Friedenssiedlung in Lienz: Kunst als mitgedachter Teil des Siedlungsbaus

Die Idee zu sozialem Wohnbau wurde speziell in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Verantwortung getragen, Menschen in prekären Lebenssituationen zu unterstützen. Ein Beitrag der Kunsthistorikerin Eleonara Bliem-Scolari.

Bereits während der Planung und ersten Bauphase der Mehrparteienhäuser ab 1955 am sogenannten Rohracherfeld, einem rund 24.000 m² großen, infrastrukturell bis dahin nicht erschlossenen Grundstück im Südwesten der Stadt Lienz, zählte die von der Tiroler Landesregierung 1949 verordnete „Kunst am Bau“-Initiative zum integrierten Teil auch dieser Siedlungsentwicklung. Zwei Künstlerinnen und sechs Künstler mit Tirolbezug erhielten zwischen 1956 bis 1968 sowie 2010 den Auftrag zur monumentalen bzw. skulpturalen Ausgestaltung der Fassadenareale und Grünflächen.

 

1962: Blick in den Siedlungsbereich der Häuser rund um den Sterzinger Weg in der Lienzer Friedenssiedlung: Foto: Alois Baptist; Sammlung Foto Baptist – TAP

 

Werke von Franz Walchegger als Vertreter der österreichischen Moderne der Nachkriegszeit, Gottfried Fuetsch und seine Tendenzen einer skulptural-kubistischen Formlösung oder die zeitgenössischkonzeptuelle Kunst von Peter Niedertscheider sind Beispiele dieser vorerst verpflichtenden und später optionalen Kulturinitiative. Das seinerzeit vom Bauträger, der Bau- und Siedlungsgenossenschaft „Frieden“, und den ausführenden Tiroler Architekten Karl Haas und W.A. Schwaighofer jurierte künstlerische Programm orientierte sich an der Komponente des geförderten sozialen Wiederaufbaus mit Einbezug der „Mensch und Familie“-Grundthematik.

In unmittelbarer Anlehnung an die international organisierte, finanzielle Unterstützung dieses Großbauprojektes nahm der Osttiroler Kirchenmaler und Restaurator Sepp Defregger (1908-1957) den Akt der „Hollandspende“ 1956 an der Ostfassade des Hauses Sterzinger Weg Nr. 7 im monumentalen Secco inhaltlich auf. Die Darstellung des Siedlungsbaus als Zeichen des Neuanfangs, das Wappen der Niederlande und schließlich die Familie auf Herbergssuche nach den Wirren des Krieges wurden hier in traditionell-naturalistischer Bildsprache angedacht, wobei die qualitative Wertigkeit dieser Genreszene weniger mit der künstlerischen als der sozialhistorischen Relevanz gegeben ist.

 

1956: Sepp Defregger, Erinnerung an die „Hollandspende“, Secco an der Südostfassade des Hauses Sterzinger Weg Nr. 7. Foto: Martin Lugger

 

Zeitgleich dazu wählte an der nordwestlichen Hausfassade dieses Baukörpers der Maler und Grafiker Oswald Kollreider (1922-2017) aus St. Oswald/Kartitsch die Technik des Sgraffitos, um über zwei Etagen das Motiv des „Musizierenden Trios“ (1956) auszuführen. Als dynamisch gestaltetes Arrangement im Kratzputz-Verfahren wirkt der unbefangene Inhalt heiter, die stilistische und technikbedingte Ausführung in drei Farben und ohne Schatteneffekte verstand Kollreider hingegen nicht verspielt, sondern abstrahiert und auf das Wesentliche der figurativen Form konzentriert umzusetzen.

Ein der raschen Bauweise bzw. der Durchfeuchtung des Mauerverputzes geschuldetes Malheur am folgenden Häuserblock machte es für den Lienzer Maler und Grafiker Franz Walchegger (1913-1965) unumgänglich, den Bildauftrag für das Fresko an der Nordwest-Fassade am Sterzinger Weg Nr. 9 ein Jahr später, jedoch mit neu überdachter motivischer Gestaltung, auszuführen. Das ursprünglich für 1956 konzipierte figurale Wandbild „Die Begegnung“, in Keim-Mineralfarben aufgebracht, wurde noch vor der Einweihung der Siedlung am 29. Oktober 1956 vom Regen ausgewaschen.

 

Nordwestlicher Teil der Wohnblöcke Sterzinger Weg Nr. 1 bis Nr. 15 mit Werken von Oswald Kollreider und Franz Walchegger. Foto: Martin Lugger

 

Im folgenden Spätsommer 1957 moderierte Franz Walchegger jedoch mit dem Bildtypus „Die Lebensalter“ an dieser Fassade über das weitere künstlerische Gefüge hinaus. Walchegger verweigerte in dieser figural abstrahierten Komposition annähernd tiefenperspektivische Verdichtungen und bediente sich anhand monochromer, geometrischer Farbfelder, Lebensabschnitte beschreibend, eines gestaffelten Bildaufbaus.

Das formale Bild der Familie wird durch die Kolorierung definiert, von leuchtendem Blau und Gelb zu dunklem Ocker hin zu sattem Violett. Die Konnotation einer sakralen Ebene wurde vom Maler bestimmt provoziert: Das frontal dargestellte Paar mit Kind wird zum Abbild der Familie einerseits und andererseits im Typus des  „Heiligen Wandels“ auf eine höhere Ebene gestellt. Im Zyklus der Lebenszeiten wird das Synonym eines alten Mannes mit Stock und der Farbe Violett des liturgischen Farbkreises an den Rand und bildlich angeschnitten gefügt. Das Fresko gilt als markantes Beispiel für die avantgardistischen Tendenzen Franz Walcheggers und gleichsam für die Kunst der österreichischen Moderne der Zeit nach 1945.

 

1956: Hedwig Wagner, „Hl. Christophorus mit dem Lebensbaum des Mannes“, Sgraffito mit Secco-Malerei, Haus Sterzinger Weg Nr. 8. Foto: Martin Lugger

 

Am dritten Wohnblock der ersten Bauphase, am Sterzinger Weg Nr. 6 und Nr. 8, erhielt die in Hall in Tirol geborene und in Virgen in Osttirol aufgewachsene Malerin und Mosaizistin Hedwig Wagner (1922-2014) den Auftrag, die Fassaden zwischen den Fensterreihen beider Eingangsportale mit den Motiven „Hl. Christophorus mit dem Lebensbaum des Mannes“ und „Der Lebensbaum der Frau, begleitet von spielenden Kindern“ allegorisch zu gestalten. Wie Oswald Kollreider wählte sie das Sgraffito, wobei sie für einzelne Passagen der erdbraunen Komposition mit Reliefcharakter in Secco-Malerei ausführte, wodurch die Großformate an Plastizität gewannen. Stilistisch entspricht ihre Kunst dem Duktus der Zeit sowie in Anklängen ihrer Ausbildung in Wien bei Albert Paris Gütersloh.

Wie der weibliche Part der Darstellung wurden in späteren Jahren übrigens auch zahlreiche, neben den Eingangsportalen applizierte Majoliken der Künstlerin aufgrund von Dämmschutzmaßnahmen leider abgedeckt bzw. zerstört.

Mit Aufträgen für zwei Fassadengestaltungen an die in Wien geborene Malerin und Buchillustratorin Gertrud Purtscher-Kallab (1913-1995), die für viele Jahre in Lienz lebte, fand die erste künstlerische Gestaltungsphase ihren Abschluss: 1956 erfuhr an der Südwest-Fassade des Hauses Sterzinger Weg Nr. 15 das sakrale Motiv „Hl. Martin mit dem Bettler den Mantel teilend“ eine grafisch betonte, naturnahe und gefällige Interpretation des biblischen Gleichnisses, ebenso wie das 1958 aufgetragene Secco „Der barmherzige Samariter — Schwedenhaus“ an der Südwest-Fassade am Wohnblock Salurner Straße Nr. 33. Augenscheinlich haben im Laufe der Zeit beide Werke an ihrer zur Entstehungszeit beschriebenen „lebhaften“ Farbintensität verloren. Gleichsam wie bei Sepp Defregger wurde auch an diesem Wohnblock, der als Flüchtlings-Hilfsprojekt mit der finanziellen Unterstützung Schwedens gebaut werden konnte, die Idee des sozialen Wohnbaus thematisch haltbar in den Mittelpunkt gestellt.

 

1968: Gottfried Fuetschs „Der Flötenspieler“, Krastaler Marmor. Vollplastik im Grünbereich zwischen Brunecker Straße und Simon von Taisten-Weg. Foto: Martin Lugger

 

Nun, die Initiative zur Kunst im öffentlichen Raum fand in den Folgejahren des Baufortschritts auch auf den großzügig gestalteten Grünanlagen der Friedenssiedlung ihre Weiterführung. Zwischen 1962 bis 1968 entstanden dort sechs großformatige Freiplastiken mit unkomplizierter Aussagekraft. 1962 wählte Bildhauer Gottfried Fuetsch (1909-1989) aus Virgen das Märchenmotiv „Froschkönig“ für eine lebensgroße, naturnahe Skulptur aus Sandstein, die stilistisch als Anlehnung an Hans Pontiller erscheint und ursprünglich als Laufbrunnen-Ensemble errichtet wurde. 1968 folgten die Aufträge für das großplastische Relief „Rübezahl“ und die Vollplastik „Der Flötenspieler“ (beide aus Krastaler Marmor), wobei hier nun deutlich die emanzipierte Hinwendung des Bildhauers zu einer kubistisch abstrahierten Formenlösung begreifbar wird.

 

1962: Gottfried Fuetsch, „Froschkönig“, Skulptur aus Sandstein. Das Märchenmotiv wurde als Teil einer heute stillgelegten Laufbrunnenanlage Höhe Klausener Weg/Brixener Platz konzipiert. Foto: Eleonora Bliem-Scolari 2007

 

In diesem inhaltlichen Umfeld schuf 1965 der Innsbrucker Bildhauer und Restaurator Franz Roilo (1907-1977) für die Wiesenflächen die sakrale Freiplastik „Hl. Christophorus“ sowie zwei Tierskulpturen, „Zwei Störche“ und „Zwei Eidechsen“, die aus grob bearbeitetem Untersberger Marmor zeittypisch in figurativer Zurückhaltung umgesetzt wurden.

Die Tradition der geförderten Kunst am Bau fand in der Friedenssiedlung 2010 eine stimmige Fortführung. Die Osttiroler Gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft OSG (Architekturbüro Rohracher und Partner) beauftragte den Lienzer Maler und Steinbildhauer Peter Niedertscheider (geb. 1972), die umfangreiche Verglasung der Treppenhäuser zweier Baukörper am Falkensteinerweg Nr. 2a und 2b künstlerisch zu kontextualisieren. Er wählte für dieses Projekt als Vorlage eine feine Pinselzeichnung in Acryl auf Papier aus dem Jahr 1999, die hier überdimensioniert auf die Glasflächen affichiert worden ist.

 

2010: Peter Niedertscheider, „Textpassage aus der UN-Menschenrechtsdeklaration“, Druck auf Glas, Treppenhaus der Wohnanlage Falkensteinerweg Nr. 2a und 2b. Foto: Eleonora Bliem-Scolari

 

Inhaltlich zeigen die Figurengruppen eine Textpassage aus der UN-Menschenrechtsdeklaration mit männlichen und weiblichen Figuren, die als binär codierte Schriftzeichen zu lesen sind. Bei Nahsicht verliert das Einzelbild aber definitiv den piktogrammatischen Charakter, denn die auf Papier entstandenen Figuren unterscheiden sich durch ihren Entstehungsprozess während des Malens bzw. Zeichnens durch die Farbdichte und deren Verlauf.

Kunst am Bau als mitgedachter Teil einer Siedlungsentwicklung, der wie hier in der Friedenssiedlung in Lienz umfangreich erfahrbar ist, findet auch heute nicht selbstverständlich seine Umsetzung, sondern bedarf eines gewissen Eingeständnisses, Kunst bzw. kulturelle Zugänge nicht nur an deren Relevanz zu messen!

 

Text: Eleonora Bliem-Scolari, Fotos: Martin Lugger, Eleonora Bliem-Scolari, TAP/Sammlung Foto Baptist

07. Januar 2025 um