Erkrankung Multiple Sklerose: Optimismus ist berechtigt

In Österreich leben rund 13.000 Menschen mit der Diagnose Multiple Sklerose. Jedes Jahr kommen circa 400 neue Fälle hinzu. Neurologin Dr. Gabriele Morgenstern informiert über Fortschritte in der Behandlung der MS.

Der Verlauf dieser entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems ist von Patient zu Patient unterschiedlich, die Ursachen sind noch nicht geklärt. Die Entwicklung neuer Medikamente in den vergangenen Jahren macht es möglich, dass der Krankheitsverlauf heute sehr oft gestoppt bzw. zumindest verlangsamt werden kann. Seit wann Multiple Sklerose auftritt, ist unbekannt. Bis zum Mittelalter gibt es in medizinischen Quellen keine Belege, die aus heutiger Sicht auf diese Erkrankung hindeuten. Als der frühest dokumentierte Fall, der als MS interpretiert werden kann, gilt die Geschichte der 15-jährigen Lidwina von Schiedam. Das Mädchen stürzte im Februar 1395 beim Eislaufen und zog sich mehrere Rippenbrüche zu, die nur schlecht verheilten. In den folgenden 37 Jahren zeigten sich – mit schubförmigen neurologischen Verschlechterungen bzw. Verbesserungen – Symptome, die einer Erkrankung des zentralen Nervensystems zugeschrieben werden können. So litt sie an Lähmungen beider Beine, des rechten Arms und des Gesichtes. Sie erblindete auf einem Auge, hatte Sensibilitätsstörungen und Schluckprobleme.

 

Nervenbahnen transportieren elektrische Impulse – Schaltstellen haben eine Schlüsselfunktion. Bei MS-Patienten entstehen Schäden im System.

 

„Prinzipiell sind“, so Neurologin Dr. Gabriele Morgenstern, „die Symptome von Patient zu Patient unterschiedlich. Sie können sowohl bei Krankheitsbeginn, als auch im Intervall (schubförmig) auftreten. Oft beginnt die Erkrankung mit Sehstörungen auf einem Auge im Sinne einer Sehnerventzündung. Hinweise auf eine MS können aber auch z.B. Sensibilitätsstörungen, Missempfindungen, brennende Schmerzen, Kraftlosigkeit, Gehstörungen und selten auch Schwindel sein. Im Krankheitsverlauf kann sich eine Spastik (Steifigkeit) in den Extremitäten entwickeln. Nicht zu unterschätzen sind des Weiteren Beschwerden, die oft nicht direkt sichtbar und fassbar sind wie eine abnorme vorzeitige Erschöpfbarkeit und Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Einschränkungen der Aufmerksamkeit und Konzentration oder Merkfähigkeitsstörungen.“

Dr. Morgenstern kann in ihrer Praxis in Lienz auf eine langjährige Erfahrung in der Betreuung von MS-Patienten verweisen. „Ich beschäftige mich seit rund 18 Jahren mit dieser Krankheit, bilde mich laufend fort und arbeite eng mit den Universitätskliniken in Innsbruck und Graz zusammen.“ Als zertifiziertes Osttiroler MS-Zentrum stellt sich die Fachärztin alle zwei Jahre der Rezertifizierung durch die Österreichische Neurologische Gesellschaft, was bedeutet, dass sie bestimmte Qualitätskriterien nachweisen und erfüllen muss. Diese gelten als Garantie für eine Behandlung auf Top-Niveau, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht.

„Die Ursache der MS ist noch nicht geklärt“, informiert Dr. Morgenstern. „Vermutlich spielt das körpereigene Abwehrsystem eine Rolle, von Bedeutung ist sicherlich aber auch die Genetik. Man kann davon ausgehen, dass verschiedene Faktoren zusammentreffen müssen, d.h. wir gehen von einer multifaktoriellen Entstehung aus. Bisher wurden rund 200 Gene identifiziert, die, wie zahlreiche Umweltfaktoren, Lebensweise und Infektionen, mitverantwortlich sein können.“ Diesbezüglich werde, so die Neurologin, laufend intensiv geforscht. „MS ist keine Erbkrankheit. Es wird aber sehr wohl eine Prädisposition (Neigung) vererbt, mit der Möglichkeit, an Multipler Sklerose zu erkranken. Betroffen sind insbesondere junge Erwachsene, Frauen ungefähr doppelt so häufig als Männer. “

 

Die Diagnose von MS basiert auf verschiedensten Untersuchungen und einer ausführlichen Anamnese – einen einzelnen Test gibt es bislang noch nicht.

 

In der Diagnostik dieser entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems setzt man aktuell auf eine ausführliche Anamnese und verschiedene Untersuchungen. Durch einen einzelnen Test kann MS nicht nachgewiesen werden. In die Diagnosestellung fließen klinische Krankheitszeichen ebenso mit ein wie Blutuntersuchungen und bildgebende Verfahren (wie MRT). „Die Untersuchungen sind sehr spezieller Art und sollten von einem Facharzt/einer Fachärztin durchgeführt werden“, so Dr. Morgenstern.

Multiple Sklerose zählt zu den bisher nicht heilbaren Erkrankungen. Je früher die Diagnose erfolgt und eine Behandlung beginnt, desto besser können die derzeitigen Therapien den Krankheitsverlauf beeinflussen. Berechtigte Hoffnung für alle Betroffenen geben die Fortschritte, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Behandlung erzielt werden konnten. Dr. Morgenstern dazu: „Früher wurde MS mit dem Schicksal Rollstuhl und schwersten Behinderungen gleichgesetzt. Heute hat diese Krankheit sehr viel von ihrem Schrecken verloren. Es ist Zeit, das negative Bild durch ein deutlich positiveres zu ersetzen. Heute steht uns eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung, die die Krankheitsaktivität stoppen oder zumindest das Fortschreiten verlangsamen können.“ Wichtig sei dabei immer, so die Lienzer Fachärztin, dass die Behandlung individuell auf den Patienten und dessen Krankheitsverlauf abgestimmt wird. „Ich nehme mir für meine Patienten viel Zeit. Ausführliche Gespräche und das Arzt-Patienten-Vertrauen sind mir sehr wichtig. Oft begleite ich Betroffene über viele Jahre bzw. Jahrzehnte und kenne auch die Angehörigen, die nach Möglichkeit immer in die Behandlung miteinbezogen werden.“

 

Zwei Therapiesäulen
In der Behandlung der Multiplen Sklerose werden zwei Therapiesäulen unterschieden. Zum einen die „Schubtherapie“ und zum anderen die „Immunprophylaktische Therapie“.Infotext: Fügen Sie hier den Text, der innerhalb der Infobox angezeigt werden soll, ein.Die Schubtherapie ist auf den akuten Schub ausgerichtet, während durch die immunprophylaktische Therapie die Anzahl als auch die Schwere von Schüben reduziert werden soll. Dies hat zum Ziel, eine mögliche spätere Behinderung zu verhindern bzw. zu verzögern. Aus diesem Grund wird die Therapie heute auch möglichst früh begonnen. Während eines akuten Schubes wird in der Regel zur Entzündungshemmung hochdosiertes Prednisolon eingesetzt, welches über die Vene als Infusion drei bis fünf Tage gegeben wird. Bei unzureichender Rückbildung wird die Behandlung wiederholt oder, wenn dies im Einzelfall keinen Erfolg bringt, eine Blutwäsche durchgeführt.In der Vorbeugung von Schüben differenziert man zwischen der Therapie „milder“ und „hochaktiver“ Verlaufsformen, für die unterschiedliche Behandlungsformen in Frage kommen. Bei der milden Form werden Infusionen von Beta-Interferonen oder Glatirameracetat eingesetzt. Darüber hinaus sind seit 2013/2014 Teriflunomid und Dimethylfumarat als Behandlungsoption für MS-Patienten mit schubförmigem Verlauf zugelassen. Beide Substanzen, die in Tablettenform eingenommen werden, haben vorwiegend entzündungshemmende Eigenschaften. Bei Patienten mit einem hochaktiven Verlauf kommen andere Medikamente zum Einsatz. Diese sind wirksamer als die Therapien für milde Verläufe, aber auch mit höheren Risiken verbunden. In Frage kommen hier u.a. die monatliche Infusionstherapie mit dem monoklonalen Antikörper Natalizumab, der Einsatz des seit 2011 zugelassenen Medikamentes Fingolimod (orale Einnahme als Kapsel) oder die Infusion von Alemtuzumab (seit 2013 zugelassen). Seit September 2017 steht mit Cladribin ein selektives Immunsuppressivum als Tablette zur Behandlung der hochaktiven schubförmigen Multiplen Sklerose zur Verfügung. Geeignet erscheint dieses Medikament insbesondere für Patienten, die aufgrund mangelnder Wirksamkeit eines Wirkstoffes für die milde oder moderate Verlaufsform einen Wechsel in der Langzeittherapie benötigen. Im Jänner 2018 wurde für die chronisch progrediente Verlaufsform mit nachweislicher Wirkung auf das Fortschreiten der Erkrankung Ocrelizumab zugelassen. Es wird alle sechs Monate über die Vene infundiert, wobei die erste Dosis auf zwei Infusionen aufgeteilt wird. Nach Verhandlungen mit den Krankenkassen dürfte dieses Medikament in rund sechs bis neun Monaten verfügbar sein. Für 2019 schließlich wird die Zulassung von Siponimod erwartet. Es soll, in Tablettenform verabreicht, lt. Studien Wirksamkeit bei Patienten mit sekundär progredientem Verlauf zeigen. Das 2016 zugelassene Medikament Daclizumab (Zynbrita) wurde leider vor Kurzem wegen unerwünschter Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen.

 

Text: Medizinredaktion, Fotos: privat, Fotolia