeinde Kals als Dauerleihgabe zu sehen)
Herwig Zens war ständig auf Reisen, vorzugsweise in Spanien, Italien und Griechenland. Neben Wien wurde ihm Kals am Großglockner zur zweiten Heimat. „Bin wieder am Berg Athos“, schrieb er einmal eine Postkarte an seinen Freund Klaus Unterweger. „Ich bete vergeblich um Vergebung der Sünden der Osttiroler Bürgermeister und Kalser Entscheidungsträger“ – und machte damit deutlich, dass ihm die Entwicklung insbesondere in Kals sehr am Herzen lag und er sich mit Entwicklungen im Bezirk Lienz durchaus kritisch auseinandersetzte.
Seit 2021 gibt es den Herwig-Zens-Platz im ersten Wiener Gemeindebezirk, in unmittelbarer Nähe zum Gymnasium Hegelgasse, an dem Zens als Kunsterzieher gewirkt hat. Michael Ludwig, in einem seiner ersten Interviews als Wiener Bürgermeister nach dem größten lebenden Künstler Österreichs gefragt, gab im Brustton der Überzeugung zur Antwort: „Herwig Zens!“ Einige Tage später gab dieser in derselben Zeitung zu Protokoll: „Was kann das nur für ein Politiker sein, der glaubt, dass ich der bedeutendste Künstler Österreichs bin?“
Text: Rudolf Ingruber, Fotos: privat, Auktionshaus im KinskyGmbH, KHM Wien


