Kollreider-Sammlung in Kartitsch: Waltraud Lussers einzigartiger „Schatz“
Mit rund 450 Gemälden, Zeichnungen und Skizzen besitzt die Kartitscherin Waltraud Lusser eine außergewöhnliche Sammlung von Werken Oswald Kollreiders, der zu den bedeutendsten Tiroler Malern nach 1945 zählt.
Waltraud Lusser ist nicht nur eine leidenschaftliche Kunstsammlerin, sondern war auch eine langjährige Freundin des Malers Oswald Kollreider. In Kartitsch bewahrt sie heute ein beeindruckendes Erbe: Eine Sammlung von etwa 450 Werken des Pustertaler Kunstschaffenden. Für ihn war das Hotel Sonnblick über viele Jahre hinweg ein Ort der Inspiration und des Rückzugs. Bis heute zieren seine Werke die Räume des Hauses – als stille Zeugen der tiefen Verbundenheit zwischen der Sammlerin und dem Maler.
„Jedes Bild erzählt seine eigene Geschichte“, betont die Kartitscherin, während sie ihre einzigartige Sammlung zeigt. Diese besteht hauptsächlich aus Werken von Oswald Kollreider, enthält aber auch Arbeiten anderer Künstler. So hängt z.B. neben ihren beiden Lieblingsbildern – selbstverständlich Werke von Kollreider – ein Original von Paul Flora.
„Mein Mann Josef und ich waren mit Ossi sehr gut befreundet. Er hat in unserem Haus viel Zeit verbracht, insbesondere wenn er von seinen ausgedehnten Reisen zurückgekehrt ist. Wann immer er es wünschte, haben wir ihm ein Zimmer bereitgestellt – es war immer dasselbe“, erzählt Frau Lusser. 1962 heiratete sie und eröffnete gemeinsam mit ihrem Mann im selben Jahr die Pension Sonnblick, die später als Hotel geführt wurde. „Damals hing im ganzen Haus kein einziges Bild. Wir baten Ossi, uns einige seiner Arbeiten zur Verfügung zu stellen. Auch später haben wir ihm immer wieder Bilder abgekauft. Ich liebe seine Kunst, fasziniert hat mich aber immer auch seine gewinnende Persönlichkeit. In Ossis Gegenwart musste man sich einfach wohlfühlen. So hat sich auch diese besondere Freundschaft zwischen ihm, meinem Mann und mir entwickelt.“

Waltraud Lusser erzählt, dass sie und ihr Mann den Künstler beauftragten, Porträts ihrer Söhne Josef, Andreas und Klaus anzufertigen – sowohl im Kindesalter als auch als Jugendliche. „Jedes Mal, wenn ich von Ossi ein Bild geschenkt bekam, habe ich ihm auch eines abgekauft. Später, bei der Geburt unserer Enkelkinder, haben wir unseren Malerfreund erneut Porträts anfertigen lassen und diese unseren Söhnen geschenkt“, so die Lesachtalerin.

Oswald Kollreider sei ein liebenswerter, herzlicher und besonders hilfsbereiter Mensch gewesen. „In der schwierigen Zeit, als mein Mann verstarb, stand er mir bei vielen Angelegenheiten hilfreich zur Seite. Mit seiner außergewöhnlichen Handschrift hat er auch die Parte gestaltet. In Kartitsch engagierte er sich bei verschiedenen Kirchenfesten und diversen Veranstaltungen und stellte dafür auch Bilder zur Verfügung – natürlich immer ohne Bezahlung.“

Mit leuchtenden Augen erzählt Frau Lusser auch von den ausgedehnten Reisen Kollreiders: „Er war ein offener und neugieriger Mensch, der auf die Leute zuging. Ossi hat alle Kontinente – außer Australien – bereist und konnte sich überall gut verständigen, obwohl er keine Fremdsprachen beherrschte. Viel gereist ist er auch mit Pfarrer Alfons Senfter aus dem Gschnitztal. Zwei Mal hatte ich das Vergnügen, mit ihnen nach Jerusalem zu reisen.“

Kollreiders Werke prägen die Wände des Hotels Sonnblick – insbesondere den Speisesaal, der wie eine große Galerie wirkt. „Als mein Mann verstarb und ich in eine Wohnung umzog, hat mir Ossi im Badezimmer ein wunderschönes Sgraffito gestaltet. Ich bin glücklich und dankbar, dass mein Mann und ich so viel Zeit mit ihm verbringen durften. Oswald Kollreider war und ist ein wichtiger Teil meines Lebens“, meint Waltraud Lusser abschließend.

Oswald Kollreider (1922 bis 2017) zählt zu den wichtigsten Tiroler Malern nach 1945. Seine Werke umfassen Porträts, Landschaften, Akte und religiöse Motive, die er in verschiedenen Techniken wie Kohle, Aquarell, Tempera und Öl schuf. Besonders bekannt ist er für seine Sgraffiti (Technik zur Wandgestaltung, Kratzbild), die in vielen öffentlichen Räumen in Osttirol zu finden sind. Seine persönliche Handschrift zeigt sich insbesondere auch in seinem umfangreichen zeichnerischen Werk.
Oswald Kollreider wuchs in St. Oswald, Gemeinde Kartitsch, in einer Bergbauernfamilie auf. Mit 18 Jahren wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und 1943 schwer verwundet. Ab 1944 studierte er – mit Unterbrechung durch den Besuch der Zeichen- und Malschule von Toni Kirchmayr in Innsbruck – an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Kollreider wurde Anfang der 1950er-Jahre in das Ruhrgebiet eingeladen, um die Arbeit und das Leben der Bergleute im Kohleabbau zu dokumentieren und künstlerisch darzustellen. Dieser Aufenthalt in Deutschland eröffnete ihm weitere Ausstellungen und Studienreisen.
Zusammen mit seiner Schwester Theresia verlegte er seinen Wohnsitz 1960 nach Strassen. Charakteristisch für die folgenden vier Jahrzehnte war eine intensive Reisetätigkeit in viele Länder dieser Erde. Zu den Höhepunkten zählten die Teilnahme an der Österreichischen Hindukusch-Expedition im Jahr 1969 und eine Afrikadurchquerung (1972/73). Reisen führten ihn auch in die Türkei, nach Spanien, nach Südamerika und besonders nach Israel und Ungarn. Überall fand der Maler aus Osttirol Material und Anregungen für sein künstlerisches Schaffen.
Für sein Werk und sein Engagement in Kirche und Gesellschaft erhielt er bedeutende Auszeichnungen – dazu zählen u.a. der Berufstitel „Professor“, das Ritterkreuz des Päpstlichen Silvesterordens, das Silberne Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich sowie die Verdienstmedaille und das Verdienstkreuz des Landes Tirol. Der „Oswald Kollreider Künstlerweg” in Kartitsch ist eine Hommage an sein Lebenswerk und zeigt zahlreiche seiner Werke entlang eines Wanderweges.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Elias Bachmann





