Zurück zum Ursprung: Stefan Sumerauer über den empathischen Umgang mit Demenz
Stefan Sumerauer stammt aus Tristach und ist als Pflegeexperte an der Universitätsklinik Graz tätig. Beim 4. Praxistag „Demenz“ der Selbsthilfe Osttirol sprach er über archaische Bedürfnisse, Beziehungspflege und die Bedeutung von Berührung.
Stefan Sumerauer, BSc MSc, geboren 1988, arbeitet an der Universitätsklinik für Neurologie in Graz, genauer gesagt an der Klinischen Abteilung für Neurogeriatrie. Darüber hinaus leitet er die pflegerische Expert:innengruppe für Demenz & Delir (Verwirrtheit) innerhalb der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGes), deren Konzepte in allen Häusern des Bundeslandes umgesetzt werden.
Die Wurzeln des Pflegeexperten liegen in Osttirol: Aufgewachsen ist er mit drei Brüdern in Tristach. Sein Zwillingsbruder Florian ist Schauspieler in Berlin, sein Bruder Paul arbeitet bei der TAL in Matrei und sein Bruder Markus ist als Malermeister selbstständig. Beim 4. Praxistag „Demenz“ der Selbsthilfe Osttirol am 20. September 2025 hielt Sumerauer den Impulsvortrag „Zurück zum Ursprung: Der Urmensch in uns“ und leitete einen Workshop zum Thema „Herausforderndes Verhalten verstehen und ihm begegnen“.

Sein zentrales Anliegen ist es, Menschen mit Demenz nicht nur medizinisch zu versorgen, sondern ihnen auf Augenhöhe zu begegnen – mit Empathie, Ritualen und Respekt vor ihrer Lebensgeschichte. „Der Schlüssel im Umgang mit Demenz liegt nicht im Korrigieren, sondern im Verstehen“, sagt Sumerauer. In seinen Vorträgen verweist er auf die tief verwurzelten menschlichen Bedürfnisse, die auch bei Demenz erhalten bleiben. Beziehung, Berührung und Sicherheit seien keine Extras, sondern Grundinstinkte – unabhängig von kognitiven Fähigkeiten.

Im Journal-Interview spricht Stefan Sumerauer über archaische Reaktionsmuster, die Bedeutung von Ritualen und darüber, wie Angehörige auch ohne Ausbildung instinktiv richtig handeln können.
Stefan, was bedeutet für dich „Der Urmensch in uns“ im Kontext der Pflege – und wie hilft dieses Bild, Menschen mit Demenz besser zu verstehen?
Das Leben des Urmenschen bietet eine großartige Analogie für die Welt der Demenz. Das Bild des „Urmenschen“ hilft, scheinbar irrationales Verhalten besser zu deuten. Bei Demenz treten archaische Reaktionsmuster stärker hervor. In Situationen, in denen ich kausale Zusammenhänge kaum oder nur noch schwer erfassen kann, verlassen wir uns alle auf unsere Instinkte. Es erfolgt eine Rückbesinnung auf grundlegende Bedürfnisse wie Sicherheit, Nähe und Nahrung.
Welche grundlegenden Bedürfnisse bleiben bei Menschen mit Demenz erhalten, auch wenn kognitive Fähigkeiten schwinden?
Eigentlich nahezu alle – bis auf die Selbstverwirklichung. Die Maslowsche Bedürfnispyramide beschreibt menschliche Bedürfnisse in fünf hierarchischen Stufen – von grundlegenden physischen Bedürfnissen bis zur Selbstverwirklichung. Erst wenn die unteren Bedürfnisse weitgehend erfüllt sind, strebt der Mensch nach den höheren Stufen wie Anerkennung und persönlichem Wachstum. Der Fokus richtet sich mit zunehmendem Abbau mehr und mehr auf die unteren Ebenen. Elementare und soziale Bedürfnisse rücken noch weiter in den Vordergrund.
Wie kann Pflegepersonal bzw. können pflegende Angehörige diese instinktiven Bedürfnisse erkennen und darauf eingehen?
Es geht um Bewusstmachung. Die Instinkte sind ja alle in uns und werden tagtäglich unterbewusst gelebt. Ein Beispiel sind nonverbale Signale für Stress: Wie reagieren wir vor öffentlichen Auftritten, wichtigen Prüfungen, unangenehmen Situationen? Suchende Blicke nach Vertrauten oder wiederholende Bewegungen dienen der Beruhigung und dem Stressabbau. Haare kringeln, Ellbogen streicheln, Nägel beißen – alles Anzeichen einer Stresssituation. Sollte ich ähnliche Zeichen bei Menschen mit Demenz erkennen, muss ich handeln. Bei längerer Missachtung folgt eine Reaktion, z.B. lautes Schreien, Flucht, Gegenwehr. Also jenes Verhalten, das bei Mitmenschen häufig auf Unverständnis stößt und als Belastung empfunden wird. Wenn ich mir als Pflegeperson oder Angehöriger diese Anzeichen bewusst mache, kann ich reagieren. Ich suche nach möglichen Auslösern (z.B. zu viele Reize, fremde Menschen, hektische Umgebung) und reduziere bzw. vermeide sie in Zukunft. So kann ich herausforderndem Verhalten positiv entgegenwirken.
Welche Rolle spielen Rituale, Berührung und Beziehung in der Betreuung von Menschen mit Demenz?
Beziehung, Kontakte, Rituale und Berührung sind keine Neben-Ergänzungen, sondern zentrale Bestandteile – nicht nur bei guter Demenzbetreuung, sondern generell. Struktur gibt Halt und Orientierung. Gerade mit dem kognitiven Abbau flüchten wir in die Routine, neue Situationen wirken herausfordernd und belastend. Wiederkehrende Abläufe – wie z. B. das gemeinsame Mittagessen oder der Kirchgang am Sonntag – reduzieren Angst und geben Orientierung. Beziehung ist das A und O und hat starke Auswirkungen auf die Gesundheit, besonders auch im Alter. Berührung und Nähe sind ebenso Grundbedürfnisse. Körperkontakt senkt Stresshormone, reduziert Angst und Unruhe, fördert Bindung und Vertrauen. Berührung ist für mich ein „soziales Schmerzmittel“ – einfach, wirksam, menschlich.
Wie verändert sich die Pflege- bzw. Betreuungsqualität, wenn wir den Menschen nicht nur als Patient:in, sondern als fühlendes Wesen mit Geschichte und Instinkt betrachten?
Am Beginn meiner Ausbildung besuchte ich ein Pflegeheim. Dort löste das Geräusch eines herabfallenden Küchentopfes bei einer Bewohnerin panische Angst und Fluchtverhalten aus. Beinahe kam es zum Sturz. Alle waren überrascht über das „verstörende Verhalten“ – kaum nachvollziehbar, herausfordernd, belastend. Durch Biografiearbeit wurde später klar: Während ihrer Kindheit im Krieg wurde das Schlagen auf Töpfe in Schutzbunkern genutzt, um Bombenlärm zu übertönen. Diese traumatische Erfahrung war jahrelang unterdrückt – mit der Demenz kam sie ungefiltert zurück. Dieses Wissen ändert alles: Das Verhalten wurde plötzlich erklärbar und wirkte nahezu logisch.
Wie können Angehörige den Gedanken des „Urmenschen“ in der häuslichen Pflege umsetzen, auch wenn sie keine professionelle Ausbildung haben?
Angehörigen würde ich dringend Demenzschulungen (z.B. Validation) oder den Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen (etwas in Selbsthilfegruppen) empfehlen. Es benötigt hier keine professionelle Ausbildung, aber eine 180-Grad-Wendung im Denken.
Kannst du dafür ein Beispiel nennen?
Eine Angehörige erzählte mir von ihrem demenzerkrankten Vater, mit dem sie oft schwierige Phasen durchlebte. Früher war er ein leidenschaftlicher Segler. Eines Tages fasste sie sich ein Herz und unternahm mit ihm eine Segeltour. Das Ergebnis war überraschend: Der sonst oft unruhige und verwirrte Mann war plötzlich ganz in seinem Element – ruhig, fokussiert und voller Fachwissen. Die Handgriffe saßen, er verwendete die richtigen Segelbegriffe wie früher und schien regelrecht aufzublühen. Für die Tochter war dies ein berührendes und prägendes Erlebnis.
Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was müsste sich in der Pflegekultur ändern, damit Menschen mit Demenz wirklich als Ganzes gesehen und begleitet werden?
In der Pflege hat sich in diesem Bereich viel getan: Es werden laufend Schulungen angeboten, auf den meisten Stationen finden sich unterstützende Materialien, und nahezu jedes Haus hat eine Strategie. Natürlich ist alles ausbaufähig. Ein Ziel wäre es, weitere Schulungen, weg von reiner Defizitbetrachtung, anzubieten. Jede Institution sollte dafür Demenzexpert:innen haben. Insgesamt geht es aber auch um mehr Mut zur Beziehungspflege anstelle von Bürokratie, um die Anerkennung der emotionalen Welt als zentrale Ebene und um die Förderung interkultureller und generationenübergreifender Begegnungen.
Danke für das Gespräch!
Text und Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Werner Stieber, privat
